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Computer Spaziergang im Rechner

Amerikanische Computerbauer konstruierten den ersten begehbaren PC der Welt.
aus DER SPIEGEL 24/1990

Daß Oliver Strimpel, 37, zur Schar der unverbesserlichen Computerfans zählt, ist für Besucher kaum zu übersehen. Den Schreibtisch in seinem Büro zieren gleich zwei Personalcomputer, ein robuster, IBM-kompatibler PC und ein zierlicher Apple. Sie sind, wie der Hobby-Programmierer gern zugibt, »nicht nur für die Arbeit da, sondern auch zum Vergnügen«.

Das Prachtstück der Sammlung jedoch steht draußen vor der Tür. Seinen schönsten (und teuersten) Personalcomputer kann der dynamische Direktor des Computer-Museums in Boston (US-Staat Massachusetts) nicht auf dem Schreibtisch vorführen. Der Rechner ist, bei einer Grundfläche von 492 Quadratmetern, etwa 25mal so groß wie Strimpels Büro - und doppelt so hoch.

Am 23. Juni wird der »Begehbare Computer«, mit zwei Etagen laut Museums-Werbung »das größte Ereignis in der Computergeschichte«, in Betrieb genommen. Gleichsam auf einem High-Tech-Lehrpfad unter einem Zehn-Quadratmeter-Monitor können sich Besucher dann multimedial mit den Innereien der Maschine vertraut machen, die fast wie im richtigen Leben funktioniert - nur langsamer eben, »damit alles schön nachvollziehbar bleibt« (Strimpel).

Gesponsert haben den Riesen-Rechner (Entwicklungszeit: drei Jahre, Kosten: 1,2 Millionen Dollar) einige Große der US-Computerindustrie, denen es sonst gar nicht klein genug hergehen kann. Digital Equipment und Apple, AT&T und Intel ließen es sich angelegen sein, das »pädagogisch paradoxe Projekt«, so Strimpel, zu fördern - erklärtes Ziel: ein Computer, »der groß genug ist, daß sich Laien davor nicht mehr so klein vorkommen«.

Der Superrechner ist die jüngste Attraktion des Bostoner Museums, das 1982 gegründet wurde und seither unter Kennern seiner einzigartigen Roboter-Sammlung wegen berühmt ist: In Boston finden sich Original-Automaten von der Nasa neben vollelektronischen Küchenhilfen aus Japan. Hauptanziehungspunkt für Kinder ist ein Roboter-Theater, in dem 40 Automaten auf Knopfdruck die jungen Besucher mit fröhlichem Zwitschern und Rattern begrüßen und danach vorführen, was sie können: Steine sammeln auf dem Mars, auf einem Bein tanzen oder als vollautomatische Putzhilfe die Böden reinigen. Schon beim Aufbau avancierte der neue, überdimensionale Super-Rechner zu einem weiteren Blickfang des Museums, das jährlich über 100 000 Schaulustige registriert.

Als Vorbild hatte Museumsdirektor Strimpel und seinen Mitarbeitern das hausgroße Modell eines menschlichen Herzens gedient, in dem die Besucher einer Ausstellung in Chicago lustwandeln können.

Doch während es in der dortigen Super-Pumpe eher geruhsam zugeht, werden Bildungsbeflissene im Bostoner Groß-Rechner, den der englische Ausstellungs-Designer Richard Fowler gestaltet hat, durch eine launige Datengeisterbahn geschleust - nur um zu sehen, so Strimpel, »daß eben kein Geist in solchen Kisten sitzt«.

Schon die fast acht Meter lange Tastatur der Maschine ist so benutzerfreundlich, daß die Besucher den Startbefehl für das Programm »World Traveler« auch mit den Füßen eintippen können.

Auf dem monumentalen Monitor über ihren Köpfen erscheint dann eine Weltkarte, auf der zwei Städte anzuwählen sind; der Computer berechnet daraufhin den kürzesten Verbindungsweg zwischen den beiden Punkten und bringt Bilder von Sehenswürdigkeiten entlang der »Reiseroute« auf den Bildschirm.

Was sich nach dem Start - sonst stets im verborgenen - elektronisch abspielt, können die Computer-Touristen im Inneren des Gehäuses weiterverfolgen. Damit sie dabei nicht aus der Puste kommen, wird die Datenverarbeitung zwischen Bildschirm-Steuereinheit, Hauptplatine ("Motherboard"), 1,20 Meter hohen Speicherchips und einem besenkammergroßen Speicherplatten-Laufwerk auf Schrittgeschwindigkeit gedrosselt. Wer zwischendurch mal austreten muß, entfernt sich durchs Netzteil.

Auf dem Weg dorthin kann sich der Besucher gleich auch noch von einem liebgewordenen Vorurteil trennen. Der Welt erster begehbarer Mikrochip wurde nämlich nicht (wie in einem beliebten Anti-Moskau-Witz kolportiert) in der Sowjetunion hergestellt.

Er ziert, etwa im Format eines dreischläfrigen Sarges, als Herzstück das Motherboard made in Boston. Der Museums-Chip wurde dem 80486er-Hochleistungsprozessor des Marktführers Intel nachempfunden.

Im Gegensatz zum Vorbild, dessen Strukturen mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, können die Besucher an dem Makro-Chip auch die Funktion bewundern: Auf einem eingelassenen Monitor läßt sich - aufgenommen im Labor mit einem Raster-Elektronenmikroskop - en detail verfolgen, wie die Datenströme durch die filigrane Schaltung jagen.

Das eigentliche »Hirn« des Super-Rechners, in dem auch das Programm »World Traveler« abläuft, bleibt jedoch verborgen. Zwei leistungsstarke Arbeitsplatz-Computer vom Typ »Macintosh« und »Microvax« (die auch bequem im kleinen Büro des Museumsdirektors unterzubringen wären) steuern die Multimedia-Show und die Spezialeffekte.

Den schönen Schein stört das kaum, ebensowenig wie der Verzicht der Ausstellungsmacher, das Ensemble durch eine gigantische »Maus« zu vervollständigen. Das kleine Eingabegerät mit der Rollkugel auf der Unterseite, mit dem Computerbenutzer durch Hin- und Herschieben einen Zeiger auf dem Bildschirm steuern und Programme »anklicken«, hätte hier die Ausmaße eines Auto-Scooters haben müssen.

Den Plan für eine solche Riesenmaus mußten die Ausstellungsmacher schon in der Anfangsphase des Projekts wieder verwerfen. »Wir hatten Angst«, erläutert Museumsdirektor Strimpel, »daß damit Kinder überfahren werden könnten.«

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