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24. Juni 2013, 12:08 Uhr

Abwehrsystem für USA und Europa

Pentagon-Sparpläne reißen Loch in Raketenschutzschirm

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Die Raketenabwehr der Nato soll die USA und Europa vor ballistischen Raketen schützen - doch die Sparpläne des Pentagon machen den Schirm löchrig. Experten halten das System nun sogar für weitgehend wirkungslos.

Nordkoreanische Soldaten marschieren im Stechschritt, in Iran steht eine schussbereite Rakete, eine syrische Stadt liegt in Trümmern. Aus dem Off spricht eine sonore Stimme: "Die Bedrohung durch ballistische Raketen wächst. Bis 2018 könnte ganz Europa bedroht sein."

Aber da das Video vom US-Rüstungskonzern Raytheon stammt, geht alles gut aus. Eine Radaranlage an Land erfasst die Rakete und gibt die Zieldaten an Aegis-Schiffe der Nato weiter. Eine deutsche Fregatte startet eine SM-3-Abwehrrakete - und die Bedrohung ist Geschichte. "Raytheons bewährte Systeme zur Abwehr ballistischer Raketen bieten weltweiten Schutz", sagt die Stimme aus dem Off. "Sie sind echt, erprobt und schon heute im Einsatz." Die USA und ihre Verbündeten seien sicher.

Das Problem mit dem Video, das diese Woche zur Luftfahrtshow in Le Bourget veröffentlicht wurde: Es verspricht bei weitem zu viel.

Der Grund ist der Pentagon-Etat für 2014, der kürzlich veröffentlicht wurde: Die Finanzierung für ein Satellitensystem, das anfliegende ballistische Raketen während ihres Flugs durch den Weltraum verfolgen sollte und damit von zentraler Bedeutung war, ist gestrichen. Für dieses Jahr waren noch 242 Millionen Dollar für die Entwicklung vorgesehen, für 2014 waren 268 Millionen Dollar angefragt - doch die fehlen im neuen Etat. Die USA und insbesondere die Europäer stünden nach Meinung von Experten weitgehend schutzlos da, sollte die US-Regierung ihre Sparpläne umsetzen.

Nach dem Start befindet sich eine ballistische Rakete in der sogenannten Boost-Phase, in der die Triebwerke etwa drei Minuten lang brennen und die Rakete ins All bringen. Danach fliegt das Geschoss in einer Höhe von 150 bis 400 Kilometern minutenlang ballistisch - also ohne Antrieb - durch den Weltraum. Am Ende dieser Freiflug- oder Midcourse-Phase, dem längsten Abschnitt des gesamten Fluges, tritt der Sprengkopf in die Atmosphäre ein und rast in der Endphase auf sein Ziel zu.

In der Boost-Phase erfassen zunächst geostationäre Satelliten mit ihren Infrarotsensoren die gewaltige Hitzeentwicklung des Antriebs. Allerdings schweben diese Satelliten mehr als 30.000 Kilometer hoch über der Erde, eine Berechnung des Kurses der Rakete ist deshalb nur grob möglich. Während der Freiflug- oder Midcourse-Phase sollten die niedrig fliegenden Satelliten des jetzt gestrichenen, sogenannten Precision Tracking Space System (PTSS) mit ihren Infrarotsensoren das Geschoss im Auge behalten.

Dadurch wäre ein Abschuss schon im All möglich. Eine Abfangrakete würde ein sogenanntes Kill Vehicle aussetzen, das sich dem Atomsprengkopf in den Weg stellt. Da er mit rund 25.000 km/h durch den Weltraum fliegt, würde der Aufprall ihn pulverisieren. Allerdings muss das "Kill Vehicle" dafür auf den Meter genau positioniert werden - eine enorme technische Herausforderung. Verliert man die Rakete während der Freiflugphase aus den Augen, halten Experten einen Abschuss für kaum noch möglich.

"Ehe man sich versieht, ist alles vorbei"

Die grobe Kursberechnung durch die geostationären Satelliten in der Boost-Phase "wird kaum reichen, um dem Suchradar und den Abwehrraketen im Zielgebiet genaue Koordinaten zu geben", sagt der Münchner Raketenexperte Robert Schmucker. Damit werde auch ein Last-Minute-Abschuss des Sprengkopfs schwierig: Tritt er in die Endphase seines Anflugs ein, muss das Abwehrradar ihn erst wieder finden. "Das alles braucht Zeit, die im Ernstfall kaum zur Verfügung stehen dürfte", sagt Schmucker. Von Iran aus bräuchte eine ballistische Rakete insgesamt nur 15 bis 20 Minuten, ehe sie Westeuropa treffe. "Ehe man sich versieht, ist alles vorbei."

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Oberstufe einer Atomrakete ist keinesfalls steuerlos. Sogenannte Vernier-Triebwerke können den Kurs kurz vor und während der Freiflugphase im All noch beträchtlich beeinflussen. Das kann den Einschlagsort des Projektils dramatisch verschieben, heißt es in einer internen Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt - im Extremfall um fast 700 Kilometer.

Dass Staaten wie Iran und Nordkorea über die Vernier-Technologie verfügen, gilt als sicher. "Ballistische Raketen mit Vernier-Triebwerken gibt es bereits seit den sechziger Jahren", sagt ein Insider. Diverse Fotos belegten, dass etwa die iranische Satelliten-Trägerrakete "Safir" exakt die gleichen Vernierdüsen besitzt wie das alte sowjetischen R27-Aggregat, das von 1968 bis 1988 im Einsatz war. Der Wegfall der Zielverfolgung in der Midcourse-Phase ist deshalb nach Ansicht des Industriefachmanns "ein Riesenproblem für Europa und die USA". Ohne die PTSS-Satelliten "ist die gesamte Raketenabwehr unwirksam".

"Wettrüsten war auch nicht logisch"

Zu einer ähnlichen Einschätzung kam 2001 auch das Pentagon. "Die Bedeutung einer verlässlichen Midcourse-Ortung kann nicht genug betont werden", heißt es in einer Studie. Die Ortung anfliegender Raketen allein durch geostationäre Satelliten und Radaranlagen reiche nicht aus - erst recht nicht mit den bestehenden Systemen.

Zwar haben Kritiker in den vergangenen Jahren immer wieder betont, dass man sich die ganze Raketenabwehr sparen könnte: Sie werde prinzipiell nie hundertprozentige Sicherheit bieten, und außerdem wären weder Iran noch Nordkorea verrückt genug, den Westen offen mit Atomraketen anzugreifen.

Andere Fachleute aber wenden ein, dass eine derartige Argumentation in die Irre führen könnte. "Das Wettrüsten im Kalten Krieg war auch nicht logisch", meint Schmucker. Die Raketenabwehr sei als Kommunikation mit technischen Mitteln zu verstehen - ähnlich wie im Kalten Krieg. Ein funktionierendes Raketenabwehrsystem könnte aufstrebende Staaten im Idealfall vom Bau der Atomwaffen abbringen, die dann keinerlei Drohpotential mehr versprächen.

Ein Mitarbeiter des deutschen Satellitenherstellers OHB System wollte sich zunächst nicht zu den Details der Nato-Raketenabwehr äußern. Doch auch er glaubt, dass die Fähigkeiten Irans oder Nordkoreas derzeit noch sehr begrenzt seien. Wenn diese Länder allerdings ein ernsthaftes Testprogramm verfolgten - wovon viele Fachleute ausgehen -, wäre in den kommenden Jahren mit Fortschritten zu rechnen.

"Dann würden sich diese Länder natürlich auch mit einer westlichen Raketenabwehr beschäftigen", sagt der OHB-Mann. "Und sie werden ihre Systeme garantiert nicht passend für unsere Abwehr-Architektur designen, sondern die Lücken suchen." Eine solche könnte das Fehlen des PTSS-Systems sein - zumal die Vernier-Triebwerke bereits heute in Iran und in Nordkorea vorhanden sind. "Die Sollbruchstelle des Abwehrsystems liegt in Europa."

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