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Medizin Schwelle überschritten

Eine Grippe-Epidemie überrollte Thüringen und Norddeutschland. Auch der gefährliche Influenza-A-Erreger breitet sich aus.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Zwei Wochen vor Weihnachten hatte der Ansturm begonnen - weit im Osten. Im weißrussischen Minsk wurden die Kindergärten geschlossen. Die zehn größten Städte der Ukraine meldeten täglich bis 70 000 neue Ansteckungsfälle. Die Grund- und Mittelschüler in Tschechien und der Slowakei durften zehn Tage vor Ferienbeginn in die Weihnachtsferien.

Vorletzte Woche war die Grippewelle auch auf Mitteleuropa übergeschwappt. In der Schweiz schnellte der Krankenstand in die Höhe und »überschritt die Schwelle zur Epidemie«, wie es im Bundesamt für Gesundheitswesen hieß.

In Thüringen stieg der Anteil der grippebedingten Arbeitsunfähigkeiten auf 26 Prozent. »Eine Million Dänen liegen im Bett«, berichtete das Hamburger Abendblatt drei Tage vor Heiligabend. Als die Weihnachtskerzen angezündet wurden, brach auch über Norddeutschland das Grippe-Desaster herein.

In den Notfallpraxen mußten sich die schniefenden und fiebrigen Patienten auf stundenlange Wartezeiten einrichten. In den Ambulanzen vieler Krankenhäuser herrschten »absolut chaotische Verhältnisse«, sagt Kinderarzt Söhnke Dammann vom Altonaer Kinderkrankenhaus. Dort wurden am ersten Weihnachtstag 160 Kinder behandelt, statt 40 wie sonst an Feiertagen.

Rund um die Uhr waren auch die 40 (statt der üblichen 20) Notfallärzte in Hamburg im Einsatz. In den Notapotheken wurden die Vorräte an Hustensäften und fiebersenkenden Mitteln knapp. Wirksam sind diese Medikamente allerdings nur beim grippalen Infekt, einem fiebrigen Übel, das schnell abklingt.

Mitunter tödlich kann hingegen eine Grippe verlaufen, die von Influenza-Viren ausgelöst wird. Von diesem Erreger, der unter dem Elektronenmikroskop wie eine mit Eisenstacheln besetzte mittelalterliche Keule aussieht, sind bislang drei Typen identifiziert. Sie werden als A, B und C bezeichnet.

Für die meisten Menschen verlaufen Influenza-C-Infektionen milde. Typ-B-Viren sind für kleinere, lokale Epidemien verantwortlich. Die Influenza A kann zu einer weltumspannenden Seuche werden, wenn der Erreger plötzlich seine Wandlungsfähigkeit ausspielt.

Im Laufe der viralen Vermehrung verändern sich Struktur und Funktion der beiden Eiweißstoffe, die stachlig aus der Viruskugel ragen. Schon ein geringfügiger Umbau dieser »Oberflächenproteine« kann die körpereigene Immunabwehr verwirren. Antikörper, die der Organismus während früherer Grippeerkrankungen oder durch eine Grippeschutzimpfung gebildet hat, werden gegen den veränderten Erreger nicht mehr aktiviert. Schutzlos ist der Mensch der neuen Virusattacke ausgeliefert, die sich bei günstigen Infektionsbedingungen wie feuchtem Winterwetter rasch ausbreiten kann. Dreimal kam es in diesem Jahrhundert zu Influenza-Pandemien.

So erkrankten um die Jahreswende 1918/19 innerhalb weniger Wochen in aller Welt etwa zwei Milliarden Menschen an einer Influenza A. Zwischen 20 bis 40 Millionen Menschen starben danach an den Folgen. 50 Jahre später fielen _(* Vergangene Woche in einer ) _(Hamburger Kinderarzt-Praxis. )

allein in Deutschland 20 000 Menschen der Grippe-Epidemie zum Opfer, die durch das »Hongkong«-Virus vom Typ A/H3N2 verursacht worden war.

Schon jetzt nimmt sich die Weihnachtsgrippe 1995, so Hans-Peter Wedekind vom Ärztlichen Notfalldienst Hamburg, als die »schwerste Epidemie seit 1968« aus. Nicht auszuschließen ist, daß für den Influenza-Ausbruch auch dieses Mal der »Hongkong«-Erreger zumindest mitverantwortlich ist.

Die Influenza-Erkrankungen, die von den nationalen Grippezentren in aller Welt der WHO gemeldet wurden, waren mehrheitlich vom Subtyp A/H3N2 ausgelöst worden. Für die Rückkehr dieses Typs spricht zudem, daß unter den Erkrankten vor allem Kinder sind.

Anders als viele Erwachsene, die durch eine überstandene 68er Grippe weitgehend immun gegen den Erreger wurden, fehlen Kindern diese Antikörper im Organismus. Diesen vorbeugenden Schutz, für Kinder wie Erwachsene, hätte nur eine Impfung gebracht. Sie verhütet etwa 25 Prozent der Erkrankungen und beugt in der Hälfte der Ansteckungsfälle den mit der Grippe einhergehenden Komplikationen, wie etwa einer Lungenentzündung, vor. 75 Prozent der bei schwerer Influenza zu erwartenden Todesfälle können durch Impfung vermieden werden.

Für die Grippeopfer der letzten Wochen kommt eine Schutzimpfung, die erst etwa zwei Wochen nach der Verabreichung wirksam wird, zu spät. Für die bisher Davongekommenen aber vielleicht nicht: Nach Ansicht der Grippespezialisten dürfte die derzeitige Influenza-A-Welle noch »rund zehn Wochen dauern«. Y

* Vergangene Woche in einer Hamburger Kinderarzt-Praxis.

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