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GENTECHNIK Sprung vom Acker

Ein Uno-Abkommen zur biologischen Sicherheit soll den Handel mit genmanipulierten Organismen regeln. Noch sind fast alle Punkte strittig.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Üppig gediehen im Treibhaus die Tomatenpflanzen. Insekten schwirrten durch die offenen Türen, und manchmal schmuggelten sich ein paar Ziegen aus der Nachbarschaft ein, um am Gemüse zu knabbern. Auf dem Hof trocknete die Ernte in der Sonne.

Es war allerdings kein Gärtneridyll, was Greenpeace 1996 in Guatemala dokumentierte, sondern ein gentechnisches Experiment. Ohne Kenntnis der lokalen Behörden erprobte die US-Firma Asgrow - die inzwischen dem amerikanischen Branchenführer Monsanto gehört - genmanipulierte Tomaten, Honigmelonen und Kürbisse.

Sicherheitsvorkehrungen, um die biologische Vielfalt Guatemalas vor fremden Genen zu schützen, traf sie nicht - sträflicher Leichtsinn, da in Lateinamerika nicht nur eine Reihe traditioneller Kultursorten von Kürbis und Tomate gedeihen, sondern auch verwandte Wildpflanzen wie die Kirschtomate.

Solche Schlamperei künftig einzudämmen ist Ziel einer Uno-Vereinbarung zur biologischen Sicherheit, über die Vertreter von rund 170 Staaten derzeit in der kolumbianischen Stadt Cartagena verhandeln. Unter dem Dach der Konvention über die biologische Vielfalt, eines der wenigen konkreten Ergebnisse des Umweltgipfels von Rio 1992, soll das sogenannte Biosafety-Protokoll den grenzüberschreitenden Handel mit gentechnisch veränderten Organismen regeln.

Eine Reihe neuer Studien nährt die Sorge, genmanipulierte Pflanzen könnten ihre Eigenschaften auf natürliche Verwandte übertragen und so die Umwelt gefährden. Kritiker sehen in diesem »Gen-Smog« eine Bedrohung der biologischen Vielfalt. Betroffen seien vor allem die Herkunftsgebiete wichtiger Nutzpflanzen, etwa die Anden als Heimat der Kartoffel.

»Wir brauchen ein Protokoll, das die Umwelt schützt«, fordert Klaus Töpfer, Ex-Bundesminister und Chef des Uno-Umweltprogramms (Unep), »und das Entwicklungsländer in die Lage versetzt, die biologische Sicherheit zu gewährleisten.« Ob das Papier von Cartagena diesen Anspruch auch nur annähernd erfüllen wird, ist zweifelhaft. Kurz vor Abschluß der Verhandlungen sind noch fast alle Eckpunkte strittig.

Einigkeit besteht nicht einmal über den Geltungsbereich des Abkommens. Sollen nur lebendige Tiere und Pflanzen unter die Regelung fallen oder auch keimfähiges Saatgut - oder gar, wie Umweltschützer fordern, alle Produkte, in denen veränderte Erbsubstanz nachweisbar ist?

Auch Bruchstücke von DNS, argumentiert die Gentechnik-Expertin Beatrix Tappeser vom Freiburger Öko-Institut, sind nicht zwangsläufig harmlos. So könnten Darmbakterien Erbinformation für Antibiotika-Resistenzen einfangen, an Artgenossen weitergeben und über ihre Nachkommenschaft vervielfachen.

Ein so weit gefaßter Ansatz ist für viele Staaten, allen voran die USA, eine Horrorvorstellung. Die Amerikaner, auf deren Äckern Gen-Pflanzen allgegenwärtig sind, möchten landwirtschaftliche Massengüter wie Sojabohnen oder Maiskörner am liebsten von der Vereinbarung ausnehmen - keimfähig oder nicht.

Offen ist bislang auch, wie das Procedere für den Handel mit genmanipulierten Organismen aussehen soll. Reicht es, wenn der Exporteur die zuständige Behörde im Einfuhrland benachrichtigt, oder muß er eine ausdrückliche Zustimmung abwarten? Wer stellt Entwicklungsländern Geld und Know-how zur Verfügung, um die ökologischen und gesundheitlichen Risiken eines Gentech-Imports zu bewerten? Und wer haftet, sollte ein marodierendes Fremd-Gen den Sprung vom Acker schaffen und in freier Natur zur Plage werden?

Vor allem die Entwicklungsländer mißtrauen den Beteuerungen der Biotech-Konzerne, ihre Kreationen seien ungefährlich. »Wissenschaftliche Studien über die Risiken der Gen-Technik kommen aus den Industrieländern, also aus klimatisch gemäßigten Regionen mit einförmiger Landwirtschaft«, warnte etwa die Delegation des Gastgeberlandes Kolumbien, »aus Ländern mit großer Artenvielfalt und anderen Methoden der Landnutzung gibt es wenig Erfahrungen.«

Besonders brisant sind die Biosafety-Verhandlungen jedoch, weil sie die Grenzen des freien Welthandels ausloten. Denn im Kern geht es in Cartagena um die Frage: Darf ein Land aus Gründen des Umweltschutzes, der sozialen Verträglichkeit oder aus ähnlich gelagerten Motiven die Einfuhr eines Guts zurückweisen?

Während Organisationen wie Greenpeace auf »das Recht, nein zu genmanipulierten Organismen zu sagen«, pochen, werten vor allem die USA derlei Ansinnen schlicht als Protektionismus. »Dieses Protokoll«, schimpft Adrianne Massey, Beraterin der Biotechnology Industry Organization, »ist ein Handelsabkommen, das sich als Umweltabkommen maskiert.«

Nach Kräften bemühen sich die Amerikaner deshalb, die Vereinbarung so vage wie möglich zu gestalten. Formal allerdings haben sie nicht viel mitzureden - in den USA ist die Konvention über die biologische Vielfalt noch immer nicht ratifiziert.

ALEXANDRA RIGOS

Alexandra Rigos
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