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Medizin Seuche im Treibhaus

Im Wettlauf mit dem Erreger und dem Überträger unterlag die Medizin: Die Tropenseuche Malaria ist bedrohlicher denn je.
aus DER SPIEGEL 44/1992

Für die Chinesen war die Krankheit die »Mutter aller Fieber«, die Franzosen nannten sie das »Leiden aus den Sümpfen«; von den alten Römern stammt der weltweit eingebürgerte Name: mala aria (schlechte Luft). Seit Menschen ihre Gebrechen aufschreiben, schildern sie die Symptome der Malaria.

Heute wie in alten Zeiten gilt sie, so der Hamburger Tropenmediziner Manfred Dietrich, als »Killerkrankheit Nummer eins": Mehr als 100 Millionen Menschen erkranken jährlich an Malaria. Rund 2 Millionen von ihnen sterben an den Folgen, darunter 800 000 Kinder, die jünger sind als fünf Jahre.

Etwa 8000 Westeuropäer kehren alljährlich von Urlaubs- oder Geschäftsreisen aus Ländern, in denen die Seuche grassiert, mit dem Malariaerreger im Blut zurück. Bei rund 300 von ihnen verläuft die Infektion tödlich, obwohl »Malaria eine heilbare und vermeidbare Krankheit ist«, wie Hiroshi Nakajima, Generaldirektor der Genfer WHO-Zentrale, konstatiert.

Anfang dieser Woche wollen in Amsterdam 350 Mediziner und Gesundheitsexperten aus 90 Nationen, vorwiegend aus den malariaverseuchten Entwicklungsländern, ein globales Strategiepapier zur Malariabekämpfung verabschieden. Der Text ist auf vorangegangenen Regionalkonferenzen formuliert worden. Einhelliges Fazit dieser Zusammenkünfte: »Weltweit ist die Malariasituation besorgniserregend, und sie verschlimmert sich stetig.«

Ebenfalls einmütig stellten die Teilnehmer fest, daß es für das »Riesenproblem Malaria« (Dietrich) keine einheitliche Lösung geben könne. Vielmehr müsse für jedes der Malarialänder ein maßgeschneidertes Programm entwickelt werden, wenn die hochgesteckten Ziele des Strategiepapiers auch nur halbwegs erreicht werden sollen. Danach gilt es vor allem, die durch Malaria bedingte »Sterblichkeitsrate zu verringern, die Erkrankungshäufigkeit einzudämmen sowie die damit einhergehenden wirtschaftlichen und sozialen Verluste zu begrenzen«.

Die Malarialänder, in denen nahezu die Hälfte der Erdbevölkerung lebt, haben sich eine Herkulesarbeit vorgenommen. Ihr Gegner, ein mikroskopisch kleiner Erreger, zeichnet sich durch eine beispiellose Überlebensfähigkeit aus. Sie beruht nicht zuletzt auf dem ungewöhnlichen Entwicklungszyklus des Malariaparasiten (siehe Grafik Seite 314).

Zur Ansteckung kommt es, wenn eine infizierte weibliche Gabelmücke (Anopheles) ihren Stachel in die menschliche Haut senkt, um Blut zu tanken; dabei entläßt das Insekt aus seiner Speicheldrüse Tausende von Erregern in die Blutbahn des Menschen. Die spindelförmigen Einzeller wandern in die Leber, wo sie sich in den folgenden zwei Wochen stark vermehren - für den Infizierten eine Phase der Ruhe vor dem ersten großen Fiebersturm.

Nur im günstigsten Fall schmettert die körpereigene Abwehr die Invasoren ab, der Körper entwickelt eine begrenzte Immunität. Gegen den vor allem in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara verbreiteten Malariaerreger vom Typ Plasmodium falciparum ist der menschliche Organismus meist machtlos. Rund eine Woche nach dem ersten Fieberschub, der dann noch einmal abklingt, verfällt der an der sogenannten Malaria tropica erkrankte Patient oft ins Koma, das, so Tropenmediziner Dietrich, »nur die wenigsten überstehen«.

Nach Auffassung des Münchner Infektionsexperten Dieter Eichenlaub könnten »die 200 Menschen, die in Deutschland seit 1963 an der Malaria gestorben sind, noch am Leben« sein, wenn die beteiligten Ärzte rechtzeitig an die Möglichkeit einer Malariaerkrankung ihres Patienten gedacht hätten: Nach dem ersten Fieberschub mit Gliederschmerzen und Mattheit kann der Patient, dessen Erkrankung sich durch einen Blutabstrich unter dem Mikroskop (nicht im Analyseautomaten eines Labors) nachweisen läßt, fast immer mit Medikamenten erfolgreich behandelt werden.

Statt dessen mißdeutet der Hausarzt die Tropenkrankheit oft als »grippalen Infekt« und verschreibt fiebersenkende Medikamente. Erst wenn die Einfachmittel versagen, folgt die Nachfrage, ob der Patient womöglich vor kurzem in den Tropen war. Dabei zwingt, laut Eichenlaub, keine andere Infektionskrankheit »so zur Eile wie die Malaria«.

Doch die Malariarisiken fernreisender Manager und Urlauber wirken fast belanglos im Vergleich mit den Massenerkrankungen in tropischen und subtropischen Regionen.

Nur einmal, in den fünfziger und sechziger Jahren, hatten die Menschen dort Hoffnung schöpfen können, von der Geißel Malaria befreit zu werden. Damals waren, unter Aufsicht der WHO, Kolonnen von Kammerjägern durch die Malariagebiete gezogen und hatten die Innenwände der Häuser mit DDT besprüht.

Die Giftaktion beruhte auf der Beobachtung, daß Anopheles-Schwärme abends in die Wohnungen einfliegen, sich am Blut der Bewohner laben und anschließend zur Verdauungspause an den Wänden sitzen. Dort sollte ihnen das Kontaktgift DDT den Garaus machen.

Wenn die Sprühkampagne, so die Annahme der Seuchenstrategen, regelmäßig alle drei bis sechs Wochen wiederholt würde, müßte die Mückenzahl allmählich sinken, bis die Anopheles ausgerottet wäre. Innerhalb von fünf Jahren, so die damals optimistischen Prognosen, würde man die Malaria so weit im Griff haben, daß allenfalls noch einzelne gezielte Aktionen nötig wären.

Spätestens 1969, nach einer 790 Millionen Dollar teuren Spraykampagne, war klar, daß die Malariakrieger ihren Ausrottungsfeldzug verloren geben mußten. Die Stechmücken hatten den Angriff mit einer trickreichen Doppeltaktik pariert: Sie entwickelten in ihrem Organismus ein Enzym, das den DDT-Wirkstoff neutralisierte. Zudem taten die Gejagten ihren Jägern immer seltener den Gefallen, sich nach dem Blutsaugen an den Wänden niederzulassen - sie flogen nach vollbrachtem Stich schleunigst ins Freie.

Obendrein wurden Mückenarten entdeckt, deren Vermehrungsrate durch alles DDT der Welt nicht hätte gesenkt werden können. Die Spezies der afrikanischen Anopheles gambiae beispielsweise, so der US-Mikrobiologe Robert Desowitz, »hätte Tag für Tag halbiert werden müssen, und zwar fünf Jahre lang, um die Art auszurotten«.

Eine ausgeprägte Fähigkeit, ihre Gegner zu erkennen und zu entschärfen, bewiesen auch die Erreger bei ihrer Reaktion auf Medikamente, mit denen die Ärzte akute Malariaerkrankungen behandeln.

Die Zahl der dazu tauglichen Arzneimittel war seit je begrenzt. Als erprobtes Mittel galt das Chinin, dessen Wirksamkeit jesuitische Missionare im 17. Jahrhundert entdeckt hatten. Es wird aus den Rinden des tropischen Cinchona-Baumes gewonnen.

Um die Jahrhundertwende war es gelungen, den Wirkstoff in hochreiner Form herzustellen und so den Behandlungserfolg erheblich zu verbessern. Doch das chemisch reine Chinin, so stellte sich heraus, war zwar ein wirkmächtiges Medikament, es taugte aber nicht zur Prophylaxe. Wegen störender und gefährlicher Nebenwirkungen, etwa Ohrensausen oder gar Taubheit und Erblindung, blieb es für eine häufig wiederholte Anwendung ungeeignet.

Zu hohe Giftigkeit beim Menschen bescheinigten die Pharmakologen der IG-Farben 1934 auch ihrem im Labor entwickelten Anti-Malariamittel Resochin (Wirkstoff: Chloroquin), das sich im Tierversuch zunächst als vielversprechend erwiesen hatte. Ein später entwickelter Abkömmling, dessen Formel der reichsdeutsche Konzern auch seinen ausländischen Tochterfirmen zukommen ließ, verschwand in den Archiven.

Erst im Zweiten Weltkrieg, als die US-Armeen und ihre Verbündeten fast ebenso viele Soldaten durch Malaria verloren wie durch Feindeinwirkung, wurde die Suche nach einem neuen Malariamittel wieder angekurbelt. Amerikanische Chemiker erprobten 14 000 Substanzen. Unter ihnen fand sich nur eine einzige, deren Einsatz bei der Truppe vertretbar schien.

Gegen Kriegsende gruben französische Ärzte die verstaubte IG-Farben-Formel wieder aus. Sie erkannten, daß die Giftigkeitsbedenken der deutschen Chemiker nicht gerechtfertigt waren und sich das Mittel für Therapie wie Prophylaxe gleichermaßen eignete.

Resochin war zwei Jahrzehnte das Anti-Malariamittel der Wahl, vor allem beim Militär und den Kolonialherren. An die eingeborene Bevölkerung dagegen wurde es nur zögernd ausgegeben. »Eine effektive Malariakontrolle«, spekuliert Mikrobiologe Desowitz, »hätte die Büchse der Pandora in Sachen Bevölkerungsexplosion geöffnet.«

Mitten in der DDT-Sprühkampagne mußten die Malariaforscher erkennen, daß die »magische Kugel Chloroquin« (Desowitz) ihre Durchschlagskraft zu verlieren begann. Die Erreger waren dagegen resistent geworden, mehr noch: Die Parasiten wurden auch zunehmend widerstandsfähig gegen das inzwischen entwickelte Mefloquin (Markenname: Lariam); diese Laborvariante des Chinins ruft ähnliche Nebenwirkungen hervor wie der Uralt-Wirkstoff. Sie eignet sich ebensowenig zur Langzeitbehandlung wie die sogenannten Stand-by-Präparate Fansidar oder Halfan, die westliche Ärzte Tropenreisenden zur Selbstbehandlung erster Malariasymptome empfehlen.

1972 erklärte die WHO ihren weltweiten Malariafeldzug offiziell für gescheitert. Viele der 63 Teilnehmerländer hatten einen Großteil ihres ohnehin spärlichen Gesundheitsetats verpulvert. Sie sahen sich im Kampf gegen die Malaria weiter zurückgeworfen als zu Beginn der Kampagne: Die anfänglich noch hilfreichen Medikamente waren weithin wirkungslos geworden. Vor vier Jahren beispielsweise wurde Madagaskar von einer Malariaepidemie heimgesucht, die 25 000 Opfer forderte.

Nun sei »die Zeit gekommen, die Malaria erneut zu attackieren«, heißt es im Vorbericht der WHO zur bevorstehenden Konferenz in Amsterdam. Nach Ansicht der Weltgesundheitsbeamten besteht durch »das in den vergangenen Jahren gewaltig gewachsene Wissen über die Krankheit die Möglichkeit, sie unter Kontrolle zu bringen«.

In Wahrheit gibt es für die Mediziner wenig Grund zu soviel Optimismus. Die meisten Pharmafirmen haben ihre Malariaforschung zurückgefahren oder gar eingestellt. Die Kosten für die Entwicklung und die klinischen Tests sind inzwischen derart gestiegen, daß die Aussicht auf Gewinne schwindet. Auch Versuche, einen Malariaimpfstoff zu entwickeln, sind weitgehend gescheitert - eine Schutzimpfung müßte den Malariaparasiten in all seinen Entwicklungsstufen im menschlichen Körper angreifen.

Zwar sollen Anfang 1993 die Kinder eines Dorfes in Tansania gegen Malaria schutzgeimpft werden. Die Vakzine wurden von Manuel Patarroyo entwickelt, einem kolumbianischen Biochemiker. Doch westliche Experten sehen dem Versuch mit Skepsis entgegen.

Selbst wenn der Test in Tansania erfolgreich sein sollte, würde - nach einer Daumenregel der Pharmabranche - ein Impfstoff frühestens in zehn Jahren verfügbar sein; so lange dauert die Entwicklung bis zur Marktreife.

Bis dahin kann sich die Seuchenlage in den Malarialändern dramatisch zugespitzt haben: »Die Welt wird wärmer«, warnte Anfang dieses Monats der amerikanische Tropenmediziner Andrew Spielman. Jede klimatische Änderung werde die »Mikroben zu einem neuen Evolutionssprung« veranlassen.

Mit dem Tempo des Wandels, ausgelöst durch den Treibhauseffekt, könne das träge Immunsystem des Menschen nicht Schritt halten - und die Wissenschaft wohl auch nicht.

[Grafiktext]

_314_ Entwicklungszyklus eines Malaria-Erregers (schematische

_____ Darstellung)

_____ Weltkarte: Verteilung des Malariarisikos

[GrafiktextEnde]

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