Zur Ausgabe
Artikel 73 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Tiere Spinne am Haken

Eine Krähenart hat eine Kulturdebatte ausgelöst. Der Vogel stellt Werkzeuge her.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Zwei Millionen Jahre lang besiedelte der Australopithecus den afrikanischen Kontinent. Sechs Typen dieses Vormenschen sind bekannt: afarensis war klein und drahtig, boisei hatte einen wulstigen Schädel mit Nußknackergebiß, africanus besaß O-Beine.

Keiner dieser vorzeitlichen Genossen hat je gearbeitet - es fehlte an Werkzeug. Erst der Homo erectus vor 1,8 Millionen Jahren bastelte sich systematisch Handäxte und Schlaginstrumente aus Feuerstein und Knochen.

Dieses handwerkliche Geschick galt lange als Kennzeichen menschlicher Kultur. Die »Menschwerdung des Affen«, meinte Altsozialist Friedrich Engels 1876, basiere auf der Fähigkeit, Werkzeuge zu produzieren. Nur so sei dem Homo sapiens der Sprung aus der Tierwelt gelungen.

Erst in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts entpuppte sich Engels Evolutionstheorie ("Keine Affenhand hat je das roheste Steinmesser verfertigt") als zu ungenau, um Mensch- und Tierwelt klar zu trennen. Zoologen stießen am Gombe-Gebiet in Tansania auf Schimpansen, die sich aus Zweigen Spezialruten fertigen, um damit Termiten aus ihren Bauten zu angeln.

Nun ist ein weiteres Mitglied der Fauna in die Technikerriege aufgestiegen: ein kleiner Rabenvogel mit schwarzem Gefieder und breitem Schnabel. Das Tier lebt im Regenwald von Neukaledonien, einer Inselgruppe 900 Kilometer nordöstlich von Australien.

Fast drei Jahre lang hat der neuseeländische Biologe Gavin Hunt das Federvieh Corvus moneduloides, einen Verwandten der Dohle, und dessen hochentwickeltes Know-how beobachtet. Mit Minidolchen stochert das Tier im Boden. Mit hölzernen Haken kescht es nach Ungeziefer (siehe Grafik).

Insgesamt 305 solcher Insektenspieße hat Hunt eingesammelt und verglichen. Ergebnis: Die Werkzeuge ähneln sich im Design und werden von den Krähen stets nach dem gleichen Konstruktionsplan zurechtgebastelt: *___Werkzeug Nummer eins fertigt der Vogel aus dünnen ____Ästen. Erst entblättert er den Zweig und schält ____sorgfältig die Rinde ab. Dann bricht er das Ende so ab, ____daß ein kleiner Haken absteht. *___Werkzeug Nummer zwei erinnert der Form nach an ein ____spitz zulaufendes Sägeblatt. Diesen Minidolch fräst ____sich der Vogel nach einem bestimmten Schnittmuster aus ____den harten Blättern des Pandanus-Gewächses.

Mit ihren Widerhaken gehen die Krähen erfolgreich auf Insektenfang. Behend fuchteln sie mit ihren hölzernen Harpunen durch »schnelles Hin- und Herbewegen des Kopfes« (Hunt) in Astlöchern herum und scheuchen so Larven, Spinnen, Ohrenkneifer und Kakerlaken auf.

Zwischen den Beutezügen hüten die Krähen ihr Jagdgerät wie der Heimwerker seine Bohrmaschine. Hunt beobachtete, wie eine Krähenmutter, mit einem Stöckchen in den Krallen, aufs Nest zuflog. Sorgfältig deponierte sie das Instrument an einem sicheren Ort und fütterte die Jungen. Dann griff sie sich wieder das Werkzeug und flog davon.

Drei Krähenpopulationen hat Experte Hunt zwischen 1992 und 1995 beobachtet. Jede dieser Gruppen fertigte Blattdolche mit leicht unterschiedlichem Design - ein Hinweis darauf, daß die Jungvögel die merkwürdige Bastelfertigkeit von den Eltern lernen.

Das erstaunliche Phänomen hat unter den Verhaltensforschern eine Debatte ausgelöst. Der Einsatz von Werkzeugen ist in der Tierwelt zwar weit verbreitet: Seeotter zerhämmern Muscheln und Schnecken. Elefanten benutzen Zweige, um sich zu kratzen. Kaffernadler bombardieren Feinde mit Felsbrocken aus der Luft.

Trickreich geht auch der Schwarzmilan zu Werke, zumindest in Australien. Dort stibitzt der Greifvogel mit Vorliebe glimmende Feuerreste und läßt die kokelnden Zweige auf trockenes Gras fallen. Fängt es an zu brennen, fliehen die Reptilien aus ihren Verstecken - und werden so zur leichten Beute der in der Luft lauernden Milane.

Mit echter Werkzeugherstellung hat dies indes wenig zu tun. Stets benutzen die Tiere nur vorgefundene natürliche Gegenstände, mit denen sie bohren, hämmern, tricksen oder schlagen.

Die neukaledonischen Krähen dagegen können ihre Insektenangeln standardisiert und planvoll produzieren - eine schöpferische Fähigkeit, die der Urmensch erst in der frühen Altsteinzeit erlernte, wie Hunt im Fachblatt Nature schreibt.

Sind die Krähen aus dem pazifischen Regenwald mithin intelligent? Jede Werkzeugproduktion, sagt der Schweizer Zoologe Christophe Boesch, setze im Kern eine »geistige Vorstellung« des zu schaffenden Objekts voraus.

Warum ausgerechnet ein unscheinbarer Piepmatz zu solch einer mentalen Spitzenleistung fähig sein soll, ist den Forschern bislang unerklärlich. Das Gehirn der gefiederten Handwerker aus Neukaledonien weist jedenfalls keine Besonderheit auf. Es ist kaum größer als eine Haselnuß.

[Grafiktext]

Darstellung d. Werkzeuggebrauchs bei Krähenart Corvus moneduloides

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 73 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.