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MEDIZIN Spiraliges Übel

Sind es wirklich der Ehrgeiz und das Rauchen, die der Magenschleimhaut zusetzen? Oder steckt hinter Gastritis und Geschwüren in Wahrheit ein Bakterium? Deutsche Mediziner zweifeln noch. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Den menschlichen Darm, sieben Meter lang, bevölkern in gesunden Tagen einige Milliarden Bakterien, unentbehrliche Helfer bei der Verdauungsarbeit. Kenner ordnen die Keime rund 500 verschiedenen Familien zu. Sie sind allesamt friedlich und fleißig.

Hin und wieder wird das nützliche, am gegenseitigen Vorteil orientierte Zusammenleben zwischen Mensch und Mikroben durch einen krankmachenden ("pathogenen") Keim gestört. Eine bis dahin unbekannte Klasse solcher Übeltäter meinten australische Ärzte vor wenigen Jahren gesichtet zu haben: Sie entdeckten im Magen von Patienten spiralige Bakterien mit bis zu vier Geißeln. Sie gaben der neuen Familie den Namen Campylobacter pylori und beschrieben sie als hinterlistig und gefährlich.

Doch die Entdeckung des Magen-Darm-Spezialisten Barry J. Marshall und seines bärtigen Helfers, des Pathologen J. Robin Warren, beide im westaustralischen Perth tätig, stieß bei den Kollegen jahrelang auf wenig Interesse.

Erst als die Australier immer neue Beweise für ihre Behauptung fanden daß die CP-Keime die wahre Ursache zweier weltweiter Plagen seien, begannen auch andere Mediziner nach den Bakterien zu fahnden. Die Australier hatten die Mikroben bei fast allen ihren Patienten entdeckt, die an Magengeschwüren oder an chronischer Magenschleimhautentzündung litten.

In jüngster Zeit sind die Kleinstlebewesen nun auch andernorts gesichtet worden, darunter in Bochum und München. Doch die richtige Freude will sich bei den Magenspezialisten nicht einstellen. Der Münchner Professor Rudolf Ottenjann, Meinungsführer der deutschen Gastroenterologen, erläutert die Zurückhaltung: »Mit dieser Theorie stellt Marshall natürlich die bisherigen Vorstellungen über die Entstehung der Magenschleimhautentzündung und des Magengeschwürs auf den Kopf.«

Wenn Gastritis und Ulkus, die beiden verbreiteten Leiden, plötzlich zu den bakteriell hervorgerufenen Infektionskrankheiten gezählt werden müssen, können die Internisten ihre einschlägigen Lehrbücher wegwerfen.

Bisher galt als sicher, daß die Magenschleimhaut vor allem von Zigaretten und Kaffee, Ehrgeiz und Alkohol, Schmerztabletten und Rheumapillen ruiniert werden kann. Auch heruntergeschluckter Ärger soll gelegentlich ein Loch in die Magenwand fressen. Bakterien aber, welcher Familie auch immer können sich nach herkömmlicher Ansicht im Magen gar nicht halten. Dafür sorge schon die Magensäure.

Sie wird von spezialisierten Drüsenzellen in einer täglichen Menge von bis zu drei Litern produziert und ist so scharf daß sie sogar Eisennägel in wenigen Tagen auflöst. Bakterien macht sie ruckzuck den Garaus. Überreichlich Magensäure gilt als Vorbedingung für ein Magengeschwür. Noch heißt die Regel: »Ohne Säure kein Ulkus.« Wie soll sich Campylobacter pylori da hatten können?

Des Rätsels Lösung: Der Keim, den die beiden Australier als erste fanden, gedeiht in einer biologischen Nische. Die CPs sitzen, so erläutern die Bochumer Nachuntersucher, war »unmittelbar auf den obersten Zellen, dem Epithel der Magenschleimhaut«, schützen sich raffinierterweise jedoch, indem sie unter dem »Schleimfilm« leben, der das Epithel bedeckt (siehe Graphik).

Inzwischen läßt sich die CP-Existenz nicht nur durch die Entnahme winziger Gewebeproben mit Hilfe biegsamer Sehrohre (Endoskope) beweisen, sondern sogar durch einen eigenen Test: Die Bakterien produzieren besonders lebhaft eine Wirksubstanz namens Urease, die Harnstoff spaltet. Urease-Test und Endoskopie-Proben beweisen zur Verwunderung der europäischen und amerikanischen Gelehrten, daß die Kollegen in Australien offenbar ganz richtig liegen: *___Bei Anwendung unterschiedlicher Färbe- und ____Kulturmethoden gelingt es, Campylobacter pylori bei der ____Mehrzahl der Kranken nachzuweisen - zu 90 Prozent bei ____Zwölffingerdarmgeschwür, zu 83 Prozent bei Gastritis, ____zu 70 Prozent bei Magengeschwür und zu 64 Prozent auch ____bei Magenkarzinomen.

Überraschenderweise gelang freilich der Keimnachweis auch bei acht Prozent der Magengesunden. Trotzdem schwört Marshall, daß die CPs krank machen. Heroisch tranken er und eine Gruppe Freiwilliger in einem Selbstversuch eine Aufschwemmung der neuen Bakterienfamilie. Alle Testpersonen erkrankten an Gastritis mit Oberbauchbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen.

Der australische Selbstversuch, den bisher kein Medikus wiederholen mochte, gilt den deutschen Gastroenterologen noch nicht als zweifelsfreier Beweis. »Das war keine chronische Gastritis, die er dann erfolgreich therapiert hat«, erläutert Gerhard Kasper, Mikrobiologe am Städtischen Krankenhaus München-Bogenhausen, »die deutschen Gastroenterologen sind da sehr kritisch.«

Es bleibe nämlich, meinen etwa die Ulkus-Forscher von der Bochumer

Ruhr-Universität, nach wie vor »die Möglichkeit einer lediglich saprophytären Keimbesiedlung zu bedenken« - soll heißen: Die CPs sitzen nur friedlich auf ohnehin erkranktem Gewebe, können aber nichts dafür, daß es krank ist.

Dieses Argument ärgert die Australier ganz besonders. Sie haben ihre magenkranken Patienten, kaum waren die Bakterien entdeckt, konsequent mit antibakteriellen Medikamenten behandelt, und siehe da: Die Magengeschwüre verschwanden und kehrten seltener wieder als unter herkömmlicher Medikation.

Auch Professor Ottenjann hat jetzt die ersten vier hoffnungslosen Fälle im australischen Stil geheilt. Die Geschwürpatienten hatte man in München »erfolglos über vier bis sieben Monate« mit der üblichen Arznei traktiert. Dann gab ihnen Ottenjann das antibakterielle Medikament Ofloxacin. Staunt der Professor: »Nach zwei bis vier Wochen waren alle geheilt.«

Das bringt den deutschen Gelehrten schwer in die Bredouille, denn die Australier haben nun unbestreitbar die älteste medizinische Weisheit auf ihrer Seite. Sie lautet: Wer heilt, hat recht.

[Grafiktext]

ATTACKEN AUS DER NISCHE Entstehung von Gastritis und Magengeschwüren (schematische Darstellung) Bakterien vom Typ Campylobacter pylori siedeln sich unter der die Magenwand auskleidenden Schleimhautschicht an. Schleimhautschicht (hochgeklappt) Schleimhautbildende Zellen Magen Magengeschwür Die Bakterien vermehren sich, rufen Entzündungen hervor und beeinträchtigen die Fähigkeit der Zellen, die schützende Schleimhautschicht zu bilden. Die Magensäure dringt durch die geschädigte Schleimhaut bis in die Magenwand und greift sie an, es kommt zu Magengeschwüren ("Ulkus"). Unterschleimhautschicht Muskelschichten (Blut- und Lymphgefäße) der Magenwand

[GrafiktextEnde]

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