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MEDIKAMENTE Stimmung aufgehellt

Werden die beliebtesten Schmerztabletten verboten? Die Nierenspezialisten sind dafür. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Der erfahrene Nierenspezialist erkennt seine Pappenheimer meist schon auf den ersten Blick: Sie wirken vorgealtert, ihre Haut ist faltig und von ungesunder, graubrauner Farbe. Viele fühlen sich permanent gestreßt, in Beruf und Familie unter Druck gesetzt. Rauchen scheint ihre letzte Freude.

Vor dem Arztbesuch haben diese Patienten meist schnell noch eine Schmerztablette geschluckt, vorsichtshalber. Sie führen ihr Lieblingspräparat stets bei sich - der Herr Direktor im silbernen Etui, die Hausfrau in der Klarsichtpackung, manche Schneiderin sogar im eigens gefütterten Sondertäschchen der Kostümjacke.

Über Namen, Preise und Packungsgrößen der schmerzlindernden Arzneimittel sind sie voll im Bilde, nur reden sie nicht gern darüber. Wer täglich drei bis zehn Schmerztabletten schluckt - diese Menge gilt als Durchschnittskonsum der Abhängigen -, versorgt sich gewöhnlich aus mehreren Apotheken, so bleibt der Schein jahrelang gewahrt.

Nachschubsorgen gibt es nicht. Die begehrtesten Schmerzmittel sind rezeptfrei, für den Apotheker leicht zur Hand. Der Käufer hat die Auswahl unter Klein- und Großpackungen (mit bis zu 250 Tabletten). Er kann sich zwischen mehreren hundert Markenpräparaten entscheiden - doch gemixt sind sie alle aus den gleichen, schon zu Urgroßvaters Zeiten entdeckten Substanzen. Meist wählt der Kunde ein »Mischpräparat«. Es enthält außer ein oder zwei schmerzlindernden Grundsubstanzen weitere Chemikalien - zum Beispiel Vitamine, Beruhigungsstoffe und vor allem Coffein.

Der Inhaltsstoff des Kaffees gilt, streng wissenschaftlich, als »zentrales« (weil direkt hirnwirksames) »Wiederbelebungsmittel« (Analeptikum). Coffein wirkt erregend auf Hirnrinde, Atemzentrum und die Steuerung der Blutgefäße; es beschleunigt die Herztätigkeit und verbessert Aufmerksamkeit und Konzentrationsvermögen. Mit Coffein im Blut verlaufen »die Gedankenassoziationen rascher und exakter«, so heißt es jedenfalls in den Lehrbüchern der Arzneimittelkunde.

Diese »psychotonischen« Wirkungen des Coffeins sind dabei offenbar nur der Motor des Schmerzmittelmißbrauchs - sie verleiten zum ständig neuen Griff zur Tablette, deren andere Wirkstoffkomponenten dann die Nieren zerstören. »Die Patienten wollen die Coffeinwirkung«, erläutert der Berliner Nephrologe Martin Molzahn, die Schmerzmitteleinnahme ziele vor allem »auf die Erlangung der Psychotropen, meist stimmungsaufhellenden Wirkung der Tabletten«, die pro Stück soviel Coffein enthalten wie eine halbe Tasse starker Kaffee. Professor Molzahn: »Mit der Zeit tritt die Schmerzbeseitigung als Ziel der Tabletteneinnahme häufig völlig zurück.«

Molzahn leitet die Abteilung für Nephrologie des Berliner Humboldt-Krankenhauses. Bei ihm geben sich die graugesichtigen Nieren-Patienten die Klinke in die Hand. Manchen kann durch regelmäßige Blutwäsche (Dialyse) mittels einer »künstlichen Niere« geholfen werden; andere bekommen die Spenderniere eines Toten transplantiert.

Jahr für Jahr nimmt, nicht nur in Molzahns Klinik, die Zahl der Patienten mit Nierenversagen zu. Mindestens 15 Prozent der »Dialysepflichtigen« haben ihre Nieren durch Schmerztabletten ruiniert. Bundesweit leiden rund 3000 Kranke an Analgetika-Nephropathie, einer Schädigung der Niere durch Schmerzmittel. Die Einschränkung der Nierenfunktion, schließlich ihr völliges Versagen, würde - ohne künstliche Dialyse - zu einer permanenten und letztlich tödlichen Harnvergiftung führen.

In einer Studie an 517 Patienten mit Nierenversagen durch Schmerzmittelmißbrauch (und einer gleich starken Kontrollgruppe) hat Molzahns Klinik im Verein mit dem Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin herausgefunden, welche Faktoren das Risiko beeinflussen: *___Nach fünf Jahren und einer »Schwellendosis« von 2000 ____Schmerztabletten beginnt die Gefahr. *___Wer die meist coffeinhaltigen Mischanalgetika bevorzugt ____- das sind 81 Prozent der Kranken -, ist häufiger ____betroffen. *___Für das Ausmaß der Nierenschädigung ist offenbar die ____Zusammensetzung der Kombinationsanalgetika von minderer ____Bedeutung: Entscheidend sind vor allem Dosis und ____Zeitraum des Schmerzmittelkonsums.

Anfang letzten Jahres hat auch das Bundesgesundheitsamt, gedrängt von den Nephrologen, eine »Risikoermittlung« eingeleitet. Geklärt werden soll, ob der Wirkstoff Coffein in den Mischanalgetika den »Mißbrauch initiiert oder aufrechterhält«. Molzahn und andere Sachkenner sind zum Problem schon angehört worden. Auch die Pharmaindustrie wurde vorgeladen. Den Schmerzmittelproduzenten

paßt die neuerliche Diskussion überhaupt nicht. Das Berliner Amt, sonst oft lahm und zahnlos, hat in den letzten Jahren schon einigen hundert rezeptfreien oder rezeptpflichtigen Schmerzmitteln den Garaus gemacht: Vom Markt verschwanden alle Tabletten, die Aminophenazon ("Pyramidon") oder Phenazetin als Grundsubstanz und Nebennierenrindenhormone (Corticoide) oder barbiturathaltige Schlafmittel als chemische Accessoires enthielten. Am Pro-Kopf-Verbrauch hat sich jedoch nichts Nennenswertes geändert: Deutsche, Belgier und Schweizer führen noch immer beim Analgetikakonsum.

95 Prozent aller Schmerztabletten, so hat Molzahn errechnet, »werden außerhalb des klinischen Bereichs verbraucht«. 80 Prozent dieser Medikamente sind nicht verschreibungspflichtig und »damit der ärztlichen Kontrolle entzogen«. Bei fünf Prozent der Erwachsenen wird ein gefährlich hoher Analgetikaverbrauch vermutet; Frauen sind häufiger unter den Kunden zu finden, vor allem solche, die in der Industrie oder an Bildschirmen arbeiten.

Das Geschäft mit den Analgetika und Antirheumatika summiert sich zu einem jährlichen Umsatz von weit über einer Milliarde Mark. Der unmittelbare Schaden ist etwa halb so groß: Pro Jahr muß die gesetzliche Krankenversicherung für Mitglieder mit schmerzmittelverursachtem Nierenversagen rund 500 Millionen Mark überweisen - allein die Blutwäsche an einer künstlichen Niere kostet im Jahr etwa 100 000 Mark.

Molzahn und seine Mitstreiter in der »Arbeitsgemeinschaft Klinische Nephrologie«, der fast alle namhaften Experten angehören, wollen deshalb die coffeinhaltigen Mischpräparate ersatzlos verbieten, ebenso wie die »Laienwerbung für Schmerzmittel«. Rezeptfrei zu kaufen soll es nur noch »Einstoff-Präparate« geben - etwa »Aspirin« -, jedoch maximal 20 Tabletten auf einmal.

Die Entscheidung des Berliner Bundesgesundheitsamtes soll möglicherweise im Sommer dieses Jahres ergehen. Mit Rücksicht auf Norbert Blüms gefährdete Gesundheitsreform, auf das von der Pharmaindustrie geforderte Solidaritätsopfer in Höhe von 1,7 Milliarden Mark und auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein spekuliert die zuständige Ministerin Rita Süssmuth auf Zeitgewinn; sie ist bemüht, vorerst keine Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen.

So bleibt für die gewinnträchtigen Arzneien - die Marktführer heißen Thomapyrin, Vivimed, Neuralgin N, Quadronal, Sinpro und Prontopyrin - erstmal eine Schonzeit.

»Ihr Coffeinanteil trägt wirklich nicht zur analgetischen Wirkung bei«, urteilt auch Pharma-Kritiker Ulrich Moebius, Herausgeber des unabhängigen »Arzneitelegramm«. Moebius: »Coffein fördert nur die Gewohnheitsbildung.«

Wer das Psychotonikum Coffein trotzdem nicht missen will, der sollte die Schonzeit nutzen und sich auf Kaffee, Tee oder - wenn es denn unbedingt eine Pille sein muß - auf Coffein-Tabletten umzustellen. Es gibt sie in jeder Apotheke, preiswert und rezeptfrei.

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