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SCHIFFFAHRT Schwimmender Freizeitpark

Schwebende Bars, loftartige Kajüten und Kletterwände: Der größte je gebaute Luxusliner soll körperbewusste Urlauber an Bord locken - und die Kreuzfahrt vom Rentner-Image befreien.
aus DER SPIEGEL 39/2009

Wenn einer der mächtigsten Männer der Tourismusbranche über den größten Luxuskreuzer aller Zeiten spricht, denkt er sich schon mal neue Begriffe aus: »Dieses Schiff ist ein Spektakularismus«, schwärmt Richard Fain. Kurzes Zögern, ein Blick zur Seite. »Spektakularismus - gibt es das Wort überhaupt?« Beflissen antwortet ein Mitarbeiter: »Ab sofort gibt es das Wort, Richard!«

Der Chef der Royal Caribbean Cruises Ltd. kann sich solche Vergewaltigung der Sprache erlauben. Fain verantwortet den Bau des weltgrößten Kreuzfahrtschiffs, das Ende des Jahres in See stechen wird.

360 Meter lang ist die »Oasis of the Seas« - im Quartett wäre allein das schon ein sicherer Stich. Die »Queen Mary 2« bringt es lediglich auf 345 Meter Länge. Allerdings gilt Kennern die Länge inzwischen gar nicht mehr als wichtigster Indikator für die Größe eines Schiffs; denn die Kapazitäten der Häfen setzen dem weiteren Längenwachstum Grenzen.

Bedeutender ist deshalb neuerdings die Breite: Die »Queen Mary 2« misst in dieser Kategorie 41 Meter - und wird von der »Oasis« mit 47 Metern deutlich ausgestochen. Angesichts dieser Dimensionen gleicht die RMS »Titanic«, einst Inbegriff maritimer Protzigkeit, mit 28 Meter Breite einem dünnen Hering. Ausgebucht kann die »Oasis« 5400 Passagiere an Bord nehmen - doppelt so viele, wie die »Queen Mary 2« bevölkern.

Noch montieren Techniker und Handwerker in der STX-Europe-Werft im finnischen Turku die letzten Teile des Rekordkreuzers. Ein Gang durch das labyrinthgleiche Innere des Ozeanriesen ist deshalb auch nicht ohne Risiko. »Bleiben Sie dicht hinter mir«, warnt ein Arbeiter der Werft, »sonst finden Sie hier nie wieder raus.«

Bis zur Jungfernfahrt am 1. Dezember müssen noch die Wegweiser angebracht werden. Mit dem Abschreiten jedes einzelnen Flurs könnte der Fahrgast vermutlich bereits eine mehrtägige Wanderung bestreiten.

Die Ansammlung von Superlativen allein würde Verblüffung jedoch kaum rechtfertigen. Denn von außen wirkt das neue Nobelschiff wie eines jener schäbigen Hochhäuser, die in deutschen Innenstädten in den sechziger und siebziger Jahren im Eilverfahren hochgezogen wurden. Im Innern konkurriert das Schiff bisweilen mit dem Liebreiz jener Einkaufspassagen, die auf der ganzen Welt historisch gewachsene Ortskerne zerstören.

Die Gigantomanie sei indes kein Selbstzweck, versichert Fain: »Dieses Schiff ist um 50 Prozent größer als seine Vorgänger, weil wir so viele spannende Sachen unterbringen wollten.« Am Reißbrett entwarf Fains Truppe einen gigantischen Freizeitpark für Erwachsene. Von einem Schiff ist folglich kaum noch die Rede; die komplett durchgestylte Urlaubslandschaft nennt Fain vorzugsweise »unser Produkt«.

Der Druck der Umstände zwang die Royal-Caribbean-Crew zur radikalen Neuausrichtung. Die Branche leidet schwer unter ihrem Rentner-Image. Kreuzfahrtschiffe wecken bei der jüngeren Generation ungute Gedanken an Sahnetorte auf Deck und jenen allzu schneidigen Traumschiff-Kapitän der gleichnamigen ZDF-Kitschserie, der beim Mittagstee mit älteren Damen flirtet.

Fain ist zwar selbst schon Großvater und Freund der angestaubten Schrammelmusik von Peter, Paul and Mary - für die »Oasis« entwickelte er gleichwohl ein Konzept, das sich nah am Geschmack der Zeit bewegen soll.

Dienlich waren Einblicke in die moderne Freizeitpsychologie: Wenn der Gast von heute etwa abends feiern will, dann bitte angesagte Cocktails süffelnd und so luftig, frisch und entspannt wie in einem James-Bond-Film mit Daniel Craig. Über das ganze Schiff verteilen sich entsprechend Bars und Lounges, die diesem Vorbild nacheifern.

Durch die Mitte des Tankers zieht sich ein künstlicher Prachtboulevard, zu dessen beiden Seiten die Fassaden der Passagierkabinen emporragen. Bei insgesamt 16 Decks mag der Flaneur den Eindruck gewinnen, durch die Häuserschlucht einer Großstadt zu marschieren. Fains Gestalter nutzten die Höhe und schraubten an beide Seiten Kletterwände fest, an denen sich Risikofreudige hochhangeln können - während unten eingekauft wird.

Überhaupt hat die Schiffsarchitekten offenbar das Spiel mit der Aussicht aus großer Höhe erfreut. Von beinahe allen Punkten an Deck ergeben sich neben dem obligatorischen Meeresblick beeindruckende Sichtachsen ins Schiffsinnere, die in einem interessanten Kontrast zur Weite der See stehen. Beide Perspektiven vereinen sich jedoch auf jenen Surfsimulatoren, die am Heck des Schiffs im Boden eingelassen sind - und die dem Gast das Gefühl vermitteln, über die Reling hinweg ins Meer zu fliegen.

Ebenfalls am Heck haben die Planer sogar auf einen Teil der Fassade verzichtet. Ein spektakuläres großes Loch klafft in der Außenwand, als wäre es dort hineingesprengt worden. An dieser Stelle wurde von den Schöpfern der »Oasis« ein Aquatheater platziert, von dessen Rängen aus der Besucher in die Ferne zu gleiten glaubt.

Beinahe manisch arbeitete Fains Stab an der guten Aussicht. Während die beste Sicht früher für die erste Klasse reserviert war, wimmelt es auf der »Oasis« von Gucklöchern und Pools mit Panoramafenstern.

Weil letztlich jedoch nichts so sehr gegen Langeweile hilft wie eine Mahlzeit, ist an Bord in 24 Restaurants und Imbissstuben so ziemlich jedes Lebensmittel verfügbar, das auf dem Planeten von Menschenhand hergestellt wird - vom Donut bis zum Shiitake.

Der Nachmittagsdrink wird dann in der »Rising Tide Bar« eingenommen: einer ovalen Gondel, die lautlos durch die Etagen des Schiffs schwebt und an einer etwa fußballfeldgroßen Parkanlage mit exotischem Baumbestand haltmacht.

Mitunter endet der Wille zur originellen Gestaltung freilich in einer allzu verkitschten Bonbonwelt - etwa jener »Boardwalk«, der einer englischen Strandpromenade nachempfunden ist und »nostalgisches Jahrmarktflair« verbreiten soll. Ein erstaunlicher Stilbruch, denn Fain will gerade nicht jene verplüschte Traumwelt wiedererwecken, die viele Zuschauer womöglich mit dem Gedanken an Kate Winslets opulente Suite im Spielfilm »Titanic« verbinden.

Im Blick hat er vielmehr jene körperbewussten Großstädter, die im Urlaub auch schon mal am Morgen einen Prosecco trinken, ab und an im Vorbeigehen einen Happen Sushi verzehren und ansonsten permanent in Bewegung bleiben. Weite Bereiche des Edeltankers wirken deshalb wie eine endlose Fitnessanlage.

Das Loft sei die angemessene Form der Unterbringung für diese Art Kundschaft, folgert Fain. So residiert zumindest ein Teil der Gäste des Schiffs in Räumen von erhabener Schlichtheit, mit hohen Decken und Fenstern, die bis zum Fußboden reichen.

Selbst die Royal-Suite, mit 141 Quadratmetern die größte Wohneinheit an Bord, verzichtet weitgehend auf Prunk. In solchen Gemächern urlauben nicht schwerreiche Scheichs und deren Gefolge, sondern weitgereiste Dirigenten oder Künstler, die daheim auf dem Wohnzimmertisch dekorativ Bauhaus-Bildbände aufgestapelt haben.

Die Geheimwaffe der »Oasis« heißt wahrscheinlich William Wright. Der ist ihr Kapitän und sieht ohne seine Uniform aus wie die sehr große Ausgabe eines Teddybärs. Schon jetzt könnte er platzen vor Vorfreude darüber, sich demnächst in voller Montur unters Publikum zu mischen. Einstweilen führt er stolz seine Kommandozentrale vor und preist die hohe Sicherheit des von ihm zu lenkenden Fahrzeugs.

»Die größte Gefahr für ein Schiff ist heutzutage kein Eisberg mehr, sondern Feuer an Bord«, referiert der erste Mann auf der Brücke. Aber keine Sorge: Der Kreuzer sei gut gerüstet mit Sprinklern, aus denen im Notfall ein feiner Wasserdampf entweicht. »Der ist 30-mal effektiver, als es ein Wasserstrahl wäre«, schwärmt Wright.

Ist die »Oasis« also unsinkbar? »Nein, und es wäre töricht, das zu behaupten«, antwortet Wright ohne Zögern. »Kein Schiff ist unsinkbar.« FRANK THADEUSZ

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