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RAUMFAHRT »Schnitt ins Muskelfleisch«

Nasa-Manager Jesco von Puttkamer über die Risiken von Mars-Flügen und die Erforschung des Wüstenplaneten
aus DER SPIEGEL 50/1999

Von Puttkamer, 66, ist Planungsmanager im Hauptquartier der Nasa in Washington. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr von Puttkamer, innerhalb weniger Monate sind nacheinander zwei Marssonden der Nasa vor Erreichen des Wüstenplaneten verschollen. Was haben die grünen Männchen nur gegen Besuch von der Erde?

Puttkamer: Die Außerirdischen hatten es gar nicht nötig, unsere Robotersonden abzuschießen. Leider stellt sich das heutige Laienpublikum, das mit »Raumschiff Enterprise« groß geworden ist, eine Landung auf dem Mars viel zu leicht vor. Eine Reise zu dem über 200 Millionen Kilometer entfernten Himmelskörper ist immer noch riskanter als ein Charterflug nach Mallorca.

SPIEGEL: Was macht die Landung auf dem Mars so schwierig?

Puttkamer: Die klimatischen Bedingungen sind oft genug mörderisch. Auf dem Mars fegen Sandstürme mit über 400 Stundenkilometern übers Land. Bis heute ist es ein großes Rätsel, wie solche Super-Orkane überhaupt entstehen können.

SPIEGEL: Kann man nicht vorher ausspähen, ob sich in der Nähe der Landestelle ein Unwetter zusammenbraut?

Puttkamer: Selbst dann hätten wir keine Möglichkeit mehr gehabt, den aus Kostengründen sehr einfach gebauten »Polar Lander« umzusteuern. Bei den technisch weit aufwendigeren »Viking«-Missionen in den siebziger Jahren war das noch möglich. Bei einer der »Viking«-Sonden musste die für den 4. Juli geplante Landung tatsächlich verschoben werden. Der Flugkörper wurde in einer Mars-Umlaufbahn geparkt, bis sich der Sturm gelegt hatte.

SPIEGEL: Wie ist das Wetter denn zur Zeit auf dem Mars?

Puttkamer: Auf der Südhalbkugel hat längst der Frühling begonnen. Das Poleis schmilzt und infolge der damit verbundenen Temperaturänderungen bilden sich mächtige Sandstürme. Es ist also gut möglich, dass der »Polar Lander« von einem solchen Orkan zerschmettert wurde.

SPIEGEL: Wird man je herausfinden, was genau passiert ist?

Puttkamer: Das wird schwer. Die Übertragung der Flugdaten endete 12 Minuten vor der Landung. Das hängt mit der abgelegenen Landestelle am Südpol zusammen; auf dem Weg dorthin ließ sich die Sendeantenne nicht mehr auf die Erde ausrichten. Über die entscheidenden Minuten wissen wir also so gut wie nichts.

SPIEGEL: Immerhin hält sich der Schaden in Grenzen. Die Billig-Sonde »Polar Lander« kostete mit 165 Millionen Dollar zehnmal weniger als die früheren »Viking«-Sonden.

Puttkamer: Noch billiger ist ein unbemannter Raumflug auch kaum mehr zu realisieren. Vielleicht haben wir beim »Polar Lander« sogar schon die Schmerzgrenze überschritten. Womöglich wurde aus Kostengründen auf entscheidende Sicherheitstests oder auf Reservesysteme an Bord verzichtet, das wird die eingeleitete Untersuchung zeigen. Beim Abspecken besteht eben immer die Gefahr, dass auch wertvolles Muskelfleisch wegfällt. Raumfahrt ist und bleibt eine teure Angelegenheit - wer die hohen Kosten scheut, sollte lieber die Finger davonlassen.

SPIEGEL: Was bedeutet die jüngste Havarie für die zukünftigen Mars-Missionen?

Puttkamer: Ende 2001 soll ein Orbiter in die Mars-Umlaufbahn einschwenken; zwei Monate später soll eine weitere Landefähre folgen. Beide Sonden basieren auf der gleichen Technologie wie der »Polar Lander«. Vermutlich werden an der Hardware nun wesentliche Änderungen vorgenommen.

SPIEGEL: An die baldige Landung eines Menschen auf dem Mars denkt bei der Nasa nun wohl niemand mehr.

Puttkamer: Im Gegenteil. Wir haben nach der »Challenger«-Katastrophe ja auch nicht die Shuttle-Flüge eingestellt. Es bleibt dabei: Alle zwei Jahre werden neue Spähsonden und Landeeinheiten zum Mars starten. Und irgendwann folgt der Mensch. Der Weltraum ist nun einmal eine gefährliche Gegend - aber genau das macht, ähnlich wie bei der Besteigung des Mount Everest, den Reiz aus. INTERVIEW: OLAF STAMPF

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