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AUTOMOBILE Schwäbisches Feuerwerk

Wie seine Vorgänger soll auch der neue Mercedes SL ein Pionier der Automobiltechnik sein. Doch die meisten Neuerungen dürften den Fahrern verborgen bleiben.
aus DER SPIEGEL 32/2001

In der nordischen Nüchternheit der Hamburger Deichtorhallen umträllerte Kitschbarde Lionel Richie das jüngste Mercedes-Produkt. Markenchef Jürgen Hubbert gab vor, »Schmetterlinge im Bauch« zu haben. Die angestrebte Kundschaft sollte vor allem über ausreichend Geld verfügen.

Der neue Mercedes SL, der vergangenen Dienstag an der Elbe Premiere feierte, wird im Herbst zu Preisen ab 187 000 Mark auf den Markt kommen. Der 306 PS starke offene Zweisitzer, so die Werksverlautbarungen, »beschleunigt auf einen neuen Gipfel an Fahrdynamik und Fahrsicherheit«.

Seit den frühen Nachkriegsjahren gelten die SL-Modelle als technische Aushängeschilder des ältesten Automobilherstellers der Welt - dabei folgte die Erschaffung des ersten Modells mit diesem Kürzel mehr einer Laune der Rennabteilung als einer offiziellen Weisung des Vorstands. Konstrukteur Rudolf Uhlenhaut schweißte den Gitterrohrrahmen für den ersten SL in der Küche seines Wohnhauses zusammen.

Die Konstruktion ragte an den Flanken so weit empor, dass für den Einstieg extra Flügeltüren konstruiert werden mussten. Die Notlösung wurde bald zum Markenzeichen. Ein Modell des 250 km/h schnellen »Flügeltürers« (der 1952 auf einem seiner ersten Renneinsätze spektakulär mit einem mexikanischen Aasgeier kollidierte) ist bis heute das meistverkaufte Spielzeugauto der Marke Mercedes.

Er begründete eine Fahrzeuggattung, mit der Mercedes fortan Feuerwerke schwäbischer Innovationskraft entfachte. Mit jedem neuen SL strebten die Stuttgarter nach Einzigartigkeit, was besonders eindrucksvoll mit der bisherigen Baureihe gelang, die 1989 vorgestellt wurde.

Vollautomatisch öffnete sich das Stoffverdeck und verschwand während eines Ampelstopps unter der Metallklappe hinter den Sitzen. Per Knopfdruck (oder im Falle eines Überschlags ohne Zutun des Fahrers) fuhr ein Schutzbügel aus der Versenkung empor.

Mit seiner exotischen Verdeckmechanik wurde der Wagen zum automobilen Symbol des kapitalistischen Fortschritts über die damals gerade verendenden Imperien der Arbeiterklasse. In einer Fernsehdokumentation rollte von einer Seite ein schäbig knatternder Trabant ins Bild, von der anderen surrte der brandneue SL heran und entfaltete sein Verdeck. Akustisch untermalt wurde die Szene mit einer Ulbricht-Rede über den nahenden Siegeszug der Ost-Autoindustrie. Das Einzige, was beide Fahrzeuge gemeinsam hatten, war die Lieferzeit von mehreren Jahren.

Inzwischen verfügen fast alle hochwertigen Cabriolets über vergleichbare Entblätterungsmechanismen. Die Stuttgarter Konstrukteure trachteten daher nach neuem Vorsprung. Schon mit dem Mini-Roadster SLK hatten sie das erste Blechdach eingeführt, das sich automatisch unter die Kofferraumhaube faltet. Das Patent birgt jedoch einen Nachteil: Beim Offenfahren ist nur der halbe Kofferraum nutzbar.

Beim neuen SL kommt die Mechanik des Hartdachs diesem Problem ein wenig bei. Dank einer noch aufwendigeren Einklappmechanik duckt sich die Heckscheibe möglichst raumsparend mit der Wölbung nach oben unter die Haube. Dadurch bleibt bei geöffnetem Dach ein nutzbares Ladevolumen von 235 Litern. Das Gesamtfassungsvermögen des Kofferraums (317 Liter) wird also nur noch um rund ein Drittel eingeschränkt.

Das Beispiel der trickreichen Dachversenkung ist symptomatisch: Eher unscheinbar sind die Technik-Glanzlichter am

neuen Mercedes SL. So verfügt der Zwei-

sitzer als erstes Auto der Welt über eine Bremsanlage, die den Pedaldruck nicht mehr über Hydraulikleitungen an die Radbremsen weitergibt.

Stattdessen wird ein elektrischer Impuls über Kabel verschickt und an jedem Rad der geeignete Hydraulikdruck individuell erzeugt. Dadurch kann das Auto die Bremskraft optimal verteilen und schneller auf Notsituationen reagieren. Geht der Fahrer etwa hastig vom Gas, erkennt das System, dass eine Vollbremsung folgen könnte, und legt mit leichtem Druck bereits die Bremsbeläge näher an die Scheiben an.

Regen wiederum erkennt die Elektronik über den Sensor des Scheibenwischers. Auch in diesem Fall werden die Bremsbacken sanft an die Scheiben gedrückt, um diese trockenzubürsten. Die Bremse spricht somit auch bei Nässe sofort an. Die Anhaltewege verkürzen sich durch solche Verbesserungen um wenige Meter.

Aus der Sicht des Ingenieurs sind all das beeindruckende Innovationen. Der Kunde gewinnt dadurch jedoch keinen Vorführeffekt wie vor zwölf Jahren mit dem ersten vollautomatisch versenkbaren Verdeck.

In all seiner Perfektion dokumentiert der neue Mercedes SL somit eher eine schleichende Innovationskrise der Fahrzeugindustrie. Das klassische Automobil ist weitgehend ausgereizt. Bahnbrechende Neuerungen - etwa eine intelligente Satelliten- und Kamerasteuerung, die Unfälle gänzlich vereiteln könnte - sind von der Serienreife weit entfernt.

Die neue Superbremse ist noch nicht einmal für den Fahrer fühlbar. Denn das Pedal mündet nach wie vor in ein Hydrauliksystem, das im Normalfall aber außer Betrieb ist. Fällt nun aus irgendeinem Grund die elektronische Regelung aus, wird der Bremsimpuls wie ehedem durch Druckleitungen übertragen.

Im Zweifelsfall setzen die Konstrukteure also größeres Vertrauen in die alte Hydraulik als in moderne Computersteuerungen. CHRISTIAN WÜST

* Mit Sänger Lionel Richie, DaimlerChrysler-Vorstand Hubbert(am Flügeltürer) und Sängerin Juliette.

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