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»So groß, so unzerstörbar«

SPIEGEL-Reporter Peter Schille über Rock Hudsons Aids-Tod *
Von Peter Schille
aus DER SPIEGEL 41/1985

Stars sterben nicht, sie schwinden dahin: Als Rock Hudson, Mr. Aids, wie ihn der Hollywood-Zirkus zynisch nannte, am Mittwoch voriger Woche für tot erklärt worden war, rief ihm Doris Day, mit Tränen in der Stimme, nach: »Ich weiß, wir werden uns wiedersehen, das Leben währet ewiglich.«

Eine Stunde später stürzen sich die Geier auf Hudsons Haus in den Hügeln von Beverly Hills. Photographen und Fernsehteams hocken auf den eisernen Toren und Zäunen, und Rex Kennamer, der Leibarzt, muß allen Fernsehstationen erklären, daß Mr. Hudson um neun Uhr entschlafen, sein Tod friedlich gewesen sei, er habe keinen Schmerz verspürt. Todesursache: Aids.

Im Haus befanden sich nur Dienstboten, keine Freunde. Um elf Uhr dreißig holt ein gelber Lieferwagen den Leichnam ab. Die Photographen werfen sich auf dessen mit Handtüchern verhängte Fenster. Faustschläge jagen sie davon. Ein Hausangestellter schreit: »Weg da, das ist doch ein menschliches Wesen.« Hastig verbrennt die Bestattungsfirma Pierce-Hamrock-Reed in ihrem Krematorium in North Hollywood gegen Mittag das vom Aids-Virus getötete menschliche Wesen. Später wird die Asche aus einem Hubschrauber in den Pazifik wehen.

Doris Day, die es immer noch nicht glaubt, schluchzt: »Er war so groß, so gesund und so unzerstörbar.« Dale Olson, Hudsons Presseagent, starrt mit roten Augen auf das unaufhörlich schnurrende Telephon: »Vorgestern habe ich ihn noch gesehen, er war bei Bewußtsein, er fürchtete sich nicht, sein Zustand war seit fünf Wochen stabil, dann, in den letzten drei Tagen, wurde er immer schwächer und schwächer.«

Im Weißen Haus erklärt Ronald Reagan: »Nancy und ich sind tief betrübt.« Am späten Nachmittag hat auch Elizabeth Taylor ihre Trauer in Worte gefaßt: »Möge Gott verhüten«, läßt ihre Sprecherin Chen Sam vom Blatt lesen, »daß Rock vergebens gestorben ist.« »Das ist das Ende einer Ära, er war der letzte Filmstar, der noch wie ein Filmstar aussah«, sagt Burt Reynolds, der nun der allerletzte Star ist, der wie ein Star aussieht.

Rock Hudson, 1925 bis 1985, der heilige Sebastian von Aids: Nie war er heroischer als in seiner letzten großen Rolle, als nach seinem Abschied von jenem Bild, das sich Hollywood von ihm gemacht hatte. In 62 Filmen stand der Lastwagenfahrer aus Illinois herum, wie aus Holz geschnitzt. Ein Schauspieler wie ein Baum. Er besaß einen hölzernen Charme, der nicht nur die kongeniale Doris Day betörte. Ein ehrlicher Kerl, der seit fast 40 Jahren der Welt den ehrlichen Kerl vorspielte. Nur: er war homosexuell.

Ein Homosexueller namens Rock Hudson? Undenkbar. Der unbeholfene Meister der romantischen Liebesszene und schwul? Der Hollywood-Zirkus, besorgt um das einträgliche Ansehen eines seiner Haupt-Hähne, hatte sich und ihn geschützt, indem er die Wahrheit verschwieg.

Der homosexuelle Prachtkerl heiratete 1955 sogar um seines Rufes willen eine Frau. Die Ehe war nach drei Jahren zu Ende, und nun erzählt Phyllis, geschiedene Hudson, jedem, der es wissen will, welch zärtlicher Liebhaber Rock gewesen sei. Niemand will es wissen, denn die Wahrheit ist viel aufregender.

Im Hochsommer 1984 entdeckt Rock Hudson, daß er vom Aids-Virus befallen ist. Dennoch, als seien große Worte ein Gegengift, lügt er am 12. Juli 1984 der Journalistin Judith Michaelson ins Tonband, er fühle sich »wie ein Teenager, besser als je zuvor, voller Energie und Willenskraft«.

Doch seine robuste Erscheinung zerfällt. Er magert ab und wird von Tag zu Tag melancholischer. Im Juli 1985 läßt er sich im amerikanischen Krankenhaus von Paris behandeln, dann bricht er die Therapie ab, flieht panisch in einem gecharterten Jumbo-Jet heim nach Los Angeles und läßt seinen getreuen Dale

Olson allerlei Schauergeschichten verbreiten, ehe schließlich jedermann erfährt, daß Hudson Aids hat. Daß er Homosexueller ist, müssen seine Anbeter erraten. Er erklärt sich bis zu seinem Tode nicht.

Rock Hudsons Konfession verändert das amerikanische Bewußtsein. Plötzlich kennt jeder Amerikaner, sogar der Präsident, einen Menschen mit Aids. Hudson steigt vom Sex-Symbol zum Aids-Märtyrer auf. Homosexuelle und Aids-Kranke wagen sich aus der Deckung. Während er in seinem Haus auf den Hügeln dahinstirbt, schöpfen sie Mut.

Aids, die vermeintliche Schwulenseuche, ist beinahe gesellschaftsfähig geworden. Die Gesellschaft USA nimmt Aids ernst als Bedrohung aller Amerikaner. Im Büro von Aids Project in Los Angeles gehen mehr hilfesuchende Anrufe von Menschen mit Aids-Symptomen ein als je zuvor. Im September sind es 16 000, viermal soviel wie vor Hudsons Bekenntnis. Der todgeweihte Heros der Aids-Szene empfängt Zuspruch aus aller Welt. 20 000 Briefe sammelt sein Agent, nur zwei »verspritzten Gift«, berichtet Dale Olson.

Die Gesellschaft nimmt endlich zur Kenntnis, daß 13 000 Menschen ihresgleichen an Aids erkrankt sind, daß von den 1125 Aids-Patienten im Bezirk von Los Angeles bereits 500 gestorben sind. Dr. Neil Schram von der Los Angeles Aids Task Force: »Die Schwulen mußten um Geld betteln. Sie bekamen es nicht. Mit Rock Hudson ändert sich alles.«

Der Versuch konservativer Politiker, Aids als »Geißel der Perversion« zu verdammen, schien fehlgeschlagen.

Am Todestag von Rock Hudson redete sich die Gesellschaft selber ins Gewissen. Im kalifornischen Fernsehkanal 4 prophezeite eine strenge Blondine 32 Millionen Amerikanern die neue Seuche. Es werde mindestens fünf Jahre dauern, bis ein wirksamer Impfstoff entwickelt worden sei. Ihr Rat klang wie eine Drohung: »Benehmt euch anständig, ändert euer Verhalten.« Sauber bleiben! Brav sein!

Das Repräsentanten-Haus bewilligt zur selben Stunde 190 Millionen Dollar für die Aids-Forschung des nächsten Jahres, 90 Prozent mehr als im Etat 1985. Zwei südkalifornische Abgeordnete, die Republikaner Dannemeyer und Dornan, stimmen dagegen. »Aids ist die Strafe für die Schwulen«, ruft Dornan dem bereits eingeäscherten Hudson nach, »Gott schuf sich Adam und Eva zum Bilde und nicht Adam und Stephan.«

Nach seinem Tod wird Rock Hudsons Autobiographie herauskommen: »My Life«. Ghostwriter ist Sara Davidson, die den Star auf dessen Sterbelager ausfragte und alle »persönlichen Briefschaften und Dokumente« auswerten darf. Allen seinen Freunden hat Hudson gestattet, von der Freundschaft mit ihm zu erzählen. Hudsons postumes Honorar kommt der Aids-Forschung zugute.

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