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Schleier im Kopf

Schlafentzug wurde als Foltermethode in Diktaturen eingesetzt, zuletzt auch von der CIA gegen Terrorverdächtige. Präsident Obama ließ die Methode verbieten, Wissenschaftler halten sie für kontraproduktiv.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Die ersten Wochen im afghanischen Bagram verbringt der Terrorverdächtige Abu Subeida auf einem Stuhl festgeschnallt, an Händen und Füßen gefesselt - und ohne Schlaf. In der Zelle, in der er sitzt, ist es kalt, aus den Boxen kommt 24 Stunden lang laute Musik, immer dieselbe, in 15-Minuten-Schleifen, ab und zu unterbrochen von lautem Rauschen und Knistern: »Während dieser Zeit bekam ich Blasen an den Unterseiten meiner Schenkel durch das ständige Sitzen. Ich durfte nur aufstehen, um zur Toilette zu gehen, die ein einfacher Eimer war ... Wenn ich anfing einzuschlafen, kam eine Wache und sprühte mir Wasser ins Gesicht.«

Der Gefangene Abu Subeida wird später gegenüber Mitarbeitern des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC) zu Protokoll geben, er glaube, dass er zwei bis drei Wochen in dem US-Militärgefängnis bei Kabul überhaupt nicht geschlafen habe. Genau weiß er es nicht.

Andere Gefangene, die von einer Delegation des ICRC im September 2006 in Guantanamo befragt wurden, machten ähnliche Angaben. Bei 11 der 14 sogenannten High Value Detainees, hochrangigen Terrorverdächtigen von al-Qaida, ist Schlafentzug nachweislich als spezielle, unter der Bush-Regierung autorisierte Verhörmethode eingesetzt worden.

Neben dem im März 2002 festgenommenen vermeintlichen Qaida-Logistiker Abu Subeida wurde auch Chalid Scheich Mohammed, Chefplaner der Anschläge des 11. September 2001, siebeneinhalb Tage lang am Schlafen gehindert, in Windeln und an Händen und Füßen angekettet: »Ich war nackt und musste die ganze Zeit stehen, meine Hände waren zusammengebunden und an eine Stange oberhalb meines Kopfs angekettet. Sie befragten mich eine Stunde lang, dann wurde ich in einen anderen Raum gebracht, in dem ich während des Verhörs zwei Stunden lang auf Zehenspitzen stehen musste ... Von Zeit zu Zeit kam ein Mann zu mir und versetzte mir einen Schlag in Brust und Magen. So ging es zwei Nächte lang.«

Schlafentzug wird im Zehn-Punkte-Katalog der unter der Bush-Regierung gebilligten »speziellen Verhörmethoden« unter Punkt acht aufgeführt. Im August 2002 erklärten Juristen des Weißen Hauses die Methode ausdrücklich für legal, in nüchterner Bürokratensprache: Das Individuum, heißt es da, solle durch Schlafentzug »in seiner Fähigkeit, eigenständig zu denken, reduziert werden«, die so hergestellte »extrem unkomfortable Situation« solle den Gefangenen motivieren zu kooperieren. Langfristige gesundheitliche Schäden seien nicht zu befürchten, auch das wird im sogenannten Folter-Memorandum vermerkt.

Die White-House-Juristen gaben präzise vor, wie lange zu foltern sei: Der Schlafentzug solle nicht länger als 180 Stunden andauern, siebeneinhalb Tage. Danach müsse dem Gefolterten »erlaubt sein, mindestens acht Stunden ohne Unterbrechung zu schlafen«. Zulässig sei nur eine »einmalige Anwendung von bis zu 180 Stunden«. Gehalten hat man sich daran wohl nicht immer.

Dem Menschen tagelang eines seiner Grundbedürfnisse vorzuenthalten, den Schlaf, das ist seit langem eine geläufige Foltermethode. Der spätere israelische Premierminister Menachem Begin wurde in den vierziger Jahren als Gefangener des sowjetischen Geheimdienstes tagelang systematisch wach gehalten. Später beschrieb er diese Erfahrung in einem Buch über seine Zeit in Russland:

»Im Kopf des Gefangenen beginnt sich ein Schleier zu formen ... Man hat nur noch einen Wunsch: zu schlafen ... Jeder, der diese Erfahrung einmal gemacht hat, weiß, dass noch nicht einmal Hunger oder Durst damit vergleichbar sind.«

Auch in den Stasi-Gefängnissen der DDR gehörte die Methode zum klassischen Verhör-Repertoire. Gefangene aus Berlin-Hohenschönhausen und auch aus dem Frauengefängnis Hoheneck in Sachsen berichteten später von Leuchtstoffröhren, die alle 15 bis 30 Minuten grell aufflammten, und kaltem Wasser, das ihnen ins Gesicht geschleudert wurde.

Der Regimegegner Karl Wilhelm Fricke, 80, wurde im April 1955 in Hohenschönhausen sieben Tage und sieben Nächte lang verhört, sein Vernehmungsoffizier ging danach um sieben Uhr morgens schlafen, dem Häftling war das nicht erlaubt:

»Wenn ich im Sitzen auf der Pritsche - Liegen war tagsüber ohnehin verboten - ein paar Minuten die Augen schloss, donnerten die Posten gegen die Zellentür: 'Schlafen Se nicht ein'; oder: 'Setzen Se sich anständig hin.'«

Schlafentzug wurde bei Gefangenen im Korea-Krieg angewandt, in China und in Südamerika. Und nach 9/11 eben auch in den geheimen Gefängnissen der CIA in Europa, in Bagram und in Guantanamo.

Bis zum Januar 2008. Da unterschrieb der neugewählte US-Präsident Barack Obama gleich als erste Amtshandlung ein Dekret, das die »speziellen Verhörmethoden«, zu denen der systematische Schlafentzug gehörte, verbot.

Immer wieder war in den Memoranden seiner Vorgängerregierung die Unbedenklichkeit dieser Verhörmethode betont worden. Die Verfasser bezogen sich dabei auf diverse Selbstversuche unter wissenschaftlicher Beobachtung und Trainingsprogramme der amerikanischen Armee, in denen Schlafentzug angewandt wurde.

Für den Freiburger Schlafforscher Ulrich Voderholzer kommt mehrtägiger Schlafentzug von über 48 Stunden massiver psychischer Folter gleich. »Er führt zu schweren Gedächtnislücken, Verwirrtheit und Halluzinationen«, so Voderholzer, »in schweren Fällen kann der Körper seine Temperatur nicht mehr regulieren und kühlt aus. Das wiederum kann zum Tode führen.«

Viele wissenschaftliche Untersuchungen zu extremem Schlafentzug gibt es nicht, in den achtziger Jahren führte die Universität von Chicago Experimente mit Nagetieren durch, die man am Schlafen hinderte. Das Ergebnis: Die Tiere verloren an Gewicht, ihr Fellhaar fiel teilweise aus, einige der Nager starben.

Im Schlaflabor der Freiburger Universitätsklinik, das Voderholzer leitet, werden seit Jahren Daten von Patienten mit schweren Schlafstörungen erhoben. Demnach führt wenig Schlaf zwar meist nicht zu dauerhaften körperlichen Schäden, beeinflusst aber durch eine erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen negativ die synaptischen Verbindungen im Gehirn und wirkt sich auch negativ auf die Bildung neuer Nervenzellen aus. Massiv leiden die Gedächtnisfunktionen unter extremem Schlafmangel.

Neurowissenschaftlich gesehen unterstützen diese Erkenntnisse also keinesfalls die These, die der CIA-Verhörpraktik des Schlafentzugs zugrunde lag: Gefangene, die nicht kooperieren wollten, sollten durch Herbeiführen einer extremen Situation dazu bewegt werden, Informationen zu Anschlagsplänen und Hintergründen des Qaida-Netzwerks preiszugeben. Aber wie sollten sie präzise sein - vorausgesetzt, sie wollten es überhaupt -, wenn der Schlafentzug zu Gedächtnislücken führte?

Chalid Scheich Mohammed, der selbsternannte 9/11-Architekt, scheint auch nach den Folterverhören seine Gegenüber noch bewusst getäuscht zu haben. Das behauptete er zumindest gegenüber Mitarbeitern des Roten Kreuzes in Guantanamo:

»In der schlimmsten Phase meiner Verhöre habe ich ihnen eine Menge falscher Informationen gegeben, nur um sie zufriedenzustellen und um die Misshandlungen zu stoppen. Ich habe meinen Vernehmern später gesagt, dass ihre Methoden dumm und kontraproduktiv waren. Und ich bin mir sicher, dass die falschen Informationen, die sie mich zwangen zu erfinden, sie eine Menge Zeit gekostet haben.«

Schon drei Monate nach dem 11. September übertrug George W. Bush die Befragung hochrangiger Qaida-Gefangener der CIA. Der Dienst aber verfügt damals über nur wenig Erfahrung mit Verhören, und so kommt es, dass die CIA ausgerechnet das dunkelste Kapitel dieser Bush-Jahre, die Ausarbeitung der »speziellen Verhörtechniken«, einer privaten Sicherheitsfirma überträgt.

Die beiden Männer, die Amerika das Foltern beibringen, heißen James Mitchell und Bruce Jessen. Beide haben jahrelang im geheimen SERE-Trainingsprogramm der amerikanischen Armee gearbeitet, beide sind Psychologen, und beide haben noch nie in ihrem Leben ein Verhör geführt. Als aber auf Anfrage der CIA das Verteidigungsministerium bei SERE um Hilfe im »Krieg gegen den Terror« bittet, reagieren sie sofort.

Das Kürzel SERE steht für Survival, Evasion, Resistance and Escape, das Programm bereitet vor allem Air-Force-Piloten auf Situationen nach einer Gefangennahme vor. In verschiedenen Trainingseinheiten lernen sie, Misshandlungen durch den Feind zu widerstehen. Während des Trainings werden die Soldaten all jenen Verhörmethoden ausgesetzt, die später in Bagram, CIA-Geheimgefängnissen und Guantanamo zum Einsatz kamen: Waterboarding, Schlafentzug, stundenlanges Verharren in unbequemen Positionen, Beschallung mit lauter Musik, extreme Temperaturwechsel.

Im April 2002 stellen Jessen und Mitchell in einer Powerpoint-Präsentation dem Verteidigungsministerium verschiedene Verhörtechniken vor. Es ist die umgekehrte Anwendung des SERE-Trainingsprogramms, diesmal gegen den Feind gerichtet. Im selben Monat liefern sie der Regierung die erste Blaupause zum Foltern: den Entwurf eines Verhörprogramms. Schlafentzug oder auch Waterboarding sind schon damals feste Bestandteile.

Niemand hält die beiden auf. Die Tatsache, dass alle diese Methoden ja an Hunderten amerikanischen Soldaten ausprobiert wurden, verleiht dem Programm geradezu wissenschaftliche Kompetenz.

Dabei, so sagt jetzt ein Neurowissenschaftler aus Irland, sei die Annahme, dass solche Methoden zum gewünschten Erfolg führen würden, nicht im Geringsten von der Wissenschaft belegt. Shane O'Mara vom Trinity College in Dublin führte vor kurzem eine der wenigen Studien zum Thema Folter aus neurowissenschaftlicher Sicht durch. Nach derzeitigem Wissen der kognitiven Neurobiologie sei es unwahrscheinlich, so resümiert er, »dass verschärfte Verhörtechniken die Herausgabe von wahrheitsgetreuen Angaben aus dem Langzeitgedächtnis befördern«.

Schlafentzug verursache eine erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, sagt O'Mara, und das wiederum habe gravierende Effekte auf das Langzeitgedächtnis. Dieser Vorgang könne sogar falsche Erinnerungen produzieren - womit die Techniken das genaue Gegenteil ihrer Zielsetzung bewirkt hätten.

Dem widerspricht sogar der ehemalige CIA-Generalinspekteur John Helgerson nicht, der 2003 eine CIA-interne Untersuchung zu Vorgängen in den CIA-Geheimgefängnissen leitete. »Nach allem, was ich gesehen habe, muss ich zugeben, dass ich immer noch nicht weiß, ob diese Methoden effektiv und notwendig waren«, sagte er im August in einem SPIEGEL-Interview, kurz nachdem sein lange als geheim eingestufter Report freigegeben worden war.

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