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FORTPFLANZUNG Stille Post vom Fötus

Eine Schwangerschaft verändert werdende Väter viel stärker als gedacht: Sie werden offenbar von Pheromonen aus dem Leib der Partnerin eingenebelt - und verwandeln sich in Softies.
aus DER SPIEGEL 51/2007

Bei ihrer zweiten Schwangerschaft überkam Toni Ziegler eine Ahnung, dass der Mann an ihrer Seite ebenfalls in anderen Umständen war. Dem Vater ihres Kindes sei zwar kein Bauch gewachsen, erzählt die blonde Frau, doch habe er »die ganze Zeit über Rückenschmerzen geklagt«. Erst mit der Geburt verschwanden die Beschwerden.

Seit dieser Episode vor 16 Jahren hat Ziegler, eine promovierte Verhaltensbiologin, sich der Erforschung werdender Väter verschrieben - einer Bevölkerungsgruppe, um die es Studien zufolge nicht zum Besten steht: Je nach Fallbericht klagen 11 bis 65 Prozent der betroffenen Männer über Schmerzen, Brechreiz, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Gewichtszunahme und andere für Schwangerschaften typische Symptome.

Die Befunde stehen rein methodisch allerdings auf schwachen Füßen; lange wurde die Schwangerschaft des Mannes deshalb eher als medizinische Folklore abgetan. Jene, die diesen Umstand für sich reklamieren, laufen Gefahr, als Spinner und Hypochonder diffamiert zu werden.

Ziegler und andere Forscher allerdings nähren nun den Verdacht, dass doch etwas dran ist an dem Phänomen. Anstelle einer neurotischen sehen sie eine biologische Basis der männlichen Schwangerschaft - und können ihre Meinung auf weit härtere Daten stützen als auf eheliche Anekdoten.

Am National Primate Research Center in Madison (US-Bundesstaat Wisconsin) etwa studieren Toni Ziegler und der Psychologe Charles Snowdon, wie Weißbüschelaffen zu Vätern werden. Eine Sippe der in Brasilien vorkommenden und etwa 400 Gramm schweren Primaten lebt in einem Gehege mit Kletterbäumen, Hängematten und einer sechs Meter breiten Panoramascheibe. Vorwitzig eilt das Weibchen herbei, klopft mit den Fingern von innen ans Glas, legt das Köpfchen quer und schaut Toni Ziegler an.

Das Männchen hält sich im Hintergrund; es hat zu tun: Auf seinem Rücken trägt es das Baby, das am Tag zuvor auf die Welt gekommen ist. »Bei den Weißbüschelaffen ziehen Weibchen und Männchen die Kinder gemeinsam auf«, erklärt Ziegler. Die Arbeitsteilung geht so: Die Mutter gibt die Milch, der Vater erledigt so ziemlich den Rest - das Kind beschützen, wärmen, pflegen und, sobald das Kleine abgestillt ist, auch noch füttern - alles Männersache.

Es ist nicht erst die Geburt des plüschigen Babys, die den Weißbüschelaffen zum Vorzeigevater werden lässt. Offenbar wird er dazu bereits viele Wochen vor der Niederkunft gepolt: Dem Leib des trächtigen Weibchens entweichen Signalstoffe, sogenannte Pheromone, die über die Luft, aber auch über Körperflüssigkeit in die Nase des Männchens gelangen - und selbiges in einen Softie verwandeln. »Die Männchen werden chemisch auf ihre Vaterrolle eingestellt«, sagt Ziegler. »Und dieser Prozess beginnt mit der Schwangerschaft der Frau.«

Zu den Veränderungen gehört, dass die werdenden Väter an Gewicht zulegen - obwohl sie gar nicht mehr Nahrung zu sich nehmen. Das haben die Forscher nicht nur an Weißbüschelaffen, sondern auch an Lisztaffen nachgewiesen (deren schulterlange Haarpracht an die Frisur des Komponisten Franz Liszt erinnert). Während der Schwangerschaft legten männliche Tiere beider Arten bis zu 20 Prozent an Gewicht zu. »Dadurch erhalten die Affen zusätzliche Kraft, die sie nach der Geburt brauchen, um die Jungen zu tragen«, erklärt Ziegler.

Interessanterweise setzt die Gewichtszunahme des Männchens zeitlich früher ein als jene der schwangeren Partnerin. Es ist also nicht so, dass das Weibchen größeren Appetit zeigt und das Männchen aus reiner Geselligkeit verstärkt mitfrisst. Vielmehr ist das Dickwerden Folge eines physiologischen Prozesses: Signalstoffe aus dem Körper des Weibchens beeinflussen offenbar den männlichen Hormonhaushalt und verbessern auf diesem Wege die Futterverwertung.

An Lisztaffenpaaren haben Snowdon und Ziegler dokumentiert, wie bestimmte Hormonspiegel im weiblichen und im männlichen Körper während der sechs Monate dauernden Tragzeit hoch- und wieder heruntergehen. Bei den Weibchen tat sich erwartungsgemäß eine Menge - schließlich steuern Hormone die vielfältigen

Veränderungen des weiblichen Körpers in der Schwangerschaft.

Aber erstaunlicherweise veränderten sich auch bei den Männchen die Konzentrationen an Androgenen, Östrogenen oder etwa Kortisol. Einige der Verschiebungen ähnelten jenen im Körper der trächtigen Äffinnen, geschahen aber zeitverzögert. Glukokortikoide beispielsweise sind im Weibchen vermehrt in der Mitte der Schwangerschaft nachzuweisen - kurz nach jener Phase, in der die Nebennieren des heranwachsenden Babys mit der Hormonproduktion beginnen. Ein bis zwei Wochen danach schnellt der Glukokortikoidspiegel auch im Körper des Männchens in die Höhe.

Diese Abfolge sei möglicherweise ein geniales Meldesystem der Natur, vermutet Ziegler: »Der Fötus erhöht den Spiegel an Glukokortikoiden und bewirkt, über den Körper der Mutter, Veränderungen im Hormonhaushalt des Vaters, um diesen auf die Geburt vorzubereiten.«

Auf zwei unterschiedlichen Wegen können demnach die Botenstoffe zum Männchen gelangen. Flüchtige Substanzen schweben in die Nase, weniger flüchtige Stoffe können durch direkten Körperkontakt in das sogenannte Vomeronasalorgan geraten. Dieses besteht aus paarigen Schläuchen voller Sinneszellen am unteren Rand der Nasenscheidewand und ist darauf spezialisiert, Pheromone zu erspüren.

Dass diese stille Post das Gehirn des Empfängers merklich verändert, haben die Forscher in Wisconsin mit bildgebenden Verfahren nachweisen können. Sie ließen vier männliche Weißbüschelaffen weibliche Ausdünstungen schnüffeln und sahen unterdessen mit dem Kernspin, wie jene Bezirke des Hypothalamus aufleuchteten, die bei der sexuellen Erregung eine Rolle spielen.

Im kommenden Jahr wollen die Forscher ihre Untersuchungen weiterführen und erstmals per Kernspin ergründen, was sich im Gehirn von Männchen abspielt, die ihre Partnerin schwängern, dann in ihrer unmittelbaren Nähe leben und schließlich Väter werden.

Beispielsweise würde die sexuelle Erregbarkeit durch die Schwangerschaftssignale klammheimlich herunterreguliert, vermutet Psychologe Snowdon und überträgt seine Spekulation auf den Menschen: »Wenn ein alleinstehender Mann von einer begehrenswerten Frau angesprochen wird, dann reagieren seine Hormone viel heftiger als jene eines angehenden Familienvaters, der das Bett mit seiner schwangeren Partnerin teilt.«

In der Tat spricht einiges dafür, dass Hormone nicht nur schwangere Frauen, sondern auch werdende Väter fernsteuern. Zum einen gehört Homo sapiens zu den wenigen »biparentalen« Säugetierarten, die ihre Kinder gemeinsam aufziehen. Zum anderen haben zwei Studien aus Kanada bestätigt, dass nicht nur Affen, sondern auch Männer Hormonschwankungen ausgesetzt sind.

Die Psychologin Anne Storey von der Memorial University in Neufundland hat 34 Paare, die an Geburtsvorbereitungskursen teilnahmen, regelmäßig zu Hause aufgesucht, ihnen Blut abgezapft und darin die Konzentration von drei Schlüsselhormonen ermittelt:

* Das Hormon Prolaktin kurbelt im Körper der Frau die Milchproduktion an und ruft mütterliches Verhalten hervor. Aber auch in den untersuchten Männern war der Stoff ungewöhnlich aktiv: Seine Konzentration im Blut stieg drei Wochen vor dem Geburtstermin um ungefähr 20 Prozent.

* Kortisol ist eher als Stresshormon bekannt, spielt aber auch eine Rolle für die Hinwendung und die Liebe, die eine Mutter ihrem Baby entgegenbringt. Je höher der Hormonspiegel, desto leichter kann sie beispielsweise ihr Kind am bloßen Geruch erkennen. In Storeys Testmännern war der Kortisolspiegel in den letzten drei Wochen der Schwangerschaft doppelt so hoch wie zu Beginn.

* Der Testosteronspiegel der männlichen Probanden fiel nach der Geburt um ein Drittel. Auch dieser Befund passt gut ins Bild. Denn Testosteron flutet den männlichen Körper meist dann, wenn die Zeit zum Balzen und Flirten ist. Seine Konzentration sinkt dagegen, wenn es gilt, den Nachwuchs zu betreuen. Bekannt ist dies aus Experimenten mit Vögeln: Männchen, denen man Testosteron zuführt, verbringen die meiste Zeit damit, ihr Revier zu verteidigen und eine Partnerin zu finden - und vernachlässigen darüber die Pflege ihrer Küken.

Die zweite kanadische Studie hat die Hormonhaushalte werdender Väter und kinderloser Probanden miteinander verglichen. Die angehenden Väter hatten zum einen besonders wenig Testosteron im Speichel; zum anderen schien die Konzentration eines bestimmten Östrogens überdurchschnittlich hoch. Diese stieg einen Monat vor der Geburt und hielt sich für die restlichen zwölf Untersuchungswochen auf dem hohen Niveau. Obwohl Östrogene gemeinhin als weibliche Geschlechtshormone gelten, kommen sie in kleinen Mengen auch im männlichen Körper vor und lösen bemutterndes Verhalten aus.

Die Schwangerschaft des Mannes ist den Forschern zufolge ein Produkt der Evolution, das das Überleben der Kinder sichert - und daneben offenbar auch dem Wohl der Väter selbst dient.

So resümierte der Gesundheitsforscher Edward Bartlett von der George Washington University in Washington D. C. nach Durchsicht etlicher Studien, dass die anderen Umstände des Mannes durchaus nützlich sind. Gewiss, die Ankunft von Kindern könne ein »sehr anstrengendes Ereignis« sein. Aber in dem Maße, in dem der Vater die neue Verantwortung annehme, werde er mit überdurchschnittlich guter Gesundheit belohnt. JÖRG BLECH

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