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SCHACH Springer am Rand

In einem Schwarzwald-Gymnasium ist Schach als Pflichtfach eingeführt worden. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Der Schachgroßmeister Ludek Pachman, 61, Exil-Tscheche aus Prag mit deutscher Staatsbürgerschaft, weiß, was den Bundesbürgern fehlt. »Wir brauchen«, sagt er, »so etwas wie einen Boris Becker fürs Schach.«

Ein westdeutsches Schach-Genie, meint der Großmeister und wie ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal Mitgründer der »Konservativen Aktion«, könne endlich die Vorherrschaft des Ostblocks im Schach brechen -- was für den strammen Antikommunisten auch ein persönlicher Triumph wäre.

Deshalb war Pachman gern mit von der Partie, als in der Bundesrepublik »zum erstenmal der Versuch gestartet« wurde, »begabte junge Schachspieler nach modernsten methodischen Grundsätzen zu betreuen": im Christophorus-Gymnasium

zu Altensteig in Baden-Württemberg. In dem Schwarzwaldstädtchen verwirklicht Pachman ein in der Bundesrepublik bislang einzigartiges Schulprojekt: Schach als Pflichtfach mit Leistungs- und Lernzielen. Die fünften und sechsten Klassen, vom Sommer an auch die siebten, erhalten jede Woche zwei Schach-Stunden.

Träger des experimentierfreudigen Gymnasiums und Initiator des Schach-Unterrichts ist das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD), das 112 Jugenddörfer mit sieben staatlich anerkannten Privatgymnasien nebst Internat unterhält. Dazu gehören eine Hochbegabten-Schule in Braunschweig sowie ein Ski-Gymnasium in Berchtesgaden, wo Hochleistungstraining und Ausbildung von Skifahrer-Nachwuchs mit normalem Schulbetrieb verbunden werden - Vorbild für das »Schach-Gymnasium«.

Unterstützt wird das Altensteiger Projekt vom Deutschen Schachbund, dem zwar rund 80000 Mitglieder angehören, der es aber an gezielter Nachwuchsförderung hatte mangeln lassen. Bundesdeutsche Spieler haben, abgesehen von Großmeistern wie Wolfgang Unzicker oder Robert Hübner, in der internationalen Schachszene nicht viel zu melden.

Der Weltmeister-Titel ist fest in sowjetischer oder, gelegentlich, amerikanischer Hand: Karpow und Kasparow, Petrossjan oder Spasski, dazwischen nur Robert ("Bobby") Fischer. Seit der deutschstämmige Emanuel Lasker vor mehr als sechzig Jahren den Weltmeistertitel abgegeben hat, ist kein Deutscher mehr zum Zuge gekommen.

Das Ziel, daß die Bundesrepublik eines Tages »drei wirklich starke Internationale Meister oder Großmeister

stellt«, will Pachman nun über Altensteig erreichen. Zur Jahreswende, nach drei Monaten Schach-Unterricht, konnten die Fünft- und Sechstkläßler immerhin »ganz ordentliche Partien spielen« (Pachman). Bis zum Ende des Schuljahres sollen sie in einem Schachklub gegen Erwachsene antreten und auch schon mal gewinnen können.

Gelernt wird nach Pachmans Lehrbuch »20 Lektionen Schach« und nach einer »Methodik des Schachtrainings«, die Pachman einst, beim Unterricht an gewerkschaftseigenen Schulen, in Prag erprobt hat.

Jetzt, als Angestellter des CJD, führt der Großmeister im Basisunterricht verschiedene Positionen auf den 64 Feldern vor, meist nur mit drei oder vier Figuren, und fragt ab: »Ist das ein guter oder ein mittelmäßiger Zug?« Für die Antworten gibt es Noten, die vorläufig allerdings bei der Versetzung nicht mitgewertet werden.

Nach wenigen Stunden intensiven Unterrichts können die Schüler bereits das ganze Brett übersehen und Partien aus unterschiedlichen Positionen zu Ende denken. Dazu lernen sie Merkverse wie »Springer am Rand bringt immer nur Schand« - weil die Figur von dort aus zu wenige Felder decken und bedrohen kann.

Mit Hilfe des Schulversuchs möchte Pachman nebenher ausfindig machen, ob es den oft behaupteten Zusammenhang zwischen Schach-Geschick und mathematischen Fähigkeiten wirklich gibt. Auch das Phänomen, »warum relativ wenige Mädchen Schach spielen und noch nie eine Frau unter den Spitzenspielern war«, sei bis jetzt noch nicht gründlich untersucht worden.

In einem Schach-Leistungszentrum des Gymnasiums, das auch Nicht-Schülern offensteht, sollen begabte junge Schachspieler zusätzlich die Möglichkeit bekommen, mit Pachmans Hilfe »ihre Spielstärke bis zum internationalen Niveau zu erhöhen«. Aufgebaut wird auch, wie das CJD ankündigt, »mindestens eine Gruppe für begabte Mädchen, denen der Aufstieg in die Meisterklasse des deutschen Damenschachs ermöglicht werden soll«.

Für dieses Jahr hat das CJD erstmals drei Vollstipendien für besonders talentierte Schachjunioren zwischen zwölf und sechzehn Jahren ausgeschrieben. Die Schüler, die bis zum Abitur kostenlos im Jugenddorf Altensteig Quartier beziehen dürfen, sollen durch systematische Schulung internationales Niveau erreichen.

Freilich ist, das weiß auch Pachman, die Chance gering, daß einer der Altensteiger Schüler dereinst von seinen Einnahmen als Schachprofi und Medienstar leben kann. Deshalb will das CJD darauf achten, »daß alle unsere jungen Schachspieler auch die Qualifikation für einen Beruf erwerben«.

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