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Ausstellungen Skurrile Ecke

Aberglaube oder wirksame Alternative? Eine Ausstellung in Dresden beleuchtet die Geschichte der Homöopathie.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Der biedermeierliche Chronist, dessen Zeilen von 1822 datieren, konnte es nicht recht fassen: »Noch nie«, notierte der Anonymus, habe ein »so wenig begründetes System solch reissende Fortschritte gemacht«. Sogar »in den gebildeteren Klassen« habe die neue Therapie »Eingang und Vertheidiger« gefunden: »Wann haben sich jemals Layen so um medicinische Systeme bekümmert?«

Die Rede war von der Homöopathie, einem Heilverfahren, das der sächsische Arzt Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) nach antiken Theorien neu entwickelt hatte. Mit dem Lehrsatz, daß »Ähnliches durch Ähnliches« zu heilen sei ("Similia similibus curentur"), warf Hahnemann die Regeln der damaligen Schulmedizin um. Kranke müßten mit Stoffen behandelt werden, die beim Gesunden ähnliche Symptome auftreten lassen, postulierte der Medicus 1796 im »Journal der practischen Arzneykunde«.

Eine begeisterte Klientel, zu der zeitgenössische Geistesgrößen und adlige Prominenz zählten, machte die Außenseitermedizin binnen kurzem gesellschaftsfähig. Die Feldmarschälle Radetzky und Schwarzenberg, der ertaubte Beethoven und Paganini ließen sich mit homöopathischen Tropfen, Pulvern und Streukügelchen behandeln. Der 71jährige Goethe glaubte »eifriger denn je an die Lehre des wundersamen Arztes«, wie er in einem Brief an seine Freundin Marianne von Willemer schwärmte.

Zugleich erschienen die ersten Pamphlete gegen das homöopathische »Wahngewebe«. Schulmediziner gifteten gegen das »Blendwerk« und sagten dem »Hahnemannschen Unwesen« ein baldiges Ende voraus - eine Prophezeiung, die sich bis heute nicht erfüllt hat. 200 Jahre nach ihrer Begründung erlebt die Homöopathie eine Renaissance, der eine Ausstellung im »Deutschen Hygiene-Museum« in Dresden auf den Grund zu gehen sucht (bis zum 20. Oktober).

»Historische Tiefenbohrungen«, so Projektleiterin Sigrid Heinze, sollen veranschaulichen, wie die alternative Heilkunde sich ihre »ungebrochene Attraktivität für viele Patienten« erhalten konnte. Mit über 800 Exponaten hat die Soziologin einen Raumbilderbogen inszeniert, der die Prinzipien der unkonventionellen Heilmethode und ihre Verbreitung vorführt.

Damit »eine sachliche Diskussion möglich wird«, sagt Heinze, »wollten wir die Homöopathie aus ihrer skurrilen Ecke herausholen«. Unter dem Titel »Aberglauben und Gesundheit« hatten die Dresdner 1959 schon einmal die Homöopathie präsentiert, damals, zu DDR-Zeiten, als bloße Kurpfuscherei. Hahnemanns Regel, daß die Arznei durch extremes Verdünnen und Verschütteln zu hoher Wirksamkeit gelange ("Potenzierung"), wurde als »Betrug am Heilungsuchenden« verhöhnt: 300 000 Liter der hochverdünnten homöopathischen Zubereitung D 30 »müßte ein Kranker trinken«, so wurde vorgerechnet, »um theoretisch ein einziges Molekül Heilmittel zu sich zu nehmen«.

Inzwischen vertrauen auch Ostdeutsche wieder auf die hochverdünnten Wirkstoffe. Etwa 1,5 Millionen Patienten jährlich finden sich in den Praxen der rund 3000 homöopathischen Ärzte in Deutschland ein.

Mit einem Selbstversuch hatte sich Homöopathie-Gründer Hahnemann 1790 von der damals noch hochspekulativen Schulmedizin abgesetzt. Er traktierte sich mit Chinarinde als Arznei gegen Wechselfieber. Aus der Erfahrung, daß er als Gesunder dadurch in Schüttelfrost und andere Fiebersymptome verfiel, leitete er das Ähnlichkeitsprinzip ab. Fortan versuchte Hahnemann, nach der »Simile-Regel« »sanft, schnell und dauerhaft zu heilen« - mit Kräuterextrakten, Spuren von pulverisierten Mineralien oder Grundstoffen aus allerlei Getier, die er zunächst jahrelang an sich selbst und seinen elf Kindern prüfte.

Die Mißstände der etablierten Heilkunde, die zu Zeiten Hahnemanns die Kranken eher quälte als behandelte, machte dem Homöopathen und seinen Schülern den Siegeszug leicht. Weil sie beispielsweise im Kampf gegen die Cholera Aderlässe unterließen und, anders als die Schulmediziner, den Kranken das Trinken erlaubten und desinfizierenden Kampfer verordneten, waren sie erfolgreich.

Das düstere Rot des Ausstellungsraums in Dresden, in dem die alte Schulmedizin ihr Handwerkszeug darbietet, symbolisiert die Torturen der Opfer. Schwarzgekleidete Ärzte rückten ihnen, wogegen auch immer, mit gewaltigen Klistierspritzen und Brechmitteln zu Leibe. Literweise rann, beim Allheilmittel Aderlaß, das Blut in die Zinnschüsseln. Schließlich wurden die entkräfteten Kranken auch noch durch hochdosierte Giftkuren mit Arsen oder Quecksilber zu Tode therapiert.

Viehärzte und Schäfer seien erfolgreicher als die gelehrtesten Professoren, schimpfte Reformer Hahnemann, der als Arzt, Chemiker und Pharmazeut einen hohen Ruf genoß. Statt großer Mengen willkürlicher Gemische verabreichte er, zum Zorn der Apothekerschaft, feinste Dosierungen selbsthergestellter Arzneien mit jeweils nur einem einzigen Wirkstoff.

Im Hahnemann gewidmeten Raum haben die Dresdner Ausstellungsmacher Erinnerungsstücke versammelt, die sein langes Leben als begehrter Heiler und glücklicher Privatmann begleiteten: Samtkäppchen, Tabaksbeutel und Pfeife, die der Doctor auch im Gespräch mit den Patienten nicht ausgehen ließ; seine Apothekenschatullen mit Dutzenden von winzigen Fläschchen oder auch Federkielen als Arzneibehältnis; die penibel geführten Krankenjournale sowie die ersten Auflagen des »Organon der rationellen Heilkunde«, der homöopathischen Bibel, die seit 1810 in 14 Sprachen übersetzt wurde.

Vom Wohlstand seiner späten Jahre kündet Hahnemanns Mahagoni-Schreibtisch aus seiner Pariser Praxis, die er als 80jähriger mit seiner zweiten, um 45 Jahre jüngeren Frau Mélanie eröffnete. Hier versuchte er seine Kunst auch an Paganini - vergebens, wie jüngst die Übertragung von Handschriften zeigte: Der hochnervöse Geiger litt an einer Dauererektion, die sich im Hause Hahnemann noch verschlimmerte, weil Paganini sich in Mélanie verliebt hatte.

Fürstliche Förderer und industrielle Mäzene wie der Stuttgarter Robert Bosch (dessen Stiftung nun auch die Ausstellung unterstützte) sorgten in späteren Epochen für die Ausbreitung der Außenseitermethode.

Mit kuriosen Erinnerungsstücken wird die wichtige Rolle der Laienhomöopathenvereine dokumentiert: 444 solcher Gruppen trafen sich zwischen 1870 und 1933 in Hinterzimmern von Gaststätten, betrieben Gesundheitsaufklärung, verschickten homöopathische Feldapotheken und feierten mit dem »homöopathischen Liederbuch« in der Hand den Meister und seine Mittel. Auch ein dunkles Kapitel der Homöopathie hat die Soziologin Heinze aufgeblättert: die Anbiederung namhafter Hahnemann-Nachfolger an die Nationalsozialisten, denen die »natürliche Heilkunde« als deutsche Errungenschaft genehm war.

Ihren stetigen Kampf um offizielle Anerkennung setzte die Homöopathie in jüngster Zeit mit wissenschaftlichen Studien fort, in denen die Wirksamkeit der traditionsreichen Therapie nachgewiesen werden soll - bis heute mit umstrittenem Ergebnis. Die Alternativmethode, so argumesntieren ihre Verfechter, entziehe sich den herkömmlichen Prüfungen.

Nach zwei Jahrhunderten Homöopathie gilt offenbar immer noch, was Christoph Wilhelm Hufeland, Leibarzt am preußischen Hof und Hahnemann-Sympathisant, einst konstatierte: »Das Experiment ist noch nicht geschlossen.«

* Mit Hahnemann-Porträt.

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