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Schwebende Orchideen

Vier neue Weltrekordflüge des Segelfliegers Grosse bestätigten die Vormachtstellung der Deutschen im lautlosen Schweben.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Am Rio de la Plata wurden die Fußballer vermöbelt, in Meran gab Schachgenie Robert Hübner auf, in Innsbruck sprangen Skispringer zu kurz: Grämliches fast nur mußten Deutschlands Sportfreunde letzte Woche erblicken.

Doch da war auch ein Sieger, fern der Heimat, der trug die schwarzrotgoldenen Farben höher und weiter als selten einer. Hans-Werner Grosse, ein leicht korpulenter Lübecker Hosenhändler mit aerodynamischer Idealfrisur, fügte seiner schier endlosen Liste von Weltrekorden als Segelflieger vier weitere an, darunter einen besonders hochkarätigen.

Denn über den menschenfeindlichen, glühenden Schründen australischer Wüste gelang dem 58jährigen Senior des motorlosen Fliegens der Durchbruch durch eine »Schallmauer": Als erster bewältigte Grosse, nach seinen eigenen Worten »kein Held, kein Hasardeur«, einen Dreieckkurs von mehr als 1300 Kilometern Länge.

Nahezu elf Stunden verließ sich Grosse in Höhen zwischen 1000 und 4000 Metern ganz auf seine Künste, immer wieder jene »Bärte« genannten unsichtbaren Thermikschläuche auszumachen, in deren Aufwinden er »Höhe tanken« konnte. Wie ein geflügelter Tarzan schwang er sich wellenförmig von Schlauch zu Schlauch durch das Reich der Adler. Nur von den Höhen thermischer Türme herab lassen sich über 200 km/h schnelle Gleitflüge erzielen, mit denen das Flugzeug letztlich die anvisierten Entfernungen überwindet.

Als im Segelfluggebiet von Alice Springs die Sonne sank und die Aufwinde erlahmten, da hatte Grosse -nunmehr Erringer von 23 Weltrekorden und damit ein Weltrekord-Weltrekordler unter den Fliegern -- auf dem zuvor berechneten Dreieckkurs, trotz heftiger Gegenwinde auf dem letzten Schenkel, genau 1306 Kilometer abgeflogen.

Sein beim Start rund 630 Kilogramm schweres Flugzeug vom Typ ASW 17 hatte unterwegs etwa 100 Liter Wasserballast abgelassen, um an Auftrieb zu gewinnen. Dem Piloten waren zugleich acht Liter Erfrischungen durch die Kehle geronnen, gleichwohl kamen ihm in der Enge des Cockpits hinter dem Instrumenten-Pilz zwei Kilo seines Körpergewichts abhanden.

»Hohe Schule« nennen die Segelflugexperten den Dreieckflug, doch Grosse beherrscht auch die anderen Disziplinen: Er hält den Weltrekord im freien Streckenflug seit 1972 mit 1460 Kilometern von Lübeck nach Biarritz und verbesserte 1974 die eigene Rekordmarke im Zielstreckenflug auf 1231 Kilometer, indem er -- welch ein Gewinn -- aus Itzehoes Zementschwaden nach Marmande in Südfrankreich glitt.

Grosse betrachtet sich nicht als »Ausnahmeflieger«, vielmehr setzte der Jogger und Skilangläufer stets auf eine optimale Vorbereitung und scheute das vermeidbare Risiko. Wie gefahrenträchtig das »Fliegen schwerer als Luft« sein kann, weiß der lautlose Langstreckler seit den Kriegstagen, als er mit einem Ju-88-Kampfflugzeug vor dem Hafen von Toulon brennend ins Wasser fiel.

»Man muß die Wolken lesen können«, umschrieb Grosse einst eine wichtige Luftfahrer-Tugend. Er beherrschte sie nach rund 270 000 Kilometern im Segelflugzeug so gut, daß ihm der Internationale Luftsport-Verband schon vor anderthalb Jahren seinen höchsten Orden verlieh -- als zweitem Deutschen nach dem Luftschiffer Hugo Eckener im Jahre 1931. Aber mit Wolkenkunde und Pilotenkünsten allein ließen sich Grosses Leistungen nicht hinreichend erklären. Entscheidenden Anteil hatte das Fluggerät.

Nach den beiden verlorenen Weltkriegen waren die deutschen Flugzeugkonstrukteure für eine Weile vom Motorflug ausgeschlossen worden. In ihren Zwangspausen befaßten sie sich daher besonders eifrig mit dem -- erlaubten -- Bau von Segelflugzeugen. Sie errangen dabei einen wohl uneinholbaren Entwicklungsvorsprung. Auf dem Weltmarkt der Hochleistungssegelflugzeuge halten deutsche Hersteller über 80 Prozent der Marktanteile.

Kohlefaserverstärkte Werkstoffe haben die einstigen Holzgerippe mit lackierter Leinenhaut verdrängt. Die modernen Nachfahren der plumpen Gleiter, mit denen sich die Segelflugpioniere an der Wasserkuppe zu Tode stürzten, werden von Erbauern und Fliegern zärtlich Orchideen genannt. Mit ihren spindeldürren Hinterleibern gleichen sie eher Libellen.

Weltrekord-Flieger Hans-Werner Grosse träumt von einer Orchidee, mit der er »von Norddeutschland aus über die 1500-Kilometer-Marke hinausfliegen könnte« -- mit Kurs auf Pamplona, wo die Pyrenäen auslaufen. Das edle Flug-Gebilde reift schon heran.

In Poppenhausen an der Wasserkuppe, in den Alexander-Schleicher-Werkstätten, die auch Grosses 40 000 Mark teure ASW 17 gefertigt haben, entsteht ein Super-Gleiter, der ASW 22 heißen soll. Konstrukteur Gerhard Waibel: »Das ideale Flugzeug für lange Strecken.«

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