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BILDUNG Sitte mit Witte

Ein Bremer Rektor hat ein neues Schulfach erfunden: Seinen Zöglingen bringt er jetzt »Umgang, Benehmen, Verhalten« bei.
aus DER SPIEGEL 36/2003

Bevor für die Kinder aus der 5b die schimpfwortfreie Zeit beginnt, darf jeder noch mal eins sagen. »Wer kennt ein schlimmes Wort?«, fragt Lehrer Karl Witte in die Runde. Ein Knirps aus der ersten Reihe meldet sich: »Arschloch.« Sein Banknachbar ist empört: »Mensch, das wollte ich doch sagen!«

Witte, 61, seit 20 Jahren Direktor am Bremer Schulzentrum an der Flämischen Straße, hat ein neues Schulfach erfunden. Für die 5b stand am vergangenen Freitag zum ersten Mal »Umgang, Benehmen, Verhalten« - kurz UBV - auf dem Stundenplan. Einmal pro Woche will sich der Schulleiter persönlich um die Umgangsformen seiner Sextaner bemühen, denn soziales Verhalten, glaubt er, »müssen die lernen wie Vokabeln«.

Ende vorigen Jahres hatten Witte und seine rund 50 Kollegen genug vom rüden Ton ihrer Zöglinge. Zuerst versuchten sie, mit einem Vertrag für Ordnung zu sorgen: Alle 630 Schüler und ihre Eltern unterschrieben 14 »Grundregeln für das Zusammenleben«. Schimpfwörter (verboten) und gegenseitiges Grüßen (erwünscht) wurden darin ebenso abgehandelt wie das Spucken auf dem Schulgrundstück (verboten).

Doch auch das Regelwerk half nicht viel, und für Witte war »die Schmerzgrenze erreicht«. Als bundesweit erste Schule führte seine Lehranstalt in diesem Schuljahr Benimm-Unterricht ein, zunächst für zwei fünfte Klassen. »Wir sind schon viel bescheidener geworden, was den Respekt unserer Schüler angeht«, sagt er, »aber wir beobachten inzwischen eine Distanzlosigkeit gegenüber den Lehrern, die wir uns einfach nicht mehr gefallen lassen wollen.«

Nicht nur der Sport- und Geografielehrer aus Bremen beklagt die miesen Manieren der heutigen Schülergeneration. »Für die Lehrer wird es immer schwieriger, überhaupt zu unterrichten«, sagt die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU), »der Leidensdruck wächst.«

Bremens Schulsenator Willi Lemke drängte sich im Sommer an die Spitze der Benimm-Bewegung: »Unsere Schüler müssen sich wieder höflicher und respektvoller verhalten«, forderte der sittenstrenge Sozialdemokrat und drohte Bußgelder gegen die Eltern von Schulschwänzern an. Zudem erregte die Bauchfrei-Mode pubertierender Schülerinnen das Missfallen des Senators: »Es gibt Sexbomben an unseren Schulen, da möchte ich nicht Jung-Lehrer sein.«

Die Sittenkunde vom Schulzentrum im Bremer Stadtteil Huchting will Lemke dennoch nicht für den gesamten Stadtstaat übernehmen. Zwar hat seine Behörde Wittes Projekt genehmigt; nach Lemkes Verständnis ist gutes Benehmen aber Teil der Erziehung und nicht Gegenstand eines einzelnen Schulfachs.

Das findet auch Jürgen Schreier, Bildungsminister in Saarbrücken. Der Christdemokrat hat soeben allen Schulen im Saarland eine Werte-Offensive verordnet. »Mir geht es nicht darum, dass montags in der dritten Stunde Anstand gelehrt wird«, so Schreier, »bestimmte Benimm-Bausteine sollten immer wieder in den regulären Unterricht eingestreut werden.«

Schon bald will Schreier eine Kommission aus Lehrern, Schülern und Eltern einsetzen, die eine »moderne Form der Wertevermittlung« erarbeiten soll. Im nächsten Frühjahr dann wird jeder saarländische Lehrer seinen Unterricht mit Beispielen aus einem Benimm-Handbuch bereichern können.

In der Flämischen Straße sind die Fünftklässler schon jetzt bei der ersten Lektion angekommen. Mitten in der UBV-Stunde fliegt die Klassentür auf, Alex aus der Achten stürmt ins Zimmer: »Herr Witte, ham'se mal Kreide?«

Dass Alex dabei mindestens sechs Regeln des höflichen Miteinanders verletzt, werden die Kinder gleich lernen - dass Witte den Auftritt des blonden Jungen extra bestellt hat, erfahren sie nicht.

Erfolg der Inszenierung: Am Ende der Stunde wissen die Neun- und Zehnjährigen, wie man formvollendet nach einem Stück Kreide fragt. Alle sechs Punkte von »anklopfen« bis »verabschieden« werden in den neuen UBV-Schulheften notiert.

Noch läuft das neue Fach im klassischen Frontalunterricht ab. Der Schulleiter steht an der Tafel, stellt Fragen, schreibt die Tafel voll. Doch schon in der nächsten Stunde soll es spannender werden. Dann dürfen die Schülerinnen und Schüler aus der 5b in kleinen Gruppen zum Hausmeister, zur Sekretärin oder in die Nachbarklasse ausschwärmen und übungshalber einen Schwamm ausleihen - mit Anklopfen, bitte, danke und auf Wiedersehen.

In späteren Lektionen will sich Witte Kulturtechniken wie dem Ausredenlassen und dem Türaufhalten zuwenden. Das Programm für ein komplettes Schuljahr hat er allerdings noch nicht ausgearbeitet: »Unser Curriculum ist das Leben - da gibt es unendlich viele Beispiele.« In den Halbjahreszeugnissen wird die Teilnahme am Pflichtfach UBV erwähnt, Noten gibt es nicht.

Benimm-Lehrer Witte weiß, dass er allein kaum ausgleichen kann, was manche Eltern in zehn Jahren Erziehung versäumt haben. Doch er rechnet fest mit der Unterstützung aus den Familien: »Viele Eltern haben gesagt, endlich passiert mal etwas.«

Franziska, 9, hat vor der ersten UBV-Stunde mit ihren Eltern über das neue Fach gesprochen. »Die haben mir erklärt, dass wir hier vernünftiges Benehmen lernen«, erzählt das Mädchen mit dem Ringelpulli. Ihr hat die erste Stunde gut gefallen: »Ich wusste gar nicht, dass man immer anklopfen muss.«

Und Franziskas Mitschülerin Hanife weiß schon ganz genau, was das Lernziel von UBV ist: »Ich finde gut, dass es bald gar keinen Streit mehr gibt.« JULIA KOCH

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