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Automobile Schriller Retter

Ein automatischer Wecker im Armaturenbrett soll müde Autofahrer wachhalten.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Am Steuer seines Toyota Corolla findet Kord Stelter, 53, keine Ruhe mehr. Seit 23 Wochen ist der Kompaktwagen des Bremer Elektrotechnikers mit einem neuartigen Zubehör ausgestattet, das die delikate Aufgabe hat, dem Fahrer planmäßig auf den Wecker zu fallen.

In regelmäßigen Abständen erklingt ein quäkender Hupton aus dem Armaturenbrett. Kneift Stelter darauf eine der Hände am Lenkradkranz etwas zusammen, verstummt das Signal, jedoch nur für kurze Zeit. Alle 15 Sekunden belästigt der akustische Störenfried den Wagenlenker aufs neue, es sei denn, er eilt dem Schall durch fleißiges Drücken voraus.

Was anmutet wie eine subtile Form von Psychoterror, soll dem Wohl des Automobilisten dienen. Stelter benutzt das beharrliche Weckgerät freiwillig. Er hat es selbst erdacht und nennt es »FFDS« (Fahrzeug/Fahrer-Dialogsystem). Sein Ziel ist die »Vermeidung von Unfällen im Straßenverkehr, die durch Geistesabwesenheit hervorgerufen werden«.

Schläfrigkeit zählt zu den häufigsten lebensbedrohenden Gefahren im Straßenverkehr. Der Verband der Autoversicherer (HUK-Verband) untersuchte 1991 alle 204 tödlichen Unfälle auf bayerischen Autobahnen. Bei knapp einem Viertel hatten Fahrer die Kontrolle über den Wagen verloren, weil sie am Steuer eingenickt waren. Auf alle Fernstraßen hochgerechnet, sterben demnach in Deutschland jedes Jahr Hunderte im Schlaf.

Die Entwickler der Autoindustrie arbeiten bislang vergebens an praktikablen Methoden, mit Technik das tödliche Einnicken zu verhindern. Seit der Mitte der achtziger Jahre erprobt Mercedes-Benz eine Warnelektronik für Nutzfahrzeuge. Mit Hilfe von Kameras werden die weißen Fahrbahnbegrenzungen abgetastet. Sobald das Fahrzeug verdächtig aus der Spur schlingert, schlägt das System Alarm. Von der Serienreife ist die Anlage noch weit entfernt.

Wesentlich einfacher zu realisieren wäre dagegen das Wecksystem des Erfinders Stelter. Es ist dem Sicherheitsschalter ("Totmannknopf") bei der Bahn vergleichbar, den der Lokführer ständig gedrückt halten und alle 20 Sekunden loslassen muß, um zu signalisieren, daß er noch bei vollem Bewußtsein ist.

Die Stelter-Anlage arbeitet mit einfachsten elektrischen und elektronischen Bauteilen. Die einzige technische Neuheit daran ist das von dem Erfinder patentierte »Multi-Kontakt-Band« am Lenkrad, an dem der Fahrer die rhythmisch tönenden Wecksignale per Händedruck quittieren muß.

Damit der Fahrer nicht während der Kurvenfahrt abgelenkt wird, schaltet sich das System automatisch ab, wenn das Lenkrad aus der Mittellage gedreht wird. Der Bremer Elektrotechniker denkt inzwischen auch über den Einsatz eines Geschwindigkeitssensors nach, der die Anlage erst ab 70 km/h aktiviert. Schließlich schläft kaum jemand beim Durchfahren einer geschlossenen Ortschaft ein.

Bei Verkehrswissenschaftlern und Unfallforschern rief Stelters Idee gegensätzliche Reaktionen hervor. Professor Dieter Ungerer, Experte für Sensomotorik an der Uni Bremen, ermutigt den Bremer Tüftler. Stelters Erfindung sei »ein guter Ansatz, originell und sinnvoll«.

Große Vorbehalte gegen den schrillen Retter hat Klaus Langwieder, Unfallforscher beim HUK-Verband. »Das Ding geht Ihnen im Lauf der Zeit fürchterlich auf die Nerven, und es löst die Probleme nicht.« Man dürfe sich das Einnicken am Steuer nicht wie einen Tiefschlaf vorstellen, aus dem der Fahrer jäh geweckt werden muß. Der müde Fahrzeuglenker schlummere »mit offenen Augen«.

Dem widerspricht Sensomotorik-Fachmann Ungerer ganz entschieden. »Der Fahrer schläft tiefer, als er glaubt«, behauptet der Bremer Professor, gestützt durch eine Untersuchung der Autoindustrie.

Die Ingenieure der Ford-Werke forschen derzeit an verschiedenen Systemen, mit denen die Übermüdung des Fahrers rechtzeitig erkannt werden kann. Zu Versuchszwecken wurden Testpersonen 24 Stunden wachgehalten und danach für 40 Minuten in einen Fahrsimulator gesetzt.

Keiner der matten Testfahrer blieb während der Fahrt vollkommen wach. »Ein Mann«, heißt es im Testprotokoll, »schlief nach nur fünf Minuten ein, wachte nach 40 Minuten wieder auf und startete das Fahrzeug erneut. Anschließend war er davon überzeugt, nicht eine Sekunde geschlafen zu haben.« Y

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