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»Spaß treibt das Gehirn an«

Der Arzt und Comedian Eckart von Hirschhausen, 41, über Karneval, Lachen als Medizin und humorlose Deutsche
aus DER SPIEGEL 8/2009

SPIEGEL: Sie kommen aus Berlin. Was können Sie mit Karneval anfangen?

Hirschhausen: Wenig. Ich glaube, man muss damit aufgewachsen sein, wie mit einer Sprache. Allerdings beneide ich die Rheinländer für diesen kultivierten Wahnsinn. Wenn man ab und an mal die Sau rauslässt, ist das nicht der schlechteste Teil der Persönlichkeit.

SPIEGEL: Warum?

Hirschhausen: Die ursprüngliche Idee ist ja die, den Leuten ein Ventil zu schaffen für ihren Frust über Autorität und Repression. Im Humor steckt anarchische Kraft. Ein Witz aus der DDR-Zeit bringt das für mich auf den Punkt. Brandt trifft Ulbricht. Um etwas Smalltalk zu machen, sagt Brandt: »Ich habe ein Hobby, ich sammle Witze, die Leute über mich erzählen.« Sagt Ulbricht: »Ach, ist ja interessant, ich habe ein ähnliches Hobby: Ich sammle Leute, die Witze über mich erzählen.«

SPIEGEL: Die Pointe schlägt ein, dann fühlt man sich gut?

Hirschhausen: Ja, Humor tut gut. Er durchbricht die Kausalkette chronischer Stress, Depression, frühes Ableben. Wenn Leute einen komischen Film gucken, erweitern sich zum Beispiel ihre Herzkranzgefäße. Das Infarktrisiko sinkt.

SPIEGEL: Ihr neues Buch beschäftigt sich mit Glück*. Macht Humor glücklich?

Hirschhausen: Und ob. Wer lacht, vergisst seine Sorgen und Ängste und lebt für ein paar Sekunden nur im Moment. Das ist glückbringend und hat einen ähnlichen Effekt wie ein Orgasmus. Menschen sind immer dann froh, wenn etwas besser läuft als erwartet. Allerdings sind wir nicht auf der Welt, um glücklich zu sein. Das Belohnungssystem des Körpers funktioniert nur für den Moment. Haben wir uns an etwas gewöhnt, wird es schnell langweilig.

SPIEGEL: Die Deutschen gelten als Spaßbremsen. Warum eigentlich?

Hirschhausen: Erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Diese Einstellung kommt

mental noch aus dem Bergbau, wo Arbeit wirklich kein Vergnügen war. Nur, in der heutigen Gesellschaft ist das die größte Kreativitätsbremse. Spaß treibt das Gehirn an. Wenn man bei dem, was man tut, keinen Spaß hat, macht man etwas grundsätzlich falsch.

SPIEGEL: Deutschland ist das viertreichste Land der Erde. In der Zufriedenheit jedoch sind wir Mittelmaß. Lässt sich da was machen?

Hirschhausen: Ich glaube, das liegt an der Grundhaltung des Deutschen zur Komik. Wir haben den Dünkel, alles was komisch ist, madig zu machen. Im Feuilleton geht es meistens um Theaterstücke, in denen das Elend der Welt über drei Stunden ausgewalzt wird. Warum? Jeder Mensch hat Tragik genug im Leben. Dafür muss ich nicht ins Theater. Komiker wie ich füllen inzwischen riesige Hallen. Man lacht über die kleinen Unwägbarkeiten des Lebens. Dafür gibt es ein Grundbedürfnis, sogar bei Intellektuellen.

SPIEGEL: Ist die Griesgrämigkeit auch Folge freudloser Politik?

Hirschhausen: Guido Westerwelle kann ganz humorvoll reden. Auch Ulla Schmidt hat Sinn für Lustiges. Die meisten Politiker sind jedoch weitgehend humorresistent und eher unfreiwillig komisch. Sie tun so, als hätten sie immer noch irgendetwas im Griff. So verhält sich der Clown im Zirkus - und alle wissen, er wird gleich wieder stolpern. Die Welt in ihrer Komplexität kann keiner mehr überblicken. Wer so tut, macht sich unglaubwürdig und in der Ernsthaftigkeit erst recht zur Witzfigur.

SPIEGEL: Sollte die Regierung zum Humorseminar?

Hirschhausen: Warum nicht? Vor allem mit diesem aufgesetzten Lächeln sind Politiker schlecht beraten. Ein solches Lächeln wirkt aggressiv. Mein Rat wäre, geht so gut mit euch um, dass ihr das Spielerische nicht vergesst und dass ihr auch von innen heraus lachen könnt. Das Leben ist zu wichtig, um es ernst zu nehmen.

* Eckart von Hirschhausen: »Glück kommt selten allein«. Rowohlt Verlag, Hamburg; 224 Seiten; 18,90 Euro.

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