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SPANIENS GEHEIMWAFFE

Nach dem Mittagessen ziehen sich die Spanier zur Siesta zurück, gern auch im Pyjama - die gemütliche Sitte hält obendrein gesund.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Zwischen drei und vier darf man ihn nicht anrufen, das wissen Freunde, Kollegen und Kunden des Architekten Juan Hernández. Nach dem Mittagessen und einem Kaffee sitzt der Madrilene in seinem Sessel, die Beine hochgelegt, die Krawatte gelockert. Im Fernsehen laufen Nachrichten, er zieht an seiner Pfeife, bis die aus dem Mundwinkel gerutscht und er eingeschlummert ist.

Auch die spanischen Partner eines deutschen Wirtschaftsanwalts verschwinden, wenn möglich, gegen zwei aus der Kanzlei. Zu Hause steht das Essen auf dem Tisch, danach zieht man sich zurück, »im Pyjama und allein«, ganz nach Empfehlung des Literatur-Nobelpreisträgers Camilo José Cela.

Spätestens um 17 Uhr sind alle wieder da, der Architekt, die Juristen und die Studenten, die im Sommer unter Bäumen dösen. Die Telefone klingeln wie auf Bestellung, die Läden öffnen. Die Städte beleben sich und mit ihnen die Menschen - bis in die frühen Morgenstunden.

Die Siesta, das Nickerchen nach dem Mittagsmahl, gilt immer noch als »Spaniens Geheimwaffe«, so die konservative Tageszeitung »ABC«. Das Wort entstand aus dem Lateinischen »hora sexta«, der sechsten Stunde nach dem Morgengrauen, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und die Menschen in ihrer Arbeit innehalten.

In Spanien wird nicht vor 14 Uhr zu Mittag gegessen, dafür mindestens drei Gänge. Das Verdauen macht müde, besonders in der Sommerhitze, wenn das Thermometer nicht selten bis auf über 40 Grad Celsius steigt. Wer wollte da ernsthaft etwas leisten, bevor die Sonne sinkt? Zum Ausgleich bleiben viele bis 21 Uhr im Büro. Denn weniger arbeiten die Spanier nicht: 2008 betrug die tariflich vereinbarte Arbeitszeit eines spanischen Arbeitnehmers im Durchschnitt 1716 Stunden, die eines deutschen nur 1651.

Seit ihrem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft 1986 haben die Spanier einiges versucht, sich den Nachbarn anzupassen. Auch, weil ihr Rhythmus nicht zu höherer Produktivität geführt hat. Vor allem in den Großkonzernen wurden flexiblere Arbeitszeiten eingeführt.

Mit ihrem sogenannten Versöhnungsplan hat die sozialistische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero die Modernisierung für Beamte vorangebracht: Wer die Mittagspause kürzt, darf abends früher nach Hause. Das soll Müttern erleichtern, berufstätig zu sein. Ist mit der zunehmenden Europäisierung der Spanier das Ende der Siesta nun bald besiegelt?

Das wäre schade. Schlafforscher raten im Gegenteil, sich an der Sitte, die im Zuge der Kolonialisierung nach Lateinamerika und Teilen Asiens übergriff, ein Beispiel zu nehmen. Schließlich leben die Siesta-erholten Spanier auch etwas länger, die Männer im Durchschnitt bis 77,7 Jahre, Frauen knapp sieben mehr. Eine Langzeitstudie bei 23 700 Griechen zeigte, dass Mittagsschläfer ein um 37 Prozent geringeres Risiko hatten, an Herzkrankheiten zu sterben.

Das Geheimnis liegt offenbar in der Kürze des Power-Nap: Wer länger als eine halbe Stunde dämmert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, einen Hirnschlag oder Herzinfarkt zu erleiden. Beim Powerschlaf, erklärt der Regensburger Experte Jürgen Zulley, stellt sich der Hormonstoffwechsel um. »Stresshormone fahren herunter, das bewirkt im Kopf schärfere Konzentration, gesteigerte Merkfähigkeit, klareres Denken.« Gleichsam im Zeitraffer laufe das Programm ab, mit dem das bis dahin Erlebte gespeichert wird. Werde tagsüber eine längere Schlafphase eingeschoben, stelle sich der Körper auf Nacht ein. Dann ist man nach dem Aufwachen müde und unkonzentriert.

Lange wurde die Siesta als Faulenzerei verhöhnt, nun bringen ihr wissenschaftliche Erkenntnisse Nachahmer in kälteren Ländern wie den USA, der Schweiz oder gar in deutschen Stadtverwaltungen.

Einige Konzerne halten Schlafkabinen für Mitarbeiter bereit, sogenannte Metronap-Räume. Im Dortmunder Rathaus steht Mitarbeitern - kostenpflichtig - eine Chillout-Lounge zur Verfügung, IBM in Stuttgart bietet Yoga, Pilates oder Qi Gong zur Tarnung des Nickerchens an.

Kluge Männer wie Albert Einstein oder Winston Churchill schrieben der Mittagsruhe einen nicht geringen Teil ihres Erfolgs zu. Warum sollten da die Spanier ihre Siesta der Modernität opfern?

HELENE ZUBER

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