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TIERE »Sehr alt, sehr klug«

Besitzen Tintenfische Intelligenz? Fasziniert beobachten Forscher, welcher Tricks sich Kraken, Kalmare und Sepien, zur Klasse der »Kopffüßer« gehörig, beim Jagen bedienen. Manche Experimente lassen vermuten: Die wabbligen Weichtiere können durch Beobachtung lernen.
Von Günther Stockinger
aus DER SPIEGEL 27/1997

Der Fotograf und Biologe Fred Bavendam begegnete dem Ungeheuer in 17 Meter Tiefe. Als er vor der Küste von British Columbia Aufnahmen von Unterwassertieren schoß, pirschte sich ein Krake von hinten an ihn heran und forderte hartnäckig die Herausgabe der orangefarbenen Blitzlampen.

Etwa fünf Minuten lang mußte sich der erfahrene Taucher gegen die immer wieder nachfassenden Arme des zwei Meter langen Octopus wehren, ehe der Räuber von den teuren Gerätschaften abließ. Außer an die wimmelnden Saugnäpfe erinnerte sich Bavendam hinterher vor allem an eines: »Dieser sprechende Blick«, wunderte er sich. Die Tiere »glotzen nicht, sie stellen Kontakt her. Sie schauen, als müßte man sie kennen«.

Mit fast menschenähnlichen Eigenarten und einem sonderbar anrührenden Charme haben die geheimnisvollen Weichtiere ihre Beobachter schon häufig in Erstaunen versetzt. »Das Tier hat Augen, die zurückstarren«, notierte der amerikanische Krakenforscher Martin Wells. Einige der Kopffüßer (Cephalopoden) beugen sich vor, um Dinge, die um sie herum vorgehen, besser verfolgen zu können. Andere scheinen vor Wut rot anzulaufen, werden vor Schreck leichenblaß oder legen sich in einer Körperhaltung zur Ruhe, die aussieht, als würden sie ihren Kopf wie müde Wanderer auf die Arme stützen.

Ob die Tiere so intelligent sind, wie sie mitunter wirken, ist unter den Cephalopodenforschern umstritten. Der scheinbar verständige Ausdruck der Krakenaugen, erklärt Horst Bleckmann, Neurobiologe an der Universität Bonn, »muß nichts mit dem nachgeschalteten visuellen Analyseapparat zu tun haben«.

Einige US-amerikanische und kanadische Forscher scheinen dagegen in den über 550 Millionen Jahre alten Kopffüßern ein evolutionäres Erfolgsmodell mit erstaunlichen Geistesgaben zu sehen. »Wir haben noch nicht die geeigneten Experimente entwickelt, um uns ein Bild von der Intelligenz dieser Tiere zu machen«, urteilt Nathan Tublitz von der University of Oregon in Eugene. Doch das Problem, so der Gelehrte, liege »eher in unserer Beschränkung als in der der Cephalopoden«.

Die rätselhaften Meeresbewohner zählen zu den Weichtieren (Mollusken). Im Körper der achtarmigen Kraken und der zehnarmigen Kalmare und Sepien, die gleichsam als Vettern die Klasse der Cephalopoden bilden, gibt es weder Gliederknochen noch Gräten. Selbst durch kleine Spalten oder Öffnungen können sich die athletischen Muskelprotze nach Art eines sich lang und dünn machenden Trickkünstlers hindurchzwängen.

Einige der rund 750 bekannten Tintenfischarten werden kaum größer als ein Daumennagel. Andere schweben groß wie Omnibusse in bis zu 1000 Meter Tiefe. Riesenexemplare wie der noch nie in seinem natürlichen Lebensraum beobachtete Kalmar Architeuthis dux erreichen eine Länge von rund 18 Metern. An ihren Fangarmen sitzen Saugnäpfe von bis zu 25 Zentimetern Durchmesser, die beiden Augen der gigantischen Tiefseebewohner sind groß wie Basketbälle. Mit ihren schnabelartigen Kiefern und einer Raspelzunge werden die Unterwasserwesen sogar Haien zur Gefahr.

Im evolutionären Wettrennen mit den Fischen waren die Kopffüßer hohem Selektionsdruck ausgesetzt. Mit einem explosionsartig ausgestoßenen Wasserstrahl aus einer Muskeldüse können sich die Vielarmer zwar nach dem Jet-Prinzip in jede beliebige Richtung katapultieren. Doch um dabei nur halb so schnell zu sein wie vergleichbare Flossenschwimmer, müssen die Kopffüßer doppelt soviel Energie aufwenden und mit Hilfe ihrer drei Herzen achtmal soviel Blut durch ihren Kreislauf jagen.

Ihre Kraft befähigt manche gar zur Athletik über dem Wasser. Der Floßfahrer Thor Heyerdahl sah auf seiner Kon-Tiki-Expedition 1947 zwischen Südamerika und Polynesien Kalmare wie Raketen aus dem Meer schießen. In einer Art Gleitflug sollen die Tiere bis zu 50 Meter weit gesegelt sein.

Die meisten Kopffüßer sind »richtige Brennöfen«, erklärt der Bremerhavener Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner, »was diese Tiere leisten, ist enorm«. Wegen der ungünstigen Stoffwechselbilanz werden die Wabbeltiere freilich auch nicht alt: Nur ein bis drei Jahre dauert das Leben der stummen Meeresbewohner. Dann ist ihre biologische Uhr abgelaufen.

Keine Gräten, kein Grips - nach diesem Motto haben Biologen den Kopffüßern in der Vergangenheit nicht wesentlich mehr Geist zugetraut als ihren nächsten Verwandten, den Schnecken und Muscheln. Erst 1992 revidierten die italienischen Neurobiologen Graziano Fiorito und Pietro Scotto das Bild der mit einem erstaunlich großen Gehirn ausgestatteten Weichtiere.

Bei Intelligenztests mit Kraken, die sie aus der Bucht von Neapel fischten, wiesen die Experten durch Konditionierungsversuche nach, daß die Kopffüßer nach mehreren Versuchen in Erinnerung behalten konnten, wo als Freßbelohnung dienende Fischstückchen versteckt waren - hinter einem roten oder einem weißen Ball.

In der zweiten Hälfte des Experiments durften andere, noch nicht angelernte Kraken den bereits trainierten Tieren bei der Fischmahlzeit zusehen. Ergebnis: Die zweite Gruppe der Cephalopoden lernte durch reines Beobachten und sogar noch schneller als die erste, hinter welchen Hindernissen sich die Köder befanden.

Zu solchem Nachahmungslernen, so hatten die Wissenschaftler bis dahin felsenfest angenommen, seien dank ihrer Denkapparate nur höhere Säugetiere und einige Vogelarten in der Lage. Cephalopodenforscher wie Shelley Adamo von der Dalhousie University in Halifax gehen nun von »zwei sehr unterschiedlichen Arten von Gehirnen« aus, die Menschen und Mollusken ähnliche Fertigkeiten bescheren - »darunter vielleicht das Beobachtungslernen«.

Anatomisch gesehen ist das Gehirn der Kopffüßer »hochdifferenziert«, wie der US-Neurowissenschaftler Ted Bullock von der University of California in San Diego konstatiert: »Es besitzt eine Menge Gewebe, es ist nicht glatt oder eintönig. Es sieht aus wie ein kompliziertes Gehirn, histologisch und unter dem Mikroskop betrachtet.« Sind also die intelligent wirkenden Verhaltensweisen von Kraken, Kalmaren und Sepien das Ergebnis bewußter Steuerung?

Beim Knacken von Muscheln erweisen sich die scheinbar tumben Mollusken als wahre Werkzeugkünstler. Mal bohren Kraken und Kalmare mit ihrem harten, papageienschnabelartigen Kiefer ein Loch in den Kalkpanzer, töten das Opfer durch eine Giftladung aus ihren Speicheldrüsen und zerren den Leckerbissen anschließend aus seiner schützenden Hülle. Mal reißen sie den Panzer mit reiner Muskelkraft auseinander.

Allein schon durch ihre raffinierten Verwandlungskünste haben die Weichtiere ihren Beobachtern immer wieder suggeriert, sie besäßen eine Form von Intelligenz. Mit Hilfe miniaturisierter Pigmentsäcke in der Haut (Chromatophoren), die von feinen Muskelfasern über das Gehirn gesteuert werden, können die Kopffüßer ihre Körperfarbe in Sekundenbruchteilen verändern: Aus ganzkörpergetigerten Kraftmeiern werden dabei, im Falle einer Niederlage, fahlblasse Verlierer, denen es nur noch wichtig ist, sich unauffällig aus dem Staub zu machen.

Einige Kopffüßerarten, so bemerkten die Forscher bei Unterwasser-Zähltests, verändern ihre Körperfarbe innerhalb weniger Stunden bis zu tausendmal - womöglich, wie Martin Moynihan vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama spekuliert, eine Art Kommunikationssystem, mit dem die Tiere sich über Jagdgründe oder nahende Gefahren verständigen.

Bei Tests im Aquarium lassen Gemeine Tintenfische (Sepia officinalis) ein gehöriges Maß an Schlitzohrigkeit erkennen. Wenn sie sich auf die Suche nach Beute begeben, zaubern sie eine Art bewegtes Bild auf ihre Haut: Helle und dunkle Brauntöne wandern über den Körper der Tiere; die Tarnkappe ähnelt dem Spiel von Sonnenstrahlen auf Steinen, die im Wasser liegen. Auf viele Beutetiere wirkt die flirrende Vorführung offenbar hypnotisierend.

Auf individuell und zeitlich höchst unterschiedliche Reaktionen ihrer Schützlinge stieß die kanadische Cephalopodenexpertin Adamo bei Aquariumsversuchen. Einer der Räuber etwa »nebelte« sich mit einer Tintenwolke ein - allerdings nur, um seinen Opfern im Trüben weiter nachzustellen.

Skeptiker wie die Verhaltensforscherin Jean Boal von der University of Texas in Galveston bezweifeln allerdings, ob die Experimente, die auf eine spezielle Weichtierintelligenz schließen lassen, hinlänglich aussagekräftig sind.

Bei ihren eigenen Versuchen mit Sepien erlebte Jean Boal letztes Jahr eine Überraschung. Die Tintenfische schnitten - wie bei den vorangegangenen Versuchen der italienischen Neurobiologen - erfolgreicher ab, wenn sie trainierten Artgenossen beim Beutemachen zusahen. Aber derselbe Effekt stellte sich auch ein, wenn ihnen die Wissenschaftlerin vorher nur gestattete, die als Köder dienenden Krabben zu sehen oder zu riechen.

An der These vom Nachahmungslernen der Weichtiere hegt die US-Wissenschaftlerin deshalb vorerst noch gelinde Zweifel: »Wenn das Zuschauen bei der Jagd nicht mehr bewirkt als der simple Geruch einer Krabbe«, so Boal, »dann kann es sich nicht um komplexes Lernen handeln.« Vielmehr habe man es nur »mit einem Reiz zu tun, der ein angeborenes Verhalten auslöst«.

Ob in den Meeresbewohnern am Ende doch ein Funken Geist steckt, wird sich vermutlich bald verläßlicher sagen lassen. Für Versuche in Aquarien können Tintenfische inzwischen problemlos gezüchtet werden; zudem arbeiten die Forscher an standardisierten Intelligenztests, mit denen sich die bisherigen Unklarheiten vermeiden lassen.

Bis klar ist, »was es heißt, ein Cephalopode zu sein« (NEW SCIENTIST), werden es weiter die Blicke der Weichtiere sein, die bei zweibeinigen Besuchern eine merkwürdige Befangenheit auslösen: »Wenn ein Taucher die Augen eines großen Kraken auf sich gerichtet sieht«, berichtete der am Mittwoch letzter Woche verstorbene Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau, »empfindet er eine Art Respekt, so als begegne er einem sehr klugen, sehr alten Tier.«

* Vor Madeira (Holzstich, 19. Jahrhundert).

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