Zehn Jahre Fukushima »Für immer gebrandmarkt«

2011 zerstört ein Tsunami das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. 160.000 Menschen müssen fliehen. Die Regierung spielt die Katastrophe herunter. Der damalige SPIEGEL-Korrespondent Wieland Wagner erinnert sich.
Ein Video von Rachelle Pouplier, Wieland Wagner und Jonathan Miske (Animation)
DER SPIEGEL

Freitag, 11. März 2011: In der Region Fukushima im Nordosten Japans löst ein Erdbeben einen gewaltigen Tsunami aus. 14 Meter hohe Wellen zerstören Dörfer und Städte – sowie das nahegelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Große Mengen an radioaktivem Material werden freigesetzt und kontaminieren Böden, Luft und Gewässer.

Der damalige SPIEGEL-Korrespondent Wieland Wagner hat viele Jahre in Tokio gelebt und gearbeitet. Am Wochenende nach der Katastrophe reist er für die Berichterstattung aus Peking an.

Wieland Wagner, DER SPIEGEL:

Ich glaube, das ist der düsterste Sonntag, den ich jemals in Japan und in Tokio erlebt habe. Tokio ist ja eine sehr lebendige, bunte Stadt, gerade an Sonntagen. Überall funkelt und glitzert die Neon-Reklame. Aber an dem Tag war alles dunkel, eben wegen Stromausfällen. Und es gab auch Nachbeben am laufenden Band. Auch in den darauffolgenden Wochen noch, sodass die Atmosphäre eben ganz anders war. Und trotzdem war eben eine gewisse Unsicherheit zu spüren, weil keine klaren Informationen gegeben wurden von der Regierung. // Nun war aber vor allen Dingen auch aus dem Ausland klar, dass die atomare Wolke sich möglicherweise auch auf Tokio zubewegen könne, sodass die Redaktion mich anwies, Tokio so schnell wie möglich zu verlassen.

Wagner fährt von Tokio Richtung Südwesten. Die richtige Entscheidung. Denn in der japanischen Hauptstadt, die rund 250 Kilometer südlich des zerstörten Atomkraftwerks liegt, werden in den kommenden Wochen radioaktive Niederschläge gemessen. Die Regierung verordnet zu diesem Zeitpunkt lediglich einen Evakuierungsradius von 20 Kilometern rund um das AKW an. Organisationen wie Greenpeace fordern mindestens 40 Kilometer.

Aus der Region Fukushima müssen zeitweise über 160.000 Menschen fliehen und ihre Häuser zurücklassen.

Wieland Wagner, DER SPIEGEL:

Ich habe das erste Mal Flüchtlinge aus dem Dorf Futaba direkt beim Kernkraftwerk, am Stadtrand hab ich die dann von Tokio getroffen. Und das waren eben Menschen, die damals noch nicht realisiert hatten, dass sie eigentlich alles verloren hatten. Und diese Erkenntnis setzte sich dann so allmählich durch und ich habe dann sehr oft über die Jahre diese Menschen getroffen. Und eben was mich am meisten bedrückt hat, war eben die Tatsache, dass ganze Familien zerrissen wurden.

Frauen und Kinder fliehen möglichst weit weg, während die Männer meist in die kontaminierte Region zurückkehren, um sich ums Haus zu kümmern. Etliche Landwirte in der Region verlieren ihre Höfe. Dorfgemeinden werden auseinandergerissen. Der Verlust der Heimat ist für viele Menschen seelisch kaum zu verkraften.

Wieland Wagner, DER SPIEGEL:

Es hat viele Selbstmorde gegeben. Ich erinnere mich da an eine Bäuerin in der Präfektur Fukushima, die sich mit Benzin übergossen hat. In ihrem eigenen geliebten Blumengarten und Gemüsegarten. Man muss dazu wissen, dass Fukushima eigentlich eine sehr idyllische, schöne Landschaft ist. Ich habe da auch mit meiner eigenen Familie oft Urlaub gemacht, gerade im Sommer am Pazifik. Es ist wunderbar. Wunderbare Strände und Reisfelder und so weiter. Und diese ganze Gegend ist eigentlich für immer gebrandmarkt durch die Katastrophe.

Freiwillig sind bis heute fast ausschließlich alte Menschen zurückgekehrt. Das Dorf Iitate, etwa 40 Kilometer nordwestlich des Atomkraftwerks, wurde 2018 zum Versuchslabor der Politik.

Wieland Wagner, DER SPIEGEL:

Dort gibt es eine Schule, die wurde zwischenzeitlich evakuiert. Die Kinder und die Lehrer mussten als erste wieder zurückkehren. Weil die Regierung am Beispiel dieser Schule demonstrieren wollte, dass das Leben auch nach einer Atomkatastrophe normal weitergeht. Und dann wurden Lehrer und Schüler dann eben in Schulbussen jeden Tag aus der sicheren Großstadt extra in dieses ehemals verseuchte Dorf Iitate gebracht. Man hatte dann zwar den Schulhof dekontaminiert und auch viele andere Gebiete da in dem Ort, aber auf den Bergen ist die atomare Strahlung, die radioaktive Strahlung nach wie vor ziemlich hoch.

Die Politik wünscht sich eine schnelle Rückkehr zum Alltag. Die Spuren der Katastrophe sollten möglichst schnell verschwinden. Bereits 2012 beginnt eine flächendeckende Dekontaminierung des verseuchten Landes.

Wieland Wagner, DER SPIEGEL:

Da wurden dann in einem gewissen Umkreis der Häuser wurde der Boden abgetragen und die Häuser selbst abgespritzt mit Druckstrahler mit Wasser und das Wasser lief dann irgendwo nächsten Fluss oder nächsten Bach. Und dieses Erdreich und das Gestrüpp hat man dann in schwarze Säcke verpackt. Und das sieht man jetzt überall. In der ganzen Gegend sind also ganze Täler sozusagen in Mülldeponien verwandelt worden und überall lagern dann auch auf den Terrassen Feldern diese schwarzen Säcke.

Auch 10 Jahre nach dem verheerenden Tsunami stapeln sich Müllsäcke in der Präfektur Fukushima. Japans Regierung will die abgetragene, verseuchte Erde langfristig im Land wiederverwerten, sie zum Beispiel beim Straßenbau unterasphaltieren. Doch die meisten japanischen Gemeinden lehnen das ab.

Laut Umfragen ist die Mehrheit der japanischen Bevölkerung zwar mittlerweile gegen den Neubau von Reaktoren. Doch die Anti-Atomkraftbewegung Japans ist eine extrem kleine Protestbewegung – und das trotz der nuklearen Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Wieland Wagner, DER SPIEGEL:

Man dachte, dass Japan eigentlich jetzt aus dieser Krise lernen müsste. //Aber es hat sich eben gezeigt, dass dieses sogenannte »atomare Dorf«, wie es in Japan genannt wird, dieser Klüngel, diese Atomlobby aus Atombetreibern, Bürokraten, Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten. Das ist ein riesengroßer Interessensklüngel, dass der so stark und mächtig ist, dass er eben auch eine Diskussion über die Zukunft der Energiepolitik in Japan verhindert hat.

10 Jahre nach dem Reaktorunglück ist auch die Zukunft der Atomruine ungewiss. Pläne, das radioaktiv verseuchte Wasser im Reaktor zu Filtern und im Pazifik zu entsorgen, stoßen bislang auf Widerstand vom Nachbarland Südkorea. Und die Angst vor weiteren Unglücken bleibt – in diesem erdbebengeplagten Land bestehen.

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