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Drogen Tagesdosis zum Überleben

Unter ärztlicher Aufsicht erhalten Schwerstabhängige in einem Schweizer Modellversuch ihr tägliches Quantum Heroin. Das Experiment verläuft erfolgreich. Auch in Deutschland fordert eine liberale Front von Politikern, Ökonomen, Staatsanwälten und Ärzten ein Umdenken in der Drogenpolitik: Heroin auf Rezept - nach dem Vorbild der Schweiz?
aus DER SPIEGEL 48/1996

Sandro aus Zürich, 26, seit acht Jahren an der Nadel, denkt wieder optimistischer an seine Zukunft. Er »will noch etwas anderes sehen«. Auch Ruth in Bern, 37, von der Sucht fast ruiniert, hofft, »wieder einmal ein normales Leben zu führen«.

Seit bald zwei Jahren erhalten beide ihren Stoff von Amts wegen. Sie gehören zu den 913 von insgesamt 30 000 Rauschgiftsüchtigen in der Schweiz, die in einem wissenschaftlichen Versuch Alternativen zur herkömmlichen Drogenpolitik ausprobieren. Nach einem halbherzigen Experiment in Schweden und einem inzwischen abgebrochenen Projekt in Großbritannien (Liverpooler Modell) ist dies der erste großangelegte Heroin-Versuch.

Er könnte als Vorbild für die Bundesrepublik dienen. Denn auch unter deutschen Experten wird - nachdem die konventionelle Drogenpolitik gescheitert ist - die kontrollierte Heroin-Abgabe auf Rezept erwogen. Hamburg hat über den Bundesrat eine entsprechende Gesetzesinitiative eingebracht, die in den Ausschüssen festhängt. Die Stadt Frankfurt klagt auf Genehmigung eines Modellversuchs.

800 Probanden, darunter auch Insassen einer Strafanstalt, erhalten bei dem Schweizer Experiment ihre tägliche Dosis Heroin, die übrigen 113 bekommen Morphin oder Methadon zum Spritzen. Zum Versuch wurden nur Süchtige zugelassen, die eine lange Drogenkarriere mit mehreren erfolglosen Entzugsversuchen hinter sich haben. Sie müssen bereit sein, ihren Stoff (Preis einer Tagesdosis: 15 Mark) in einer der 16 eigens für das Experiment eingerichteten Abgabe- und Behandlungsstellen unter Aufsicht zu konsumieren.

Besonders wichtig ist dabei die individuelle Betreuung der Teilnehmenden. Denn wie andere Krankheiten verlaufen auch Suchtkarrieren individuell. Die Dosis legen die Probanden selber fest. Sandro braucht noch 480 Milligramm reines Heroin pro Tag, etwas weniger als Ruth, die sich sehr um eine Verkleinerung ihrer Dosis bemüht: »Der Körper käme mit weniger aus, aber die Gier ist zu groß.« Im Durchschnitt benötigen die Junkies pro Tag 450 Milligramm reines Heroin - knapp die Hälfte des auf der Straße verkauften Stoffes, der gewöhnlich mit allerlei Zusätzen gestreckt ist.

Nicht Abstinenz, sondern die Stabilisierung der gesamten Lebenssituation ist das Ziel. Erst wenn der Beschaffungsstreß wegfällt, erst wenn die Süchtigen körperlich und psychisch wiederhergestellt sind, können sie versuchen, vom Gift loszukommen.

Ruth, die vor ihrem endgültigen Absturz eine große Buchhandlung leitete, ist sicher, »irgendwann den Ausstieg zu schaffen«. Und Sandro, der die Schule vorzeitig verließ und wegen seiner Sucht die Lehre schmiß, empfindet das Leben mit dem Heroin sogar schon als »lästig«.

Ob er seine Bürde los wird, hängt nicht nur von ihm selbst ab. Am kommenden Wochenende entscheiden die Bürger in Zürich und Winterthur darüber, ob sie den Verschreibungsversuch, der einstweilen nur bis Ende dieses Jahres bewilligt ist, bis 1998 verlängern wollen.

Durchgesetzt wurden die beiden Volksabstimmungen von der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Als weltfremd und gefährlich empfindet der Zürcher Kripochef Marcel Bebié den Widerstand von rechts gegen die kontrollierte Liberalisierung. Auch wenn sie »kein Patentrezept« darstellen, seien die Versuche, so Bebié, doch »sinnvoll und notwendig«.

Die Zürcher Rauschgiftszene besteht auch nach der Auflösung des berüchtigten Drogenplatzes auf dem ungenützten Bahnhof Letten Anfang letzten Jahres weiter. Die Dealer betätigen sich nun teils in den Vororten, teils in den Stadtkreisen 4 und 5. Die Lage dort nennt der Kripochef »überaus labil«. Das Ende der Versuche könnte sie zum Kippen bringen: Mehr Polizeieinsätze und mehr Beschaffungskriminalität wären die Folge.

Dabei gehen schon jetzt drei Viertel der halben Milliarde Franken, die die Schweizer jedes Jahr im Rauschgiftkrieg verpulvern, für Polizei, Justiz und Strafvollzug drauf. Für Prävention, Therapie und Überlebenshilfe stehen nur 125 Millionen zur Verfügung. Für Christof Müller, der an der Hochschule St. Gallen Wirtschaftskriminalistik lehrt, ist die bisher gängige repressive Drogenpolitik reine Geldvergeudung. »Wir können niemals so viele Mittel einsetzen, um das Drogengeschäft in die Verlustzone zu bringen«, rechnet er vor. »Da die Rohstoffe sehr billig und die Mengen extrem hoch sind, erreichen die Drogenkartelle schon bei 70prozentigem Produktionsabsatz den Break-even-Punkt.« Weil aber nur rund 10 Prozent des Stoffes beschlagnahmt werden, wird die Untergrenze nie erreicht.

Die kontrollierte Drogenverschreibung erleichtert nicht nur das Leben der Süchtigen und verringert die Beschaffungskriminalität, sie könnte sich dereinst, statt der gescheiterten Verbotspolitik, auch als das Mittel der Wahl im Kampf gegen den Rauschgifthandel insgesamt erweisen.

Einstweilen steht für die Neuorientierung der Schweizer Drogenpolitik ein Mittelweg zur Diskussion: Die Experten der Regierung möchten polizeiliche Mittel auf den Kampf gegen den Rauschgifthandel konzentrieren, gleichzeitig aber den Konsum tolerieren, Prävention und Therapieangebote fördern und Schwersüchtige unter ärztlicher Kontrolle mit Stoff versorgen. Denn »der Traum von einer Welt ohne Rauschgift«, so die zuständige Innenministerin Ruth Dreifuss, »ist Nonsens«.

Das Ergebnis der laufenden Experimente ist auch für die Fortführung dieser pragmatischen Politik entscheidend. Daß sich das Befinden der Teilnehmer der Studie rasch verbesserte und die Zahl der Einbrüche und Raubüberfälle zurückging, ist der positive Teil der Zwischenbilanz (siehe Interview Seite 240). Mindestens ebenso wichtig aber erscheinen die Probleme, die der Versuch sichtbar macht.

So mußte die Anwendung intravenös gespritzten Morphins und Methadons wegen Hautreizungen zum Teil abgebrochen werden. Und die gelegentlich ausgegebenen Heroin-Zigaretten mit Waldmeisterfüllung (um den giftigen Tabak zu vermeiden) stellten sich als praktisch ungenießbar heraus.

Ungelöst ist auch das Problem, daß sich rund ein Drittel der Probanden nicht mit dem angebotenen Heroin begnügen, sondern zusätzlich illegal beschafftes Kokain konsumieren. Da ein Teil der Junkies die Teilnahme am Versuch verweigerte, weil nicht gleichzeitig auch Koks angeboten wird, ist derzeit ein Kleinversuch mit dieser Droge in der Diskussion.

Noch zu untersuchen sind auch neue Applikationsformen, darunter Heroin-Pillen oder ein Spray von der Art, wie er bei der Asthma-Behandlung üblich ist.

21 von den mehr als 900 Süchtigen, die in den letzten zweieinhalb Jahren am Versuch teilnahmen, sind bis Ende Juni 1996 gestorben, 9 davon an Aids, 2 weitere an anderen Infektionskrankheiten, 3 durch Suizid. Die Sterbeziffer liegt weit unter dem Wert, der statistisch bei Süchtigen zu erwarten wäre; Zwischenfälle mit dem verabreichten Stoff gab es nicht.

»Das Verschreibungsprogramm hat Dutzenden von Menschen das Leben gerettet«, resümiert Hans Ulrich Aebersold, der Sprecher des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit. »Wer jetzt versucht, den Abbruch der Drogenverschreibung durchzusetzen, gefährdet Menschenleben.«

Das ist wohl nicht übertrieben, wie das Beispiel der bei Liverpool gelegenen Industriestädte Warrington und Widnes zeigt. Dort verschrieb der Psychiater John Marks 15 Jahre lang Schwersüchtigen ihre tägliche Dosis Rauschgift. Bei der Reorganisation des psychiatrischen Gesundheitsdienstes wurde der weltweit beachtete Versuch im Mai letzten Jahres beendet - seither herrscht dort wieder das alte Elend.

Psychiater Marks wurde entlassen. Inzwischen sind 24 seiner Patienten an einer Überdosis, an Krankheiten oder verdrecktem Stoff gestorben. »Wir sind ins amerikanische System zurückgefallen«, sagte Marks letzte Woche der Basler Zeitung. »Die Prohibition ist eine Katastrophe.« Patienten, die mit vom Arzt verschriebenem Heroin jahrelang ein normales, unauffälliges Leben führen konnten, vegetieren nun wieder auf der Straße. Sie gehen auf den Strich, dealen und stehlen, um ihre Sucht zu finanzieren.

In Zürich und Winterthur entscheiden nicht Bürokraten über Abbruch oder Weiterführung der Heroin-Verschreibung - zum Glück für Sandro und über 200 andere Süchtige, die dort Stoff vom Staat erhalten. Sie hoffen jetzt auf die Einsicht ihrer Mitbürger.

* In Zürich.

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