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Atombombe Skorpione im Glas

Hat Robert Oppenheimer, Vater der amerikanischen Atombombe, die Konstruktionspläne für die Waffe an die Sowjetunion verraten?
aus DER SPIEGEL 17/1994

Als im Morgengrauen des 6. August 1945 der Atomblitz über Hiroschima zuckte und 100 000 Menschen binnen Sekunden zu Asche verbrannte, zeigte sich ein hagerer Gelehrter im fernen Amerika erschüttert. »Wir Physiker«, entfuhr es Robert Oppenheimer, »haben die Sünde kennengelernt.«

Die Auslöschung der japanischen Stadt war sein Werk. Der US-Atomphysiker mit den Aquamarin-Augen, der statt Zeitungen lieber altindische Verse las, hatte das Wissenschaftler-Team geleitet, das in der Wüstenstadt Los Alamos die erste Atombombe entwickelte.

Nach dem Krieg wollte Oppenheimer, von »schrecklichen Skrupeln« geplagt, nicht länger »Waffenfabrikant« sein. Als er sich weigerte, am Bau der noch weit sprenggewaltigeren Wasserstoffbombe mitzuwirken, begann sein Sturz: 1954, auf dem Höhepunkt der hysterischen Kommunistenhatz in den USA, wurde der Physiker aus dem Orden der Geheimnisträger verstoßen und seiner Regierungsämter enthoben.

»Grundlegende Charaktermängel« hatte ihm ein Ausschuß der Atomenergie-Kommission vorgeworfen. Oppenheimer, so lautete nach vierwöchigem Verhör das Urteil, sei »über die tragbare Grenze« hinaus mit Kommunisten befreundet gewesen und stelle damit für die USA ein »Sicherheitsrisiko« dar.

Aber eines stand selbst für seine Richter fest: Ein Spion für Moskau sei Oppenheimer nie gewesen, nach Durchsicht von Geheimdienst-Akten lägen »keine Anzeichen von Illoyalität« vor.

Genau das behauptet jetzt der Russe Pawel Sudoplatow, 87, unter Stalin leitender Geheimdienst-General, in seinen soeben in England veröffentlichten Memoiren, die im August in deutscher Übersetzung ("Der Handlanger der Macht") im Econ-Verlag erscheinen werden*. Als Chef einer KGB-Abteilung für »Besondere Aufgaben« baute Sudoplatow, nach eigener Darstellung »zuständig für Sabotage, Entführung und Mordanschläge«, in den USA ein Netz von Agenten auf. Denen gelang es, führende Atomforscher wie Robert Oppenheimer, Enrico Fermi und Leo Szilard »davon zu überzeugen, ihre atomaren Geheimnisse mit uns zu teilen«.

Oppenheimer, der charismatische Leiter des _(* Pavel Sudoplatov: »Special Tasks«. ) _(Little, Brown and Company, London; 509 ) _(Seiten; 18,99 Pfund. ) streng geheimen US-Atombombenprojekts, habe, so Sudoplatow, den Sowjets die »wichtigsten Informationen« für den Bau ihrer ersten Atombombe zugänglich gemacht. Oppenheimer wurde, ohne sein Wissen, in den KGB-Akten unter dem Decknamen »Star« geführt.

Ins Fadenkreuz der amerikanischen Sicherheitsbehörden war der Atomphysiker schon früh geraten. Wie viele Intellektuelle in Amerika und Europa hatte Oppenheimer sich in den dreißiger Jahren für linke und antifaschistische Ziele engagiert, weil er »kochende Wut« über die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland empfand. Während des Spanischen Bürgerkrieges unterstützte der Physiker, Sohn eines jüdischen Einwanderers aus Hessen, mit beträchtlichen Summen die republikanische Regierung gegen die Franco-Faschisten.

Was die US-Geheimdienstler besonders gegen Oppenheimer aufbrachte, war der in ihren Augen schlechte Umgang. Unter den Freunden und Verwandten des Physikers fanden sich scharenweise Rote: Seine frühere Geliebte war ebenso Mitglied in der Kommunistischen Partei der USA wie sein Bruder Frank und der erste Mann seiner radikalen Ehefrau Katherine.

Schon im Mai 1943 warnte der Abwehr-Offizier Boris Pash das Kriegsministerium in Washington davor, Oppenheimer zum Direktor der Atomstadt Los Alamos zu ernennen: »Es besteht die Möglichkeit, daß er wissenschaftliche Arbeiten an die Partei ausliefert, vielleicht durch einen Zwischenträger.«

Doch General Leslie Groves, militärischer Chef des Atombomben-Projekts, boxte ihn durch. Er glaubte, nur Oppenheimer besitze das Führungstalent, um die »Horde unberechenbarer Narren« (Groves über die Forscher) auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören.

Groves war zudem sicher, genügend Vorkehrungen für die »absolute Geheimhaltung« des Projekts getroffen zu haben. Telefone wurden überwacht, die Post zensiert. Machten Wissenschaftler im 55 Kilometer entfernten Santa Fe einen Stadtbummel, wurden sie von Abwehrleuten bespitzelt, die sich als Barkeeper oder Friseure tarnten.

Das war alles vergebens. »Keiner unserer Agenten ist je auf frischer Tat ertappt worden«, prahlt Sudoplatow heute. Nach Aussage des russischen Geheimdienst-Opas hat Projektleiter Oppenheimer sachkundige Spione eingestellt und sie, höchst umsichtig, als wissenschaftliche Assistenten in den Labors untergebracht; an mindestens »vier äußerst wichtige Quellen« erinnert sich der greise Sudoplatow.

Oppenheimer, alias IM »Star«, sorgte laut Sudoplatow auch dafür, daß die Maulwürfe streng vertrauliche Dokumente einsehen konnten - »in Kenntnis der Tatsache«, so Sudoplatow, daß die Spitzel die Geheimberichte über den Fortgang des Bombenprojekts abfotografierten. Kuriere brachten die Unterlagen zu einem vom KGB betriebenen Drugstore in Santa Fe; von dort wurden sie über die Grenze nach Mexiko geschafft. Eingefädelt hatte den Schmuggel die sowjetische Agentin Elizabeth Zarubin. Über linke Kreise in Kalifornien bekam sie Kontakt mit den Oppenheimers, freundete sich mit Roberts Frau Katherine an und gewann so Einfluß auf den Atomforscher; die Geheimdienst-Offizierin flog beim FBI erst 1946 auf, als sie längst wieder in Moskau war.

286 Atomberichte aus Amerika trafen in Stalins Geheimdienstzentrale bis Juli 1943 ein. Das bedeutendste Dossier indes erreichte den Kreml im September 1945: Der 33-Seiten-Bericht enthielt die Konstruktionspläne einer gezündeten US-Atombombe, dazu Fotos von dem Kernreaktor, in dem das spaltbare Waffenmaterial erbrütet wurde.

»Das Dokument«, schreibt Sudoplatow, »wurde zur Grundlage für unser eigenes Atomprogramm der folgenden vier Jahre": Die erste sowjetische Atombombe von 1949 war ein Plagiat, ein Nachbau der US-Bombe »Fat Man«, die vier Jahre zuvor Nagasaki ausgelöscht hatte.

Geliefert hatte die Berichte der deutsche Pastorensohn Klaus Fuchs, jener 1950 in England verhaftete Top-Atomspion von Los Alamos, der vom amerikanischen Kongreß als »schädlichster Spion der Geschichte« eingestuft wurde. Laut Sudoplatow hatte Oppenheimer den Kommunisten Fuchs in das von Großbritannien entsandte Atomforscher-Team eingeschleust und ihm dann Zugang zu geheimen Unterlagen verschafft.

Dieser Version widersprach letzte Woche die Harvard-Historikerin Priscilla Johnson McMillan, die an einem Buch über Oppenheimer schreibt. Auf die Zusammensetzung des britischen Teams in Los Alamos, so Johnson McMillan, habe der US-Physiker keinerlei Einfluß nehmen können. Für die Enthüllungen über Oppenheimer findet die Historikerin harsche Worte: »Tratsch und Gerüchte, aber keine Belege.«

Dennoch, Motive für einen möglichen Verrat, zumal ehrenwerte, finden sich reichlich im schwankenden Charakterbild des Physikers. Was ihn antrieb, die schrecklichste Waffe aller Zeiten zu konstruieren, war einzig die Furcht, Hitler könnte die Atombombe als erster bauen lassen und einsetzen. Sein militärischer Partner Groves hingegen sah von Anfang an den »wahren Zweck« beim Bau der Bombe darin, »unseren Hauptfeind, die Russen, niederzuhalten«.

Selbst als die Ära des Kalten Krieges begann, glaubte Oppenheimer immer noch fest an die in den Jahren zuvor beschworene Waffenbrüderschaft mit der Sowjetunion. »Wenn Amerika und Rußland bei der Atomkontrolle zusammenarbeiten«, so phantasierte der Atomphysiker im November 1945, »ist das Problem der Weltregierung gelöst.«

Ähnlich dachte auch der dänische Physiker Niels Bohr, Vaterfigur der Atomforscher. Nur wenn man das geheime Bombenprojekt offenlege und den Russen Zugang zu den militärischen Anlagen verschaffe, so appellierte Bohr vergebens an den US-Präsidenten, könne vermieden werden, daß »sich die Nationen um diese furchtbare Waffe streiten«.

Als zwei Skorpione im Glas beschrieb Oppenheimer, der bis zu seinem Tod 1967 das Institute for Advanced Study in Princeton leitete, die beiden atomaren Supermächte: »Jede kann der anderen den tödlichen Stich beibringen, aber keine kann sich gegen den Stich wehren.« Y _(* Vor den geschmolzenen Resten des ) _(Stahlturms, auf dem die erste Atombombe ) _(explodierte. )

Atomphysiker Oppenheimer, US-Offiziere: Sowjetspione eingeschleust?

Zerstörtes Hiroschima (1945): »Wir haben die Sünde kennengelernt«

Geheimdienst-Offizier Sudoplatow (1942 und 1993) »Zuständig für Sabotage, Entführung und Mord«

Nagasaki-Bombe »Fat Man« Von den Russen nachgebaut

Oppenheimer, General Groves 1945* »Horde unberechenbarer Narren«

Aus Furcht vor Hitler die schrecklichste Waffe aller Zeiten gebaut

* Pavel Sudoplatov: »Special Tasks«. Little, Brown and Company,London; 509 Seiten; 18,99 Pfund.* Vor den geschmolzenen Resten des Stahlturms, auf dem die ersteAtombombe explodierte.

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