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Singender Sprudel

Langweilig sind unsere Träume nie. Dabei speisen sich die Action-Filme, die sich nachts in unserem Kopf abspielen, meist aus dem Alltag.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Wer sich schlafen legt, muss auf alles gefasst sein. Der Philosoph Theodor W. Adorno tanzte im Traum einmal mit einer riesigen braungelben Dogge. Das Tier hielt sich tadellos aufrecht, trug einen Frack und machte den Denker ganz konfus: »Zuweilen küssten wir uns.«

Anderen Träumern erscheinen seltsame Treppen, die sich in den Himmel emporschrauben, sobald man sie erklimmt. Oder siebenarmige Steuerprüfer, die ihnen in alle Taschen zugleich greifen. In der Welt des Traums hat die Vernunft nichts mehr zu sagen - dort verwundert es auch nicht weiter, wenn ein Glas Sprudelwasser blubbernd einen alten Schlager singt.

Woher kommen all die Einfälle, mit denen sich das Gehirn zur Schlafenszeit unterhält? Unter das Bizarre sind ja auch ganz reelle Elemente gestreut - das jähe Stechen morgens in der Lunge kann ebenso gut im Traum wiederkehren wie die bissige Bemerkung des Nachbarn oder auch nur dieser Mann an der Ampel mit der komischen Topffrisur.

»Die meisten Träume greifen auf, was dem Träumer am Tag durch den Kopf ging«, sagt der Mannheimer Traumforscher Michael Schredl, »die Elemente werden aber neu zusammengewürfelt und mit Erinnerungen vermengt.« Alles, was im Tageslauf unverstanden, halb übersehen oder sonst irgendwie unerledigt blieb, im Kleinen wie im Großen, kann sich bemerkbar machen. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, sprach von den »Tagesresten«.

Die ungelöschte Fracht des Tages lässt sich sogar gezielt ins Traumgeschehen einschleusen. Das fand eine Forschergruppe am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut (SFI) heraus. Probanden bekamen vor dem Einschlafen Bilder mit surrealen Szenen präsentiert, auf denen alles dreieckig verzerrt war; Autos etwa hatten dreieckige Räder. Die Bilder blitzten jeweils nur für Sekundenbruchteile auf, zu kurz, um bewusst wahrgenommen zu werden. Nach dem Erwachen wurden die Teilnehmer gebeten, ihre Traumbilder aufzuzeichnen. Und tatsächlich erschienen auffällig viele Segel, Haifischflossen oder auch Ananasstückchen - eine Konjunktur der Dreieckigkeit, die sich die Träumer selbst nicht erklären konnten.

»Hier sehen wir die wesentliche Funktion des Traums«, sagt Heinrich Deserno, Psychoanalytiker am SFI. »Verstörende Tagesreste werden bewältigt, indem das Bewusstsein sie verknüpft mit etwas Vertrautem.«

Manchmal setzt sich der Alltag auch direkt ins Traumgeschehen fort: Wer viel Auto fährt, träumt häufiger vom Autofahren, Köche träumen vom Kochen - und Traumforscher vom Träumen. Michael Schredl trägt seit vielen Jahren jeden seiner Träume in ein Tagebuch ein, und gelegentlich träumt er auch schon, dass er einen Traum notiert, den er - im Traum - gerade geträumt hat.

Schredls Sammlung von Selbstgeträumtem umfasst inzwischen rund 9200 Protokolle. So gut wie jede Nacht kommt ein neuer Eintrag hinzu, nicht selten auch zwei oder drei. Laien sind vermutlich nicht minder ergiebige Träumer, sie wissen es nur meist nicht; im Normalfall haben sie noch vor dem Aufwachen alles vergessen. Wenn man aber ihren Schlaf unterbricht, haben sie fast immer was zu erzählen.

Das zeigten zahllose Versuche in Schlaflaboren, wo Testschläfer zu allen erdenklichen Zeiten geweckt wurden. Schon wenige Minuten nach dem Einschlafen berichten 50 bis 70 Prozent der Probanden von ersten Träumen.

Das Bewusstsein, so scheint es, schläft nie. Nacht für Nacht produziert es so gut wie ununterbrochen Illusionen. Beim enormen Ausstoß dieser Traumfabrik kann nicht alles aufwühlend oder auch nur originell geraten. Michael Schredl schätzt, dass es vielleicht ein Viertel aller Träume auf die bizarren, oft kinoreifen Einfälle bringt, über die der Träumer selbst in der Regel am meisten staunt.

Der ausgesprochen langweilige Traum kommt selten vor. Kaum ein Mensch, der träumend Kreuzworträtsel löst, vorm Computer hockt oder im Lehnstuhl über seinen Sorgen brütet. Im Traum wird gehandelt und erlitten, und oft genug geht es dabei so unverblümt zu, wie es sich tagsüber kaum jemand zugestehen würde.

Die Eigentümlichkeit des Traums kommt vor allem daher, dass im Gehirn beim Einschlafen etliche Schalter umgelegt werden: Der Hirnstamm, eine entwicklungsgeschichtlich primitive Region, übernimmt das Regiment über den Schlaf; die Außenreize werden ausgeblendet, die höheren Hirnfunktionen gedrosselt, das Bewegungszentrum blockiert - eine fürsorgliche Lähmung, die den Schläfer vorm Herumzappeln bewahrt. In dieser Ruhe kann sich das träumende Ich, nun nicht länger gegängelt von der besserwisserischen Vernunft, dem Irrlichtern der Halluzinationen überlassen.

Noch in den Neunzigern waren die Hirnforscher mehrheitlich überzeugt, Träume seien nicht viel mehr als chemische Gewitter, ein Geflunker zufälliger Wahnbilder, höhere Vorstellungen oder gar Wünsche schienen nicht im Spiel zu sein. Der Neurowissenschaftler Mark Solms dagegen fand heraus, dass beim Traumgeschehen wohl tatsächlich eine Menge Intelligenz im Spiel ist - seine Studien ergaben, dass nur Menschen, bei denen bestimmte höhere Hirnregionen geschädigt sind, überhaupt nicht mehr zu träumen scheinen. Vor allem für die Psychoanalyse, die sich mit ihrer Deutungskunst im Abseits wähnte, ist das ein wichtiger Befund: »Das gibt uns den Mut zu sagen, dass wir wichtige Dinge zu ergründen versuchen«, sagt Analytiker Deserno, »und nicht nur Arbeitsgeräusche des Gehirns.«

Die Fachwelt blieb bislang jedoch skeptisch, denn Solms' These lässt sich nur schwer überprüfen. Der Neurologe musste sich auf die Auskünfte von Patienten verlassen, deren Gehirn schwer geschädigt war. Nicht auszuschließen, dass sie sehr wohl träumten, sich aber nicht mehr daran erinnern konnten.

Gewissheit wird es erst geben, wenn Forscher direkt ins träumende Gehirn hineinleuchten können. Das bewährte Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomografie wäre dafür an sich gut geeignet. Nur leider fällt es selbst robusten Schläfern sehr schwer, im Getöse des Tomografen einzuschlummern.

Vielleicht geht es aber auch mit einem Trick: Am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut durften Probanden friedlich in ihren Betten schlafen, und erst nach dem Aufwachen wurden sie in den Tomografen geschoben. Dort veranlassten die Forscher sie, sich an ihre Träume zu erinnern. Die Ergebnisse - noch unveröffentlicht - fielen eindeutig aus. »Es waren genau die Areale aktiv, die auch Solms identifiziert hatte«, sagt die Psychologin Tamara Fischmann, die an der Studie beteiligt war.

Auch sonst haben sich viele Ideen, die Freud in seinem Werk »Die Traumdeutung« entwickelte, als erstaunlich haltbar erwiesen. Sein Begriff vom Traum als »Hüter des Schlafes« beispielsweise scheint die Dramaturgie des nächtlichen Geschehens ganz gut zu beschreiben: Im Normalfall steht der Traum unter einer fürsorglichen Regie. Das träumende Ich baut die oftmals wirr aufsteigenden Bilder und Halbgedanken in Geschichten ein, die - bei aller Sprunghaftigkeit des Drehbuchs - halbwegs plausibel anmuten.

Wenn sich die Lage des Träumers aber bedrohlich zuspitzt, wechselt die innere Regie lieber schnell die Szene. Es ist, als sollte ihm nicht allzu viel zugemutet werden. Solche abrupten Szenenwechsel, dem Schnitt im Film vergleichbar, sind der Traumforschung gut bekannt. Es gelten offenbar die Gesetze des Action-Kinos: Das Geschehen wird dramatisch verdichtet, wie um das Publikum nicht zu langweilen - es soll aber auch nicht in Panik aus dem Saal stürzen. »Da wirkt eine ständige Regulation der Affekte zum Schutz des Schlafes«, sagt der Frankfurter Analytiker Deserno.

Dieses Wechselspiel zwischen Kontrolle und Freiheit bewirkt auf noch ungeklärte Weise, dass es in Träumen oft so ungemein erfinderisch zugeht. Nicht selten stehen die Träumer gebannt vor den Produkten ihres eigenen Vorstellungsvermögens: So was habe ich hervorgebracht? Die nüchternsten Zeitgenossen erleben sich als nächtliche Dichter mit Schlag ins Rauschhafte - und ihre oft eindrucksvollen Phantasien sind, wie die Traumforschung weiß, von denen eines Psychopathen in nichts zu unterscheiden. Kein einzelner Traum ist so absonderlich, dass ihn nicht auch ein kerngesunder Investmentbanker träumen könnte. »Bei psychisch Kranken«, sagt Schredl, »treten bizarre Träume höchstens häufiger auf.«

Je unbegreiflicher die nächtlichen Erfindungen, desto stärker fordern sie den Deutungseifer heraus. Nicht erst seit Freud geht die Vermutung um, der Traum verrate besonders viel über das Ich. Früher nahm man Träume gern als eine Art Bilderrätsel, das Symbol für Symbol zu entschlüsseln sei. Die Psychoanalyse wird noch heute gern bespöttelt wegen ihrer zeitweiligen Fixierung auf die einschlägigen Sexualsymbole - fuhr im Traum etwa ein Zug in einen Tunnel ein, konnte der Traumdeuter schon innerlich sein Häkchen bei »Koituswunsch« machen.

Mit solchen quasi normierten Sinnbildern geht die Zunft inzwischen vorsichtig um. »Auch ein Kamin muss ja nicht unbedingt mit Sexualität zu tun haben«, sagt Marianne Leuzinger-Bohleber, stellvertretende Leiterin des SFI. »Für jemanden, der in Auschwitz war, dürfte das Bild etwas ganz anderes bedeuten.«

Kann ein Kamin auch einmal gar nichts bedeuten? Erscheinen Bilder auch ohne Grund, einfach so? Für die Psychoanalyse, die jeden Traum als Mitteilung versteht, ist das eher eine Frage der Deutungskunst. Für sie hat jeder Traum etwas zu sagen - auch und gerade der allerlangweiligste. »Wenn ein Patient immer nur banale Träume erzählt«, sagt Analytikerin Leuzinger-Bohleber, »klingeln bei uns die Alarmglocken. Dann muss seine Abwehr sehr stark sein.«

Ob allerdings jeder Traum zumindest ungewollt das Innenleben des Träumers offenbart, ist ungewiss. Ist der Traum wirklich nur dazu da, Probleme zu bearbeiten? Traumforscher Schredl hält das für umstritten: »Sicher ist nur, dass er sie aufgreift.« Freilich kommt es dabei nur sehr selten zu einer Erleuchtung, einem Ausweg, einer rettenden Tat: »Wer ein schweres Problem hat, wird auch im Traum eher davor weglaufen.«

Was der Mensch tagsüber gemacht hat, beeinflusst den Traumverlauf nachweislich am stärksten. Ansonsten scheinen im Traum alle Menschen gleich zu sein: Männer, Frauen, Kinder, Greise haben Erlebnisse ganz ähnlicher Natur. Kinder etwa müssen zunächst einmal lernen, einen Traum überhaupt von einem echten Erlebnis zu unterscheiden; dann aber träumen sie nicht viel anders als alte Menschen - nur dass bei den Kleinen eben mehr Tiere vorkommen, während sich bei den Senioren die Träume häufen, in denen sie irgendwo herumirren und nicht mehr wissen, was sie an diesen Ort geführt hat. »Ihre Probleme mit dem nachlassenden Gedächtnis«, sagt Schredl, »spiegeln sich natürlich auch in der Traumwelt wider.«

Auch Männer und Frauen unterscheiden sich im Traum nicht grundlegend. Nur geht es in Männerträumen, so haben Studien gezeigt, öfter aggressiv zu, Waffengebrauch inbegriffen. Es treten mehr Männer als Frauen auf, und Sex kommt in rund 12 Prozent der Träume vor - mehr als dreimal so oft wie bei Frauen. Diese wiederum träumen etwas öfter von Haushaltsartikeln oder Kleidung. Sie erinnern sich häufiger an ihre nächtlichen Phantasien und interessieren sich auch stärker dafür, sie zu interpretieren. Am deutlichsten weichen Jungen und Mädchen während der Pubertät voneinander ab.

Erstaunlicherweise galt der Befund von den nächtlichen Unterschieden der Geschlechter drei Jahrzehnte lang bis in die Neunziger fast unverändert - trotz aller Erfolgsbilanzen der Frauenbewegung. Womöglich bildet der Traum den Stand der Dinge ehrlicher ab, als die Leute es sich im Wachzustand eingestehen. »Erst jetzt gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Traumgewohnheiten allmählich angleichen«, berichtet Schredl. Bei neueren Umfragen fanden sich immer weniger geschlechtstypische Traummerkmale. Vorsätzlich jedenfalls ist an dem Vorgang wenig zu steuern (abgesehen von den sogenannten Wachträumen), der Traum hat seinen eigenen Willen. Mit allerhand Mitteln versuchten Forscher schon, vorm Einschlafen Weichen zu stellen - die Probanden bekamen etwa grässliche Filme über Beschneidungsrituale gezeigt. Doch die Wirkung auf das Traumgeschehen blieb gering. Vermutlich hat der moderne Mensch längst gelernt, Filme so routiniert an sich vorüberziehen zu lassen, dass er keine »Tagesreste« davon mit in den Schlaf nimmt.

Leichter ist es, den Traum zu formen, wenn er schon begonnen hat. Dafür wurden Testschläfer geschaukelt, mit Pieptönen beschallt, mit Wasser besprüht oder mit schwachen Elektroschocks gepiesackt. Einige mussten die Beine in Blutdruckmanschetten stecken, die dann während des Schlafes aufgepumpt wurden - prompt traten in den Träumen allerhand Beinbeschwerden auf. Eine Studie ergab unlängst, dass der Gestank von faulen Eiern das Geschehen ganz allgemein in eine verdrießliche Richtung lenkt - wer seinem Nebenschläfer hingegen den Traum versüßen will, sollte Rosenduft versprühen.

Zeichnung von Marei Schweitzer nach Symbolen aus »Quickfinder Traumdeutung« von Konrad Lenz und Klausbernd Vollmar.

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