Zur Ausgabe
Artikel 78 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AUTOMOBILE Schräge Knackwurst

Mit dem Golf-Gegner Auris plant Toyota den lang ersehnten Durchbruch in Europa. Dabei wird wieder deutlich: Japans Musterkonzern kann alles - nur kein Design.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Das meistverkaufte Auto Europas war in den vergangenen Wochen auf 90 000 deutschen Plakatwänden zu sehen. Volkswagen feierte 25 Millionen Golf-Verkäufe und versicherte, sich über jeden einzelnen zu freuen.

Dies mag niemand bezweifeln. Der Golf bildet das wirtschaftliche Rückgrat des VW-Konzerns, ist mithin das Leitvehikel der größten europäischen Fahrzeuggattung. Zu 70 Prozent wird sie von deutschen und französischen Herstellern beherrscht.

»Dieses Gleichgewicht stören« will nun Toyota, so die offizielle Verlaut- barung des asiatischen Autokonzerns zur Präsentation seines neuen Golf-Gegners. Der Wagen wird Auris heißen und Ende Februar auf dem gleichen Reklamepfad ins deutsche Straßenbild rücken, auf dem der Golf jubilierte - das allerdings mit mehr als doppelter Wucht: 200 000 Plakatwände, die größte je in Deutschland gebuchte Anzahl, werden den Auris zeigen.

Der Auftritt kostet etwa drei Millionen Euro pro Tag und dokumentiert vor allem eines: Wenn Toyota Großes vorhat, ist Geld nicht der begrenzende Faktor. Und Auris ist ein sehr großes Vorhaben.

200 000 Exemplare sollen jährlich in Europa gebaut und verkauft werden; das wären knapp 60 000 mehr als beim Vorgänger. Die Zahl entspräche nahezu der Hälfte des westeuropäischen Golf-Absatzes. Der erfolgreichste Autokonzern der Welt (Jahresabsatz: neun Millionen Autos) will endlich die letzte Schwachstelle seiner globalen Marktpräsenz eliminieren.

Bislang trat Toyota in der Golf-Klasse mit seinem Kompaktwagen Corolla an - immerhin der meistverkaufte Fahrzeugtyp der Welt: Über 32 Millionen wurden seit 1966 verkauft, vorwiegend jedoch in Asien und Amerika. Um sich in Europa zu etablieren, mangelte es der Baureihe vor allem an Kontinuität im Design. Die Formgebung veränderte sich bei Modellwechseln in willkürlichen Sprüngen, ohne erinnernswerte Eindrücke zu hinterlassen.

In der für Europa konzipierten Schrägheckvariante heißt der Corolla jetzt Auris. Andere Märkte und manche europäische beliefert Toyota weiterhin mit einem im Kern baugleichen Stufenheckmodell unter der alten Bezeichnung.

Mit einem am Klassendurchschnitt orientierten Grundpreis von 15 200 Euro und breitem Portfolio Toyota-typischer Tadellosigkeit wird der Auris am 3. März in den Handel kommen: Fünf Crashtest-Sterne schmücken ihn ebenso wie günstige Einstufungen in der Kaskoversicherung. Es gibt neun Airbags; einer davon schützt sogar die Knie des Fahrers.

Trotz des sehr hohen Dachs - die Konstrukteure orientierten sich am Peugeot 307 - weist die Karosserie einen erstklassigen Cw-Wert von nur 0,29 auf. Nach der Qualität zu fragen erübrigt sich. Der Konzern, der schon Autos zurückruft, wenn mal ein Teppich unschöne Wellen schlägt, bedarf hier keiner Prüfung.

Die Benzinmotoren mit 97 und 124 PS bieten ordentliche Normverbrauchswerte um sieben Liter. Sehr laufruhig, sparsam und durchzugsstark sind die Dieselaggregate, die neben serienmäßigen Partikelfiltern auch über ein aufwendiges Katalysatorsystem verfügen, das Stickoxide reduziert. Das Spitzenmodell leistet 177 PS und schluckt im Normschnitt nur 6,2 Liter auf 100 Kilometer.

Ausschließlich in dieser 210 Stundenkilometer schnellen Version setzt Toyota statt der üblichen Verbundlenker-Konstruktion eine aufwendigere Hinterachse mit Einzelradaufhängung ein. VW stattete dagegen sämtliche Golf-Typen mit dem anspruchsvolleren Konstrukt aus, das das einzelne Fahrzeug in der Herstellung um etwa 50 Euro teurer macht - bei Autos, die millionenfach gebaut werden, ein durchaus relevanter Betrag.

Der Erfolg in der Golf-Klasse hängt jedoch weniger von Achstypen als vom Aussehen ab. Die Form des Auris wurde in Südfrankreich festgelegt, wo Toyota inzwischen ein Designzentrum betreibt. Die Außengestaltung folgt geschickt dem Golf-Rezept, nach dem ein Auto auf möglichst anmutige Weise unsichtbar sein sollte.

Innen ist der Auris dagegen arg misslungen. Aus silbrig glänzendem Hartplastik modelliert, verläuft die Mittelkonsole einer Riesenknackwurst gleichend schräg zwischen den Vordersitzen hinab. Die an ihrem unteren Ende montierte Handbremse könnte als ergonomischer Totalschaden in die Geschichte des Gebrauchsdesigns eingehen.

Gestalterische Eskapaden solchen Kalibers zählen zu den rätselhaften Facetten dieses im Kern völlig rationalen Autokonzerns; und auch die Erklärung, was zu der Formgebung inspiriert haben soll, scheint wenig hilfreich.

Toyota nennt die Stützstreben der Kathedrale Notre-Dame als Vorbild des Kunststoffkonstrukts. Es mag trösten, dass deren Erbauer von diesem Vergleich nicht mehr erfahren können. CHRISTIAN WÜST

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 78 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.