Zur Ausgabe
Artikel 54 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MEDIKAMENTE »Schwere Schäden im Gehirn«

aus DER SPIEGEL 39/2009

Mediziner Ralf Gold, 49, Direktor der Neurologischen Klinik an der Ruhruniversität Bochum, über die schweren Nebenwirkungen eines wirkungsvollen Multiple-Sklerose-Mittels

-----------------------------------

SPIEGEL: Bei Patienten, die das Medikament Tysabri gegen Multiple Sklerose (MS) einnehmen, häufen sich lebensbedrohliche Infektionen des Gehirns. Gilt die Arznei zu Unrecht als Wundermittel?

Gold: Die Erfolge, die wir damit gerade bei Patienten mit schweren MS-Verläufen erzielen, sind enorm. Umso trauriger sind die mittlerweile 13 bestätigten Fälle von PML, einer aggressiven Virenerkrankung im Gehirn - jeder zweite davon seltsamerweise in Deutschland.

SPIEGEL: Auch in Ihrer Klinik?

Gold: Ja, eine 40-jährige Patientin von mir liegt derzeit auf der Krankenstation. Ihr Zustand ist stabil. Bei anderen Patienten hinterlässt diese Infektion schwere Schäden im Gehirn. Es ist auch schon zu Todesfällen gekommen.

SPIEGEL: Die Erklärung?

Gold: Das Pharmazeutikum hemmt das Immunsystem besonders im Gehirn - was beabsichtigt ist gegen die zerstörerischen Folgen von MS. Es begünstigt damit aber auch, dass Viren sich vermehren. Der Hersteller Biogen gibt das Risiko für eine PML-Erkrankung mit 1 : 1000 an. Bei Anwendung über zwei Jahre könnte es auch bei 1 : 900 liegen. Wir müssen das sehr sorgfältig beobachten, weil wir sonst nach zwei Jahren eine andere Therapie prüfen müssten.

SPIEGEL: Gibt es eine Grenze, an der das Risiko den Nutzen überschreitet?

Gold: Die Zulassungsbehörden prüfen das sehr genau. Wir versuchen, mit einer sorgfältigen medizinischen Überwachung sofort zu erkennen, wenn das Immunsystem der Tysabri-Patienten zu stark in die Knie geht und PML droht.

SPIEGEL: Warum weigert sich Biogen, Fälle zu melden?

Gold: Offiziell, weil das die Gesetze nicht vorschreiben. Aber bei jedem neuen Fall sinkt der Aktienkurs des Unternehmens, weil das Mittel ein großer Gewinnbringer ist.

SPIEGEL: Was fordern Sie?

Gold: Wir wollen das Medikament behalten, müssen aber von neuen Fällen wissen. Sicherheit geht vor den Finanzinteressen des Herstellers.

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.