Social Design Award 2022 Prima fürs Klima

In diesem Jahr gehen die Social Design Awards von SPIEGEL WISSEN und Bauhaus an aufforstende Menschen aus Osnabrück, zwei Architektinnen aus Düsseldorf – und eine Gruppe Franken, die von einer gefluteten Autobahn träumen.
Wer braucht schon Autobahnen? Modell des Nürnberg-Fürther-Stadtkanals

Wer braucht schon Autobahnen? Modell des Nürnberg-Fürther-Stadtkanals

Foto: Nürnberg-Fürther Stadtkanalverein e.V.

Die Eindämmung der Klimakrise ist eine der drängendsten Fragen unserer Zeit. Doch die Welt hadert mit dem Schutz ihrer Atmosphäre. Laut einem Bericht  der Vereinten Nationen verschärften gerade einmal 23 der 193 Länder, die 2021 mehr Klimaschutz gelobt hatten, ihre Maßnahmen. Das sind viel zu wenige, um das Pariser Abkommen einzuhalten. Dabei leiden mit jeder Nachkommastelle über dem 1,5-Grad-Ziel mehr Menschen, Tiere und Pflanzen unter extremer Hitze, unter Wasser- und Nahrungsknappheit.

Es liegt aber nicht alles brach beim Klimaschutz. Das zeigen die Einreichungen für den diesjährigen Social Design Award. Das Motto lautete diesmal »Wir für unser Klima«. Rund 170 nationale und internationale Einsendungen hat die Jury geprüft und die besten zehn für die Shortlist ausgewählt: darunter Freistunden für aufgeweckte Schulkinder, Wälder und Blühwiesen, die von Freiwilligen gepflanzt werden, Onlinedatenbanken für Nachhaltigkeitsprojekte, und sogar eine Autobahn, die weichen soll für eine Grünfläche mit Kanal.

Wasserstraße statt Autobahn

Für die Idee, aus einem Abschnitt der Autobahn 73 ein Naherholungsgebiet mit Kanal zu machen, gab es den Jurypreis. Er geht an den Nürnberg-Fürther-Stadtkanalverein . Die Menschen hinter der Initiative sind gegen den geplanten Ausbau der A73 zwischen den beiden fränkischen Städten.

660 Millionen Euro werden für den Ausbau veranschlagt. Geld, das besser investiert werden sollte, findet Vereinsgründer Theobald Fuchs. Er und seine Mitstreiter möchten die Trasse verwandeln in eine innerstädtische Wasserlandschaft mit Naherholungsgebiet. Insgesamt geht es um 40 Hektar.

Illustration des Nürnberg-Fürther-Stadtkanals. Rechts unten ist die Jansenbrücke Richtung Nürnberger Innenstadt zu sehen.

Illustration des Nürnberg-Fürther-Stadtkanals. Rechts unten ist die Jansenbrücke Richtung Nürnberger Innenstadt zu sehen.

Foto:

Hajo Dietz / Nürnberg Luftbild / Nürnberg-Fürther Stadtkanalverein e.V.

Viel Potenzial für Social Design, meinte die Jury um Jolante Kugler, Expertin für urbane Entwicklung und Kuratorin am Designmuseum Mudac in Lausanne, sowie Friedrich von Borries, Architekt und Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.

Die Idee aus Franken erscheine zwar utopisch, sei aber machbar, so von Borries in seiner Laudatio: »Wasserstraße statt Autobahn. Schwimmspaß statt Abgas. So sieht die Zukunft aus, wenn man nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen will.«

Publikumspreis für Umweltschützer aus Niedersachsen

Der Publikumspreis geht 2022 nach Osnabrück. Dort ist die Heimat von 500 AKA. Das ist die Kurzform für »500 Menschen aktiv für Klima- und Artenschutz«. Dahinter steht die gemeinnützige Gesellschaft »Umweltschutz und Lebenshilfe« . Rund ein Drittel der eingegangenen Stimmen entfielen auf dieses Projekt.

Insgesamt 23 Biotopflächen auf 72.000 Quadratmetern in und um Osnabrück hat 500 AKA bereits angelegt, rund 20.000 Bäume und Setzlinge gepflanzt, Trockensteinmauern gesetzt, und auch Totholzhecken angelegt. Bei den Mitmachaktionen geht es aber nicht nur ums Klima, sondern auch ums Miteinander. Jeder Pflanzeinsatz endet mit einem gemeinsamen veganen Essen.

Pflanzaktion von »500 Menschen aktiv für Klima- und Artenschutz«

Pflanzaktion von »500 Menschen aktiv für Klima- und Artenschutz«

Foto:

gUG Umweltschutz und Lebenshilfe

An dem seit April 2021 laufenden ehrenamtlichen Projekt beteiligten sich bislang knapp tausend Menschen. Zumindest der Name hat sich also schon überholt. Überflüssig ist die Arbeit der Freiwilligen damit noch lange nicht. Es gibt noch tonnenweise Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu holen, nicht nur in Osnabrück und Umgebung. Gut, dass funktionierende ökologische Zusammenhänge nicht nur das Klima schützen. Von einer einzelnen Streuobstwiese beispielsweise profitieren bis zu 5000 Arten.

Sonderpreis für Architekturstudentinnen aus Düsseldorf

Mit dem Bauhaus-Sonderpreis wurde der »Unterschlupfausgezeichnet. Die Hochzahl steht in dem Fall für das Duo Mensch-Insekt. Bienen, um genauer zu sein. Denn der Unterschlupf ist Fletzgelegenheit einerseits und Bienenhotel andererseits. Für die 550 in Deutschland heimischen Wildbienenarten wird es nämlich langsam ungemütlich. Sie verlieren ihren Lebensraum. Bereits die Hälfte gilt laut Naturschutzverband NABU als gefährdet. Nistplätze im städtischen Raum sind da mehr als willkommen.

5 mal 2,45 Meter misst das Bienenhotel: Unten auf der Sitzbank können Menschen Platz nehmen, in die Eichenbretter wurden Nistlöcher gebohrt.

5 mal 2,45 Meter misst das Bienenhotel: Unten auf der Sitzbank können Menschen Platz nehmen, in die Eichenbretter wurden Nistlöcher gebohrt.

Foto:

Mareike de Boer

Ausgangspunkt war ein Ideenwettbewerb des »GEH8« Kulturzentrums in Dresden mit dem Motto »real insect estate«. Das Besondere am Bienenhotel ist die Verbindung von Kunst und Natur. Mareike de Boer und Julia Linden aus dem Fachbereich Architektur der Peter Behrens School of Arts in Düsseldorf wählten harmonische Farben und Formen als Ausdruck für die gleichrangige Beziehung zwischen Insekt und Mensch.

Das hölzerne Grundkonstrukt ist im Prinzip unendlich erweiterbar. Solche Wohngemeinschaften braucht das Land.

Mit dem Social Design Award zeichnen der SPIEGEL und SPIEGEL WISSEN in Kooperation mit dem Handelsunternehmen Bauhaus jedes Jahr gemeinnützige Projekte aus, die helfen, den Alltag zu bewältigen, zu bereichern oder Bildung und Fähigkeiten zu vermitteln. 2021 wurden Einfälle gesucht, die Familien unterstützen. 2020 ging es um Ideen für ein besseres gesellschaftliches Miteinander.

löw
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