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TIERE Stunde der Erpel

Die Stockente, meistverbreitete aller Enten, reagiert auf den Sozial- Streß des Stadtlebens mit Verhaltensstörungen: Die Erpel kopulieren hemmungslos.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Flaches, weites Gewässer, strotzend vor Schneckenzeug, Krabbentierchen und Kleinstlebewesen, lauter kulinarischen Köstlichkeiten, wie gerade Entenvögel sie schätzen. Dazwischen, wie hingetupft, kleine Buschinseln, Camouflage für die aus Brettern genagelten Schützenstände der Entenjäger. So sieht es aus in den Polder genannten Randzonen des holländischen Ijsselmeeres, von jeher ein Dorado für Entenjäger.

Aber wo sind die Enten geblieben? Jagdgäste klagen über von Jahr zu Jahr geringere Jagderfolge. Manche schossen in der nun auslaufenden Jagdsaison tagelang überhaupt nichts. »Die Enten«, deutete der holländische Jagdgast-Betreuer Lambert Lammers aus Kampen am Ijsselmeer, »bleiben lieber auf den Grachten von Amsterdam und den Teichen von Apeldoorn, wo sie von Omas und Rentnern gemästet werden.«

Ob auf der Alster in Hamburg, der Rheinaue zu Bonn, dem Maschsee in Hannover oder in Elmshorn an der Krückau - die Stockenten zieht es mächtig in die Stadt. Mahlzeiten aus Plastikbeuteln voller Brotknüste scheinen ihnen eine brauchbare Alternative zu Jägerschrot oder den Krallen der Beutegreifer in der freien Natur zu sein.

Wildbiologen und Vogelkundler jedoch sehen ernste Gefahren durch die veränderte Lebensweise der watschelnden Breitschnäbel. »Die Stockenten geraten hier in eine ,ethologische Falle'«, befand beispielsweise der Bonner Biologie-Professor Eberhard Schmidt in seinem Forschungsbericht »Stockenten auf Stadtteichen«, den »Tier und Museum«, Mitteilungsblatt des Bonner Museums Alexander Koenig, letzten Monat veröffentlichte. »Bei den Stockenten mit ihrem subtilen Revierverhalten«, so Schmidt, breche im Gedränge der an städtischen Gewässern versammelten Vögel »das natürliche Fortpflanzungsverhalten zusammen«.

Zunächst verläuft das arteigene Zeremoniell der Paarfindung unter Stockenten wie in der Natur auch. Die männlichen Vögel gruppieren sich nahe den kokettierenden Enten zu ihren »Erpel-Turnieren«, einer putzigen Imponier- und Brautschau, die auch der Verteilung auf die Brutplätze dient.

Im Frühjahr, zur »Reihzeit«, werden Saisonehen geschlossen. In kühnen Verfolgungsflügen suchen hartnäckige Junggesellen die Ente doch noch anderen Sinnes zu machen. Dabei kann, einzigartig in der Vogelwelt, auch unter ländlichen Lebensbedingungen schon mal passieren, daß ein Außenseiter eine verehelichte Ente zum Fremdgehen nötigt.

Am Stadtgewässer jedoch, so als verderbe das städtische Leben alle guten Sitten, tun sich gleichsam Abgründe der Verworfenheit auf bei den Erpeln (deren vier »Locken« am weißgesäumten Bürzel unter Flugwildjägern als begehrter Hutschmuck gelten). Unter allem einheimischen männlichen Federgetier haben Entenvögel (Enten, Gänse, Säger und Schwäne) als einzige für die Übertragung des Samens einen Penis, von dem die verstädterten Stock-Erpel wüst Gebrauch machen (alle anderen Vogelarten pressen bei der Begattung ihre Ausscheidungsorgane, »Kloaken« genannt, zusammen).

Vollgefressen aus Rentnerbeuteln, spitz bis in die letzte Feder, ziehen die Erpel von einer Notzucht zur anderen. Dabei sehen sich die erschrockenen Enten mitunter dem Zugriff von sechs, sieben oder mehr Erpeln ausgesetzt. Stockenten kopulieren von Haus aus im Wasser, so daß im Stadtteich schon manche Ente unter einem Haufen flatternder Liebhaber ertrank.

Die verstädterten Erpel respektieren offenkundig kein einziges Ritual mehr: Sie treiben es genauso an Land, ja, sie vergehen sich - undenkbar in freier Wildbahn - gnadenlos sogar an brütenden oder Küken führenden Enten. »Wir haben die Gelege durch Drahtgitter zu sichern versucht, die verrückten Erpel sogar mit der Zaunlatte abgewehrt«, berichtete ein Krückau-Anrainer aus Elmshorn, »aber es half nichts.«

»Brütende Enten trauen sich in den Brutpausen oft gar nicht an das Wasser«, berichtete Verhaltensforscher Schmidt. »Von den vielen Vergewaltigungen« sei bei Enten die Region am Nacken, wo die kopulierenden Männchen hinbeißen, »verkahlt«.

Als Ursache der chaotischen Zustände unter städtischen Stockenten ermittelten die Sachverständigen überfüllte Lebensräume. Zu wenig Abstand und Sichtschutz zum Nachbarn erweisen sich für das Brutgeschäft als hinderlich. Entscheidend ist dabei, daß dem gestreßten Erpel, der das Brutgebiet zu bewachen hat, hemmende Mechanismen abhanden kommen, die normalerweise den Zugriff auf fremde Enten unterbinden.

Andererseits können sich Enten in freier Wildbahn vor zudringlichen fremden Erpeln durch die Flucht in dichte Schilfwälder oder Ufergestrüpp retten. Die Stadtgewässer haben dagegen kaum Schutz zu bieten, so daß hier »der Bruterfolg der Stockenten«, wie Schmidt befand, »erheblich beeinträchtigt« wird.

Trotz aller Übel bleiben die meisten Stockenten auch zur Brutzeit in der Stadt. »Die Anlockung durch die Fütterungen und das Stadtparkmilieu«, folgerte Forscher Schmidt, »ist offenbar stärker als die Sicherung des Fortpflanzungserfolges.« #

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