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TIERE Stapellauf der Paarhufer

Wie kamen die Wale ins Wasser? Mit neuen Fossilienfunden haben Forscher enträtselt, wer einst die Vorfahren der heutigen Meeressäuger waren. Erst glichen sie Wölfen, dann Krokodilen.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Sie hatten die Statur überdimensionaler Ratten und die Schulterhöhe von Schäferhunden. Auf dürren Beinen machten sie an Wasserlöchern Jagd auf Beute. Ihre Gliedmaßen trugen Zehen, die mit kleinen Hufen versehen waren.

Vor 50 Millionen Jahren lebten die so genannten Pakicetiden auf der Erde - und sie waren die Vorfahren der Wale. In einem Geniestreich der Evolution entstanden aus den seltsamen Chimären die majestätischen Meeressäuger von heute.

Wie die wundersame Verwandlung vom Landräuber zum seegängigen Tauchkünstler vor sich ging, war bislang nur bruchstückhaft bekannt. Nun haben gleich zwei Forscherteams in den Fachmagazinen »Science« und »Nature« Fossilienfunde aus Pakistan vorgestellt, die erstmals ein detailliertes Bild der Stammesgeschichte der Wale zeichnen.

Philip Gingerich von der University of Michigan und Kollegen gruben gut erhaltene Fußknöchel krokodilähnlicher Urwale aus der pakistanischen Erde. Den bedeutsameren Fund jedoch machten Wissenschaftler um den Paläontologen Hans Thewissen vom Northeastern Ohio Universities College of Medicine: Ihnen gelang es, Überreste eben jener Pakicetiden zu bergen, die ganz nah an der Wurzel der Walevolution stehen.

»Die Fossilien dokumentieren hervorragend den Übergang zwischen heutigen Walen und ihren Vorfahren«, kommentiert der Zoologe Christian de Muizon vom Naturhistorischen Museum in Paris. »Sie sollten ihren Platz neben dem Urvogel Archaeopteryx und dem Vormenschen Australopithecus haben.«

Können Tiere unterschiedlicher sein? Hier der Wal mit seinem mächtigen, stromlinienförmigen Körper, der kräftigen Fluke am Schwanzende und den unter einer dicken Speckschicht verborgenen Überresten von Becken und Hinterbeinen - dort ein Tier, dessen Bestimmung offenbar der schnelle Lauf auf festem Boden war.

Nur wenige Fossilien enthüllten bislang die Verbindung zwischen den beiden Gruppen. Zwar gilt es längst als ausgemacht, dass sich Wale aus Landtieren entwickelten, da die ersten Säugetiere an Land entstanden sind. Welche Säugergruppe jedoch als Walverwandtschaft zu gelten hat, war völlig unklar.

Aus der Form versteinerter Zähne und Ohrknöchelchen hatten Paläontologen bislang als Vorfahren der Wale eine ausgestorbene Gruppe behufter Aasfresser vermutet, die die Größe von Grizzlybären erreichen konnten. DNS-Analysen hingegen stellten die Urwale in die Nähe der Flusspferde - ein Befund, der jetzt von den US-Biologen bestätigt wird: »Der Ursprung der Meeressäuger liegt im Reich der Paarhufer«, sagt Thewissen. Neben den Flusspferden zählen Schweine, Rinder, Kamele und Giraffen zu dieser Gruppe.

Versteinerte Knochen eines fuchsgroßen und eines wolfsgroßen Pakicetiden fanden die Forscher jetzt im Norden Pakistans. Sie konnten nicht nur die bereits walähnlichen Schädel der Tiere sicherstellen, sondern auch Teile der Wirbelsäule und der Beine. Ein kräftiges Gebiss, nah beieinander liegende Augen und ein muskulöser Schwanz zeichneten die Urwale demnach ebenso aus wie breite, mit Hufen versehene Zehen und charakteristisch bewegliche Knöchel, die sonst nur bei Paarhufern vorkommen.

»Die Pakicetiden hielten sich definitiv vor allem an Land auf«, sagt Thewissen. »Wir vermuten, dass sie schnelle Läufer waren und möglicherweise ähnlich wie Löwen lebten.« Im versteinerten Bett eines flachen, zeitweise ausgetrockneten Flüsschens fanden die Paläontologen die Fossilien. Dort haben die Tiere auf Weidetiere gelauert, die zur Tränke kamen, vermutet Thewissen.

Auch glauben die Forscher, nun rekonstruieren zu können, wie die Huftiere schließlich auf Tauchgang gingen. Demnach haben die Nachfahren der Pakicetiden, von Nahrungskonkurrenten immer mehr in den nassen Lebensraum gedrängt, zunächst - ähnlich wie Krokodile - noch Landtiere aus dem Wasser heraus erlegt; erst später haben sie sich weiter spezialisiert. »Man kann sich vorstellen, dass diese Tiere nahe der Mündung von Flüssen lebten und nach und nach zu aquatischer Nahrung übergingen«, sagt de Muizon.

Als weiterer Stein des Walpuzzles fügt sich der Fund der Gingerich-Gruppe in die Geschichte der Meeressäuger ein. Die Forscher stießen auf 47 Millionen Jahre alte Überreste von Walen, die bereits Schwimmhäute zwischen den Zehen hatten, deren Vorderfüße jedoch noch Hufe aufwiesen. Rodhocetus taufte Gingerich einen der Funde, der aussieht, als hätte sich ein Delfin mit einem Krokodil gepaart. Zwischen 400 und 500 Kilogramm soll der Räuber gewogen haben.

»Diese Tiere konnten noch wie heutige Seelöwen aus dem Wasser an Land robben«, sagt Gingerich. Die Beine seien jedoch nicht mehr in der Lage gewesen, den Körper über große Strecken zu tragen. Weitgehend aquatisch lebte Rodhocetus demnach und nutzte wahrscheinlich bereits den Schwanz als Schwimmhilfe.

Acht Millionen weitere Jahre dauerte die Verwandlung vom Landraubtier zum Meeressäuger - kaum mehr als ein Wimpernschlag in der Evolutionsgeschichte. Mit den sehr unterschiedlichen Bedingungen an Land und im Wasser erklären Forscher die schnelle Veränderung der Walgestalt. Auf die krokodilähnlichen Urwale folgten bald Tiere wie der zwei Meter lange Dorudon, der bereits stark verkleinerte Hinterbeine hatte. Als bekanntester Urwal gilt der 1832 entdeckte und zunächst für einen Dinosaurier gehaltene Basilosaurus.

Bei etwa 15 Meter Länge und schlangenförmiger Gestalt wog Basilosaurus fünf Tonnen. Wie heutige Wale hatte dieser Ozeanriese an Land keine Chance mehr - er wäre von seinem eigenen Gewicht erdrückt worden. Der Stapellauf der Huftiere war endgültig vollzogen. PHILIP BETHGE

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