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MEDIKAMENTE Schwester in Fesseln

Mit einer neuen Klasse von Wunderarzneien wollen US-Pharmakonzerne den Schmerzmittelmarkt erobern. Vielleicht wirken die Substanzen sogar gegen Alzheimer und Krebs.
Von Günther Stockinger
aus DER SPIEGEL 50/1998

Als »Super-Aspirine« wurden die neuen Wunderdrogen gepriesen, ein Name, der vieles zu verheißen schien. Doch Näheres war lange nicht zu erfahren. Die Hersteller fürchteten Konkurrenz. Nur auf einigen Medizinerkongressen plauderten die Pharmaforscher davon, wie aussichtsreich die klinischen Studien verliefen.

Gerade weil die Ergebnisse der Untersuchungen als Geheimnis gehütet wurden, fieberte die New Yorker Wall Street der Entscheidung der US-Arzneimittelbehörde FDA entgegen.

Am Dienstag vergangener Woche hatte das Warten ein Ende. Ein Beratergremium aus Medizinern und Pharmaexperten legte den Arzneimittelwächtern nahe, die Zulassung für das erste Super-Aspirin zu erteilen.

Wahrscheinlich schon ab Januar nächsten Jahres werden US-Ärzte ihren Patienten den Schmerzkiller »Celebrex« des US-Pharmakonzerns Searle verschreiben können. Die Zulassung, so war den Erklärungen von FDA-Vertretern zu entnehmen, gilt zunächst nur für die chronischen Schmerzen derjenigen Amerikaner, die unter rheumatoider Arthritis oder Knochen- und Gelenkentzündungen leiden - auch sie sind ein Millionenheer.

Ein zweites Super-Aspirin ("Vioxx"), hergestellt vom US-Pharmagiganten Merck, wird vermutlich ebenfalls zu Beginn des nächsten Jahres den Segen der FDA erhalten. In Deutschland, wo schwere chronische Rheumaschmerzen rund drei Millionen Menschen plagen, werden die neuen Wundermittel nach Schätzungen von Experten in der zweiten Jahreshälfte 1999 auf dem Markt auftauchen.

Rund 200 Rheumapräparate sind derzeit weltweit im Handel. Sie zählen zur Gruppe der »nichtsteroidalen Antirheumatika«, die immer dann verordnet werden, wenn die Ärzte Schmerzen diagnostizieren, die mit Entzündungen einhergehen. Prominentestes und ältestes Präparat aus dieser Gruppe ist der Pharmaklassiker Aspirin.

Die Herstellerfirmen machen mit den schmerzlindernden Substanzen gute Geschäfte. Nichtsteroidale Antirheumatika sind die weltweit am häufigsten eingenommenen Medikamente. In Deutschland werden sie jährlich weit über 100millionen- mal verordnet. Der Jahresumsatz liegt bei rund 400 Millionen Mark.

Doch erwünschte und unerwünschte Wirkungen der Heilmittel lagen stets nahe beieinander. Die Schmerzpillen greifen die Schleimhäute an. In jedem zweiten Fall verursacht ihre Einnahme, oft schon nach wenigen Tagen, leichte Magenbeschwerden. Bei dauerhaftem Pillenkonsum bleibt es nicht dabei: Etwa jedem dritten Patienten fressen die Mittel Krater in die Magenwand. In einigen Fällen sorgen sie für zum Teil lebensbedrohliche Vernarbungen und Verengungen der Speiseröhre oder für Schäden in der Darmschleimhaut.

Etwa 100 000 US-Bürger pro Jahr müssen wegen Magengeschwüren, die von den Schmerzhemmern herrühren, ins Krankenhaus - 10 000 bis 20 000 sterben daran. In Deutschland ist die Zahl der Todesfälle durch Antirheumatika »nie genau eruiert worden«, sagt Henning Zeidler, Rheumatologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. Nur eines, erklärt sein Kollege Jürgen Frölich, sei sicher: »Diese Medikamente verkürzen das Leben der Rheumatiker.«

Gefährlich ist vor allem, daß das stete Nagen an den Schleimhäuten nur selten bemerkt wird - oft erst wenn Blutungen auftreten, erkennen Mediziner, wie die Pillen den Magen verwüstet haben.

Seit einigen Jahrzehnten wissen die Forscher, daß die Rheumamittel die Aktivität des körpereigenen Enzyms Cyclooxygenase (Cox) blockieren. Doch erst Anfang der neunziger Jahre entdeckten sie, daß der Biowirkstoff im Körper in zweierlei Versionen vorkommt.

Die harmlose Variante - Cox-1 - ist ständig in fast allen Geweben präsent. Sie erhöht die Blutgerinnung, schützt die Magenschleimhaut und kurbelt die Durchblutung der Nieren an.

Ihre »böse Schwester« Cox-2 wird dagegen erst bei Bedarf gebildet - im Fall von Verletzungen oder Entzündungen. Das Enzym übernimmt die Rolle eines Alarmmelders im Körper: Es sorgt für die vermehrte Ausschüttung von bestimmten Botenstoffen (Prostaglandinen), die Schmerzen verursachen und damit die Steuerungszentrale im Kopf vom eingetretenen Schaden unterrichten.

Die herkömmlichen Schmerzmittel, so erkannten die Forscher, unterscheiden zwischen Gut und Böse nicht. Sie hemmen die Aktivität der unangenehmen Cox-2-Schwester. Noch stärker freilich blockieren sie das für Magen, Nieren und Darm nützliche Cox-1.

Das Ziel der Pharmaforscher war deshalb klar: Sie suchten ein Super-Aspirin, das Cox-2 Fesseln anlegt, Cox-1 jedoch unbehelligt läßt. Jahrelang synthetisierten und testeten sie. Jetzt stehen rund ein Dutzend Wirkstoff-Kandidaten zur Zulassung an.

Die ersten Schmerzkiller der neuen Generation unterdrücken die nicht gewollte Cyclooxygenase-Schwester bis zu 100mal stärker als Cox-1. In den Pipelines einiger Pharmafirmen stecken sogar Substanzen, die noch 10- oder 100mal wählerischer sind.

Die Super-Aspirine, erklärte der US-Rheumatologe Lee Simon vom Beth Israel Deconess Medical Center in Boston, der einige der klinischen Studien mit »Celebrex« geleitet hat, »haben dieselben Vorzüge wie die alten Schmerzmittel, aber ohne ihre Risiken«. Simon: »Was die Sicherheit anlangt, bringen uns diese neuen Mittel um Lichtjahre voran.«

Einen Umsatz von fünf Milliarden Dollar erhoffen sich die Hersteller in den kommenden fünf Jahren. Denn die neuen Wundermittel, so glauben sie, haben das Zeug dazu, auch jenseits der Rheumatherapie Karriere zu machen.

Indizien dafür, daß sie im Kampf gegen den Krebs hilfreich sein könnten, gibt es bereits: Cox-2, so haben die Forscher erkannt, ist auch in Dickdarm-, Haut- und möglicherweise in Brustkrebszellen aktiv. Das Enzym schaltet offenbar das Selbstmordprogramm ("Apoptose") in entarteten Zellen aus und scheint überdies die Bildung neuer Blutgefäße in Tumoren zu fördern.

Auch als Prophylaxe gegen die Alzheimer-Krankheit wartet auf die Cox-2-Hemmer möglicherweise eine vielversprechende Zukunft. Der US-Pharmagigant Merck testet »Vioxx« derzeit außerdem gegen Zahnschmerzen und Menstruationsbeschwerden.

Was die Wunderdrogen wirklich können, wird jedoch erst ihr Langzeiteinsatz zeigen. Vor blinder Euphorie warnen derzeit nicht nur einige US-Epidemiologen, sondern auch deutsche Mediziner.

Stutzig hat sie vor allem die Erkenntnis gemacht, daß Cox-2 offenbar nicht nur in entzündetem Gewebe sein Unwesen treibt. In Nieren, Blutgefäßen, Knochen, Rückenmark und Hirn übernimmt der Stoff eine Reihe von nützlichen Funktionen - die Weste des Übeltäters ist offenbar keineswegs nur rabenschwarz: Cox-2 erfüllt auch wichtige physiologische Dienste, die Unterdrückung des Enzyms könnte sich deshalb rächen.

Wer die Super-Aspirine langfristig in hohen Dosen zu sich nimmt, könnte beispielsweise Gefahr laufen, daß bei ihm die Knochenerneuerung gestört wird - der Stützapparat gerät entweder zu weich oder zu hart. Auch Nierenschäden erscheinen denkbar. »Das sind Risiken«, warnt Kay Brune, Pharmakologie-Experte an der Uniklinik Erlangen, »die mit einigen wenigen Studien nicht zu klären sind.« Ähnliches meint sein Kollege Gerd Geislinger von der Uniklinik Frankfurt: Es gebe »keine Sicherheit, daß die neuen Wundermittel in jedem Fall die bessere Lösung sind«.

Gar keine Alternative stellen sie dagegen bei einem der Hauptanwendungsgebiete des klassischen Aspirins dar: der Blutverdünnung. Zur Vorbeugung gegen Thrombosen und Infarkte werden Millionen von Menschen auch weiterhin den Pharma-Oldie schlucken. GÜNTHER STOCKINGER

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