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MEDIZIN »Sehr naive Hoffnung«

Marion Kiechle-Bahat, 47, Leiterin der Uni-Frauenklinik an der TU München, über die Rolle von Gendefekten bei der Entstehung von Brustkrebs
Von Günther Stockinger
aus DER SPIEGEL 16/2007

SPIEGEL: Brustkrebsgene werden immer öfter entdeckt. Vorige Woche haben Forscher von der Hamburger Uni-Klinik mit einem solchen Fund für Furore gesorgt. Was bringt die Genjagd für den klinischen Alltag?

Kiechle-Bahat: Zunächst einmal gar nichts. Vorteile entstehen nur, wenn man die Gene oder Gendefekte für therapeutische oder diagnostische Zwecke ausnutzen kann. Von der Entdeckung bis zum Einsatz dauert es aber erfahrungsgemäß mindestens 15 Jahre.

SPIEGEL: Ist es übertrieben, die Entdeckung einzelner Brustkrebsgene als »Durchbruch« gegen die Krankheit zu feiern?

Kiechle-Bahat: Das ist in der Tat eine sehr naive Hoffnung. Man weiß bei solchen Funden am Anfang nie, ob sie sich überhaupt klinisch verwerten lassen. Aber wenn Wissenschaftler nicht euphorisch wären, würden sie auch nicht weiterforschen. In der Presse werden solche Einzelentdeckungen zu hoch aufgehängt. Es gibt keine magischen Brustkrebsgene.

SPIEGEL: Bestätigen die neuesten Erkenntnisse, dass an der Entstehung von Brustkrebs eine Vielzahl von Genen beteiligt ist?

Kiechle-Bahat: Das ist ganz sicher so. In den einzelnen Brustzellen spielt ein ganzes Konzert von Genen mit, wenn die Zellen entarten.

SPIEGEL: Die ersten beiden Gene, die für die erbliche Form von Brustkrebs mitverantwortlich sind, wurden bereits vor über zehn Jahren identifiziert. Haben die Frauen davon profitiert?

Kiechle-Bahat: Bei familiärer Brustkrebsbelastung kann man Frauen, die diese Gene tragen, als Risikofälle identifizieren und ihnen entsprechende Therapien anbieten - das geht bis hin zur prophylaktischen Brustamputation. Das ist sicher jedes Mal sehr dramatisch. Aber wir wissen aus Studien sehr genau, dass die vorbeugende Entfernung der Brustdrüse die Frauen zu nahezu 100 Prozent vor dem Brustkrebstod bewahrt.

SPIEGEL: Bei Frauen mit dieser Erbanlage tritt der Krebs oft schon in relativ jungen Jahren auf. Ist die vorbeugende Amputation in diesem Alter nicht zu weitgehend?

Kiechle-Bahat: Das wird von den betroffenen Frauen natürlich ganz genau so gesehen. Es gibt die Alternative, in relativ kurzen Abständen Kontrolluntersuchungen durchzuführen. Ein Drittel der Genträgerinnen entscheidet sich aber dennoch für die prophylaktische Amputation. Man muss sich dabei vor Augen halten, was diese Frauen schon erlebt haben in ihren Familien, wenn sie ihre Mütter, Tanten oder sogar die älteren Schwestern am Brustkrebs sterben sahen.

SPIEGEL: Mit wie vielen Brustkrebsgenen muss man noch rechnen?

Kiechle-Bahat: Wir wissen nur: Es sind viele. Dass man sie jemals alle finden wird, ist eher unwahrscheinlich. Wichtig ist aber, dass man einzelne Schlüsselgene kennt. Wenn man die hat und ihre Entdeckung beispielsweise therapeutisch geschickt ausnutzen kann, dann ist schon viel gewonnen.

SPIEGEL: Nur fünf Prozent aller Brusttumoren haben einen erblichen Hintergrund. Welche nichtgenetischen Ursachen von Brustkrebs stehen an vorderster Stelle?

Kiechle-Bahat: Risikofaktoren sind auf jeden Fall das Alter, das frühe Einsetzen der Regelblutung oder Kinderlosigkeit. Darüber hinaus gibt es auch Risiken, die man selbst beeinflussen kann: Übergewicht und Bewegungsmangel spielen dabei die wichtigste Rolle. INTERVIEW: GÜNTHER STOCKINGER

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