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Sprechender Hund

Japanische Ingenieure haben die Flüssigkristalle gezähmt. Nun kommen Fernseher mit flachem Bildschirm auf den Markt -- allerdings erst im Zwergenformat.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Als vor knapp 100 Jahren der Franzose Robida in einer utopischen Karikatur das Fernsehen vorausahnte, hängte er den Bildschirm einfach an die Wand, platt wie ein Ölgemälde. Die klobigen Fernsehkisten, die inzwischen millionenfach in den Wohnzimmern stehen, konnte sich der geniale Zeichner nicht vorstellen.

Nun aber scheint Robidas Vision vom flachen Flimmerschirm doch noch Wirklichkeit zu werden. Elektronickonzerne in Japan, Europa und den USA wollen TV-Geräte mit flachem Bildschirm bis zur Marktreife entwickeln, wenn auch fürs erste nur im Kleinformat:

* Auf einer Elektronik-Schau präsentierte jüngst die japanische Firma Toshiba einen 1,6 Zentimeter flachen Mini-Fernseher; sein Schwarzweiß-Bild, drei mal vier Zentimeter groß, wird mit Flüssigkristallen erzeugt. Geschätzter Verkaufspreis: 500 bis 600 Dollar. Prototypen eines ähnlichen Geräts führte die Firma Hitachi vor.

* Mit einer Bildröhre von nur 1,9 Zentimeter Tiefe, Bildschirmformat fünf mal zehn Zentimeter, wird ein Schwarzweiß-Gerät ausgestattet sein, das die britische Firma Sinclair Research Ltd. entwickelt hat und das für 250 Mark im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll. Eine amerikanische Handelskette orderte bereits 300 000 Stück.

Auf einem halben Dutzend verschiedener Wege versuchen die Techniker die Probleme zu meistern, die vier Jahrzehnte nach Beginn der Fernseh-Ära noch immer der Flachbauweise von Bildschirmen entgegenstehen.

Bis heute ist die Kastenform durch die Art, wie das Fernsehbild erzeugt wird, vorgegeben. Herzstück aller Flimmerkästen ist die Kathodenstrahlröhre. Zwischen der Strahlenkanone am hinteren Ende und dem Schirm, auf dem der elektronisch gesteuerte Strahl Bildpunkte aufleuchten läßt, muß es einen Mindestabstand geben. Bei einem 50-Zentimeter-Bildschirm sind es meist 40 Zentimeter.

Aus dieser Not machte der britische Elektronik-Erfinder Clive Sinclair eine Tugend: Er behielt das Prinzip der Kathodenstrahlröhre bei, placierte aber die Strahlenquelle nicht hinterm, sondern seitlich und unterhalb vom Bildschirm. Der Strahl kommt von der Seite und wird erst dann so abgelenkt, daß er auf den Bildschirm trifft.

Nach einem ähnlichen Verfahren will der US-Medienkonzern RCA in der zweiten Jahrzehnthälfte einen nur zehn Zentimeter flachen, aber 127 Zentimeter in der Diagonale messenden Bildschirm herausbringen.

Verlassen wurde das Prinzip des wandernden Strahls bei jenen Mini-Flachbildschirmen, die in Japan ersonnen wurden. Die Japaner entwickelten eine Technik weiter, die in den letzten Jahren schon bei Computer-Anzeigen und modischen Uhren verwendet wurde: Das Schwarzweiß-Bild entsteht im Glasschirm selber, durch elektrische Anregung sogenannter Flüssigkristalle.

Entdeckt wurden diese psysikalischen Zwitter, die zugleich Eigenschaften von Flüssigkeiten und Kristallen aufweisen, schon Ende des 19. Jahrhunderts. Damals fand der österreichische Botaniker Friedrich Reinitzer, daß eine Verbindung namens Cholesterylbenzoat zwei Schmelzpunkte hat: Bei 145 Grad Celsius wird der feste Stoff zunächst zu einer trüben Flüssigkeit, die dann bei 179 Grad plötzlich klar wird.

Später konnte der deutsche Physiker Otto Lehmann das Phänomen erklären: In der trüben Flüssigkeit, gleichsam einer Zwischenphase der Aggregatzustände, schwimmen kleine Flöße kristallartiger Molekülbündel, die das Licht wie Kristalle brechen -- daher der Grauschimmer.

Bei den modernen Flüssigkristallanzeigen -- und ebenso auch bei den TV-Zwergen aus Japan -- ist eine breiige Kristallmasse als hauchdünne Schicht zwischen zwei Glasscheiben eingeschlossen, S.275 die mit elektrisch leitenden Schichten überzogen sind. Wird an einer Stelle ein Strom durch die Kristallschicht geschickt, so werden dort die Moleküle durcheinandergewirbelt, ein leuchtender Punkt wird sichtbar.

Den japanischen Technikern ist es nun gelungen, das bei Uhren und Computern relativ träge arbeitende System so »schnell« zu machen, daß sich ein Fernsehbild damit zusammensetzen läßt.

Zu diesem Zweck haben die Ingenieure eine Flüssigkristallmasse entwickelt, die besonders dünnflüssig ist und auf elektrische Impulse blitzartig anspricht -- die Moleküle reagieren innerhalb von 30 Millisekunden. Die elektrischen Impulse, die das Hell und Dunkel auf dem Bild erzeugen, kommen von integrierten Schaltkreisen.

Technische Varianten dazu werden bei anderen Elektronikfirmen erprobt. So arbeiten IBM-Ingenieure an einem großen Flachbildschirm, bei dem zwischen den Glasscheiben ein Gas eingeschlossen ist; es wird nach Art einer Neonröhre elektrisch zum Leuchten angeregt. In etlichen Labors wird auch nach Stoffen gesucht, die sich unter dem Einfluß von Elektrizität verfärben; das wäre der Weg zum farbigen Flachfernsehen.

Für elektronische Ölgemälde an der Wand sind die technischen Hürden einstweilen noch zu hoch. Und so mäßig die Bildqualität bei den neuen TV-Zwergen vorerst sein mag -- die Techniker staunen, daß sich auf den Schirmen etwas bewegt.

»Es ist, wie bei der Nummer mit dem sprechenden Hund«, so umschrieb es Tom M. Hyltin, Forschungsmanager bei der US-Firma Commodore International. »Sehr überzeugend klingt er nicht, aber verblüffend ist, daß es überhaupt geht.«

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