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IMPOTENZ Schwaches Symbol

Nachlassende Manneskraft hat häufiger organische Ursachen als bislang angenommen. Oft mindern Medikamente die Potenz.
aus DER SPIEGEL 32/1989

Die Karft des Teufels sitzt in den Lenden. Der heilige Hieronymus

Im »Club«, fernab an südlichen Gestaden, fühlte sich der Urlauber ganz als Mann. Dreimal am Tag ließ er wechselnde Gespielinnen an seiner Potenz teilhaben. Doch als der Urlaub aus war, ging es mit seinem Exekutionsorgan bergab. Aus Liebesfreud wurde Penisleid: Es klappte nur noch dreimal wöchentlich.

Da entschloß sich der Mann, als »Impotenter« ärztlichen Rat zu suchen. Seither bekommt er wöchentlich eine Hormonspritze. Nun geht gar nichts mehr.

Die Krankengeschichte, vorgetragen auf einem Mediziner-Kongreß, ist typisch für die zunehmenden Störungen von Liebeslust und Lendenkraft, die durch Medikamente hervorgerufen werden: Hormonspritzen, die gesunden Männern verpaßt werden, ruinieren die Hoden und die Potenz.

Doch das ist nur eine unter Dutzenden von Möglichkeiten, die Arzt und Apotheker feilhalten. »Epidemische Ausmaße« habe die medikamentös bedingte Impotenz in den USA erreicht, berichten Sexualwissenschaftler aus dem Land der Marilyn Monroe.

Etwa zehn Prozent der »sexuell aktiven« deutschen Männer leiden nach jüngster Schätzung der »Ärztlichen Praxis« an »abklärungsbedürftigen Erektionsstörungen« - fast zwei Millionen Mann. Die Medizin-Zeitschrift ist davon überzeugt, daß die Erektionsstörungen »in der Skala der Zivilisationskrankheit noch vor der koronaren Herzkrankheit und dem Diabetes an erster Stelle rangieren«. Häufig sind die Pillen schuld, denn zahlreiche Medikamente mindern die Manneskraft.

Jeder dritte, der blutdrucksenkende Tabletten nimmt, berichtet über ein »geschmälertes sexuelles Verlangen«, jeder fünfte Hochdruckpatient bringt, wenn er die verordneten Arzneimittel gewissenhaft einnimmt, überhaupt keine Erektion mehr zustande.

Die vor allem von Sexualtherapeuten und Psychologen vertretene Ansicht, bei der Mehrheit der Impotenten würden Libido und Potenz infolge seelischer Probleme krankhaft gedämpft, gilt bei Medizinern mittlerweile als überholt. So konnte der Bonner Urologe Hartmut Porst nachweisen, daß »50 bis 85 Prozent der Erektionsstörungen primär organische Ursachen« haben.

Jede erfolgreiche Therapie setzt, darüber sind sich die Experten einig, die richtige Diagnose der Erektionsstörung voraus. Zur Wahl stehen - außer den Nebenwirkungen von Medikamenten - weitere mögliche Ursachen:

Hormonelle Störungen werden fast nur bei Männern über 60 Jahren beobachtet - Libido und Potenz erlöschen langsam, erotische Träume sind nur noch Erinnerung.

Gefäßbedingte Erektionsstörungen verhindern die Blutfüllung des Penis - er knickt leicht ab, fühlt sich (wie auch die Füße) kühl an.

Impotenz infolge Nervenschäden ist meist kombiniert mit Blasenstörungen, Schwindelgefühlen und einer Neigung zu Durchfällen, alles in allem jedoch sehr selten.

Seelisch bedingtes Versagen tritt nur beim Koitusversuch, niemals bei der Selbstbefriedigung auf.

Impotenz, meint der Hamburger Medizinprofessor Carl Schirren, sei »die Angst des Mannes in den besten Jahren«. Schirren ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Andrologie; diese Wissenschaft befaßt sich mit dem Bau und der Funktion der männlichen Geschlechtsorgane. Von den Patienten, sagt Schirren, werde häufig schon ein Nachlassen der Potenz als »krankhaft fehlgedeutet«.

In Wahrheit sind Lebensalter und Erektionsfähigkeit korreliert: Im höheren Alter geriet auch der heilige Hieronymus seltener in Versuchung. Wenn die Manneskraft überraschend nachläßt, liegt der Verdacht auf eine Medikamentennebenwirkung nahe. Als Auslöser kommen mindestens sieben Arznei-Gruppen in Frage. Außer den vielverordneten Bluthochdruckmitteln dämpfen bestimmte Psychopharmaka die Liebeslust. Gichtmittel, die den Harnsäurespiegel senken, erweisen sich oft als niederschmetternd. Auch die modernen Pharmaka gegen Magenschleimhautentzündungen und -geschwüre, ferner Präparate gegen Herzrhythmusstörungen und selbst die altbekannten Fingerhut("Digitalis«-)Medikamente zur Kräftigung des Herzmuskels können die Potenz mindern.

Daß die zusätzliche Gabe des männlichen Hormons Testosteron, wie sie dem »Club«-Gast nach seiner Heimkehr widerfuhr, nicht hart, sondern schwach macht, hat sich unter den meisten (aber eben nicht allen) Ärzten inzwischen herumgesprochen. Von Mann zu Mann wird auch berichtet, daß die unter Bodybuildern beliebte »Anabolika«-Einnahme die Muskeln zwar anschwellen, den Penis aber, das »männliche Symbol an sich« (Friedrich Nietzsche), verkümmern läßt.

Erfahrene Therapeuten wie Porst und Schirren raten ihren deprimierten Patienten nicht nur zu einer gründlichen Abklärung der Ursache. Schirren bemüht sich auch, die irritierten Patienten mit der Realität männlicher Wechseljahre zu versöhnen. Oft reiche es schon, den Ratsuchenden klarzumachen, daß die allmählich »reduzierte Koitusfrequenz keinesfalls auf eine Impotenz hinausläuft«. Schirrens andrologischer Rat: abends auf »voluminöse Mahlzeiten verzichten, mittags nach Möglichkeit ein Schläfchen« halten, im Urlaub nicht Belastung, sondern Entspannung suchen.

Ob die tätige Liebe, wie von vielen selbsternannten Sexualtherapeuten behauptet, ein »Lebenselixier« ist, das womöglich vor den Gebrechen des Alters schützt, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Die Preisfrage - bleibt ein Mann potent, weil er von Natur aus gesund ist, oder wird er gesund, weil er jede Gelegenheit beim blonden Schopfe faßt? - ist noch unbeantwortet. Die durchschnittliche Lebenserwartung der keuschen katholischen Priester ist sieben Jahre höher als die ihrer sexuell aktiven Schafe.

Der asketische heilige Hieronymus, der das »Feuer böser Lust« lebenslang durch Fasten und fleißiges Geißeln bekämpfte, war, als er am 30. September 420 in Bethlehem starb, immerhin 73 Jahre alt.

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