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Sprung auf die Markise

Was im Gehirn von Schlafwandlern vor sich geht, ist noch wenig erforscht. In den Schlaflaboren landen sie oft als sonderliche Fälle.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Immer wieder stand der Student im Dunkeln auf, tapste in die Küche und verschlang die Essensvorräte seiner Mitbewohner. Stellten sie ihn anderntags wütend zur Rede, konnte er sich an nichts erinnern.

Verwirrt war zunächst auch die junge Frau, die morgens im Bett jeweils mit schmerzenden, blutig geschürften Knien erwachte.

Die ältere Dame hingegen, die eines Nachts aus ihrem Schlafzimmerfenster im zweiten Stock auf eine Markise herabstürzte, was sie, von Kratzern und Prellungen abgesehen, heil überstand, ahnte schon, wo ihr Problem lag. Zuvor war sie manchmal im Bett eingeschlafen, aber in der Besenkammer erwacht.

Wie so viele Schlafwandler landeten auch diese drei irgendwann bei Ingo Fietze. Fietze, 49, ist Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité in Berlin und Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. In Deutschland gibt es neben ihm kaum jemanden, der sich so intensiv mit Somnambulismus, also Schlafwandeln, beschäftigt.

Im hellen Büro des Arztes mit dem grauen Bürstenschnitt hängt ein Kunstdruck von Van Goghs »Il Riposo": ein friedlich schlafendes Paar in einem Strohhaufen. »Schlafwandeln ist eine sehr interessante Störung, ohne Frage«, sagt Fietze und dreht seine Lesebrille zwischen den Fingern. »Das Problem ist nur, dass sie weltweit noch kaum erforscht wird.«

Schlafmedizinische Forschung gebe es ja erst seit drei Jahrzehnten, und am Anfang habe man sich eben mit den naheliegendsten Problemen befasst: Schnarchen und Schlafapnoe, die gefürchteten Atemstillstände im Schlaf. »Schlafapnoe ist einfach zu diagnostizieren und zu behandeln, und sie betrifft fast jeden zweiten Schnarcher.«

Schlafwandeln hingegen zählt bis heute zu den rätselhaftesten Phänomenen der Medizin. Bei Kindern gilt es noch nicht als Krankheit: 40 Prozent der Vier- bis Siebenjährigen sollen es gelegentlich tun und 17 Prozent der Kinder unter 12 Jahren, Jungen häufiger als Mädchen. Warum tun sie es? »Das weiß keiner so genau«, sagt der Arzt. »Wenn es mit einem normalen Entwicklungsprozess des Gehirns zu tun hätte, stellte sich ja die Frage, warum die übrigen 60 Prozent nicht schlafwandeln.«

Bei den Erwachsenen sind es Schätzungen zufolge immerhin noch drei bis vier Prozent, wobei Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen sind. Die meisten waren schon als Kinder Schlafwandler; mögliche Auslöser oder Verstärker sind Stress, Schlafmangel, Alkohol, bestimmte Medikamente und Krankheiten wie Schlafapnoe, Migräne und das Tourette-Syndrom.

Man muss nicht zwingend im Tiefschlaf herumspazieren, schlemmen oder verunglücken, um Schlafwandler im klinischen Sinne zu sein: Es genügt, sich schlafend im Bett aufzusetzen, mit den Füßen den Boden zu berühren und anschließend wieder in die Kissen zu sinken.

Ärztliche Hilfe suchen Schlafwandler oft erst nach Jahren - wenn ihre nächtlichen Eskapaden für sie oder ihre Partner allzu störend oder bedrohlich werden. »Ich habe schon alle möglichen Schlafwandler gesehen, junge und alte, männliche und weibliche, verrückte und harmlose«, erzählt Fietze. »Wir nehmen sie alle für vier Tage ins Schlaflabor, um die Diagnose zu erhärten.«

Im Gegensatz zu den meisten anderen Schlafstörungen tritt Schlafwandeln ausschließlich im Tiefschlaf auf - also vor allem in der ersten Nachthälfte. Indizien sind ungewöhnlich lange Tiefschlafphasen über 40 Minuten und erhöhte Muskelspannung oder Bewegungen dabei. Nach einer Tiefschlafphase kommt es häufig zu einem abrupten Wechsel in die Traumschlafphase und nicht, wie bei normalen Schläfern, zu einem kontinuierlichen Übergang.

Wenn die Ärzte Glück haben, steigt der Patient auch im Labor aus dem Bett und reißt sich dabei unbemerkt die Elektroden für die Messung von Hirnströmen und Kiefermuskelspannung vom Kopf. Brechen die Aufzeichnungen ab, während die Hirnstrommessung eine Tiefschlafphase anzeigt, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Schlafwandler.

Komplizierter wird es, wenn der Schläfer während des sogenannten REM-Schlafs aktiv wird: »Eine Traumschlaf-Verhaltensstörung ist seltener, aber gefährlicher als Schlafwandeln«, erklärt Fietze. »Die Betroffenen leben ihre Träume aus, und wenn sie im Traum gerade um sich schlagen und kämpfen, tun sie das eben auch im Bett.« Ihre Bewegungen seien schneller und abrupter als die von Schlafwandlern.

Ein Vorteil dieser Störung ist jedoch, dass Menschen im Traumschlaf leichter zu wecken sind und sich eher an das Geschehene erinnern können als Schlafwandler. Diese nehmen nämlich keinerlei audiovisuelle Reize wahr: »Einem Schlafwandler muss man im Zweifel schon eine kleben, damit er nicht aus dem Fenster springt«, rät Fietze.

Was im Gehirn von Schlafwandlern vor sich geht, ist erst bruchstückhaft bekannt. »Im Tiefschlaf sinkt die Aktivität im präfrontalen Cortex, einem Teil des Frontallappens der Großhirnrinde, der unter anderem für Aufmerksamkeit, Entscheidungsfindung und Gerechtigkeitssinn verantwortlich ist«, erläutert Fietze. Dadurch wird die Kontrolle des Limbischen Systems beeinträchtigt, das an der Entstehung von Emotionen und Gewalt beteiligt ist - was aggressive Handlungen von Schlafwandlern erklären könnte.

Am Schlafwandeln beteiligt sind zudem Teile des Thalamus, der Schaltstelle zwischen Hirnrinde und anderen Hirnarealen, sowie das Corpus striatum, das stereotype motorische Bewegungen koordiniert. »Schlafwandler imitieren gewohnte Bewegungsabläufe wie in die Küche oder aufs Klo gehen und finden danach auch meistens wieder ins Bett zurück«, sagt Fietze.

Sämtliche Messdaten aus dem Schlaflabor sammelt sein Forschungsteam in einer Schlafdatenbank, um sie später statistisch auszuwerten und dabei Auffälligkeiten im Gehirn für die verschiedenen Schlafstörungen zu finden.

Seinen schlafwandelnden Patienten gibt Fietze meist ein Schlafmittel, das die Tiefschlafphasen verkürzt. »Das ist die einzig vernünftige Behandlung«, sagt er. Nach einem halben oder ganzen Jahr werde die Dosis dann langsam bis auf null reduziert. Mit etwas Glück, so Fietze, würden die nächtlichen Ausflüge bis dahin einfach aufhören.

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