Abwrackprämie für Heizungen AKKs Keller-Kommando

Deutschland verpasst seine Klimaziele - vor allem die Wärmeerzeugung für Gebäude ist ein Problem. Die Union will nun ein Programm für den schnellen Austausch alter Ölheizungen. Was bringt das?

Paul Zinken/ DPA

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Der Kronzeuge hatte einen Blick, wie er nur wenigen vergönnt ist: Als CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und Unionsfraktionsvize Andreas Jung am Wochenende in der "Welt am Sonntag" ihre Vision für mehr Klimaschutz präsentierten, begannen sie ihren Text mit einem Verweis auf Alexander Gerst. Der deutsche Astronaut hatte während seines Aufenthalts im All eine Botschaft an seine ungeborenen Enkel im "zerbrechlichen Raumschiff Erde" aufgezeichnet. Er hoffe, so Gerst in dem Video, dass wir, also die Menschheit in Umweltfragen, "noch die Kurve kriegen".

Welche Ideen man für diesen Rettungseinsatz nun in der Union hat, legten Kramp-Karrenbauer und Jung in ihrem Essay dar. Neben vielen allgemeinen Absichtserklärungen finden sich darin auch ein paar mehr oder weniger konkrete Vorschläge, so im Gebäudebereich eine "steuerliche Sanierungsförderung und eine Abwrackprämie für Ölheizungen".

Die Wärmeerzeugung ist der größte Posten in der CO2-Bilanz eines Haushalts in Deutschland. Zusammengerechnet kommen alle Heizungen des Landes auf rund ein Drittel des landesweiten Endenergieverbrauchs. Neue, effizientere Heizungsanlagen, das klingt also erst einmal gut.

Wie könnte das konkret umgesetzt werden? Was würde das kosten? Und vor allem: Würde es etwas bringen? Um diese Fragen detailliert zu beantworten, müssen die beiden Politiker ihre Vorschläge natürlich noch weiter ausformulieren, einiges lässt sich allerdings bereits jetzt abschätzen.

In Deutschland gibt es derzeit etwa 20,7 Millionen Heizungsanlagen. Davon wiederum verfeuern etwa 5,5 Millionen Erdöl, so rechnet es der Bundesverband der deutschen Heizungsindustrie (BDH) vor, in dem sich rund hundert Herstellerfirmen mit einem weltweiten Gesamtumsatz von 14,5 Milliarden Euro zusammengeschlossen haben. Das Problem: Nur 700.000 der installierten Heizungen sind dem Verband zufolge auf dem Stand der Technik. Und der Rest? "Es liegt auf der Hand, dass diese Anlagen ineffizient beim Energieverbrauch sind und damit zu viel CO2 ausstoßen", so Verbandsgeschäftsführer Andreas Lücke.

Als zeitgemäß gelten Heizungen mit sogenannten Brennwertkesseln, bei denen mithilfe eines Wärmetauschers Energie auch aus dem Abgasstrahl gewonnen wird. Das Umweltbundesamt (UBA) rät, den Austausch eines Heizkessels zu prüfen, wenn dieser älter als 15 Jahre ist. Doch das ist eben nur genau das - ein unverbindlicher Ratschlag. Und billig ist die Sache auch nicht, wenngleich das UBA erklärt: "Eventuelle Mehrkosten können in der Regel durch einen geringeren Brennstoffbedarf wieder eingespart werden." Bei Investitionen von 10.000 bis 15.000 Euro pro Anlage dauert es nach BDH-Angaben sechs bis sieben Jahre, bis sich die Investition für Hausbesitzer lohnt.

Echten Zwang zur Erneuerung gibt es kaum. Nach der Energieeinsparverordnung (EnEV) existiert im Grundsatz zwar die Pflicht, mehr als 30 Jahre alte Heizkessel auszutauschen. Allerdings sind zahlreiche Ausnahmen möglich: nicht nur für moderne Brennwert-, sondern auch für ältere Niedertemperaturheizkessel und auch für Anlagen, die bereits vor Februar 2002 in selbst genutzten Ein- und Zweifamilienhäusern installiert waren. In vielen Fällen muss also de facto nicht getauscht werden. Noch nicht jedenfalls. Wenn aber etwa Erben ein Haus übernehmen, dann müssen sie - mit Übergangsfristen - zeitgemäße Anlagen einbauen lassen.

Bis zu drei Tonnen Einsparung pro Anlage und Jahr

Beim Zentralverband Sanitär, Heizung und Klima weiß man, wie viel eine effizientere Heizung fürs Klima bringt. "Pro Anlage lassen sich im Jahr etwa 2,5 bis 3 Tonnen CO2 einsparen", rechnet Geschäftsführer Andreas Müller vor. Derzeit würden im Jahr 600.000 alte Öl- und Gasheizungen ausgetauscht. Das ergebe rein rechnerisch eine Emissionsminderung von 1,5 bis 2 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.

Das klingt gut. Allerdings nur so lange, bis man diese Zahl mit den deutschen Versprechen für den Klimaschutz im kommenden Jahrzehnt vergleicht. Im Rahmen des sogenannten Effort- oder Burden Sharing in der Europäischen Union hat die Regierung nämlich zugesagt, dass die CO2-Emissionen im Gebäudesektor von heute 119 Millionen Tonnen auf 72 Millionen Tonnen im Jahr 2030 fallen - sonst drohen Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Das aktuelle Tempo bei der Modernisierung reicht also nicht ansatzweise. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir nur 15 bis 20 Millionen Tonnen an Einsparungen in den nächsten zehn Jahren erreichen", sagt Müller. Man brauche bei den Heizungsanlagen "mindestens eine Verdoppelung der Austauschrate".

Können dabei nun die Vorschläge von Kramp-Karrenbauer und Jung helfen? "Für uns sind vor allem steuerliche Anreize für Investitionen in energieeffizientere Gebäude wichtig. Das würde helfen, den seit Jahren bestehenden Investitionsstau zu beseitigen", sagt BDH-Hauptgeschäftsführer Lücke.

Wenn es zusätzlich auch eine Abwrackprämie für alte Heizungen gebe, dann müsse diese aber richtig ausgestaltet werden. Es reiche nicht aus, nur den Kessel auszutauschen. Zusätzlich müsse auch die komplette Heizanlage optimiert werden, um die theoretisch möglichen Effizienzsteigerungen auch praktisch zu erreichen. "Eine Abwrackprämie sollte nicht nur auf alte Ölheizungen beschränkt sein", sagt Lücke weiter. "Sie sollte auch die Millionen veralteter Gasheizungen einbeziehen. Es ist nicht sinnvoll, hier einen Unterschied zu machen."

Handwerksvertreter Müller plädiert ebenfalls in erster Linie für steuerliche Anreize zur Heizungssanierung - und bestenfalls zusätzlich für eine Abwrackprämie. Eine Förderung über die Steuer sei administrativ einfacher. Außerdem könne das Finanzamt auch darauf achten, dass die Anlagen nicht durch Schwarzarbeiter eingebaut werden.

Alternativen haben auch einige Probleme

Doch wodurch sollte eine alte Heizungsanlage sinnvollerweise ausgetauscht werden? Mancher Grünenpolitiker liebäugelt mit einem Komplettverbot von Ölheizungen, wie es etwa in Dänemark inzwischen existiert. Kramp-Karrenbauer und Jung schlagen das nicht vor. Ein Austausch einer alten durch eine neue, effizientere Ölheizung mit Brennwertkessel wäre also eine mögliche Option für Hausbesitzer. Falls es aber früher oder später doch zu einem Verbot kommt, ist das womöglich langfristig eine etwas risikoreichere Strategie.

Diese Förderung gibt es bereits heute
    Den Austausch alter Ölheizungen fördern verschiedene Institutionen, darunter die staatliche KfW-Bank und das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa). Während die KfW vor allem Heizsysteme mit fossilen Brennstoffen fördert, unterstützt die Bafa ausschließlich den Umstieg auf erneuerbare Energien. Anträge müssen vor Baubeginn gestellt werden, bei der KfW-Förderung in der Regel über die Hausbank, beim Bafa direkt und online. Beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gibt es unter anderem Zuschüsse für Biomasseanlagen, so kann der Einbau eines Pelletkessels mit Wärmespeicher gefördert werden. Teilweise bieten auch die Bundesländer und Kommunen Förderungen an. (dpa)

Andererseits ist zum Beispiel der Wechsel von einer Ölheizung zu einer Wärmepumpe gerade für Altbauten nicht nur teuer, sondern auch sehr aufwändig: So sind wegen der geringeren erreichbaren Temperaturen größere Flächenheizkörper nötig, außerdem ein besserer Wärmeschutz an der Gebäudeaußenseite. Dazu kommt - auf das gesamte Land gesehen - ein enormer zusätzlicher Stromverbrauch, sollten Millionen von Wärmepumpen gleichzeitig zum Einsatz kommen.

Ein massiver Ausbau des Heizens mit Holzpellets wäre auch nicht ohne Haken. Im Einbau gelten die Anlagen als etwa doppelt so teuer wie eine Ölheizung. Außerdem könnte es Probleme geben, den nötigen Rohstoff in großen Mengen aus nachhaltigen Quellen zu beziehen. Dazu kommt, dass ein Boom dieser Holzöfen auch das Feinstaubproblem verschärfen würde.

Was bleibt also? Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, dessen Mitglieder 90 Prozent des Strom- und des Erdgasabsatzes in Deutschland abwickeln, hat zumindest für einen Teil der Betroffenen einen Vorschlag. Er basiert darauf, dass fast die Hälfte aller Ölheizungen in Gebieten Deutschlands zu finden sind, in denen auch Gasleitungen im Boden liegen. 2,1 Millionen dieser Gebäude könnten demnach "schnell und unkompliziert" mit einer Gasheizung modernisiert werden, so der Verband.

In jedem Fall wird eine Förderung für neue Heizungen lange dauern - und sie wird nicht billig, wie man gerade in Berlin sieht. Dort hat der Senat ein Programm für Hausbesitzer beschlossen, das jedes Jahr mit sechs Millionen Euro ausgestattet wird. Damit sollen pro Jahr 1200 Ölheizungen ausgetauscht werden. Doch allein in der Hauptstadt gibt es 66.000 solcher Anlagen.



insgesamt 258 Beiträge
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Seite 1
MarkusW77 12.08.2019
1.
tausche gerade Öl gegen pellets mit Solarthermie. Dazu gibt es jetzt schon knapp 11000 förderung in NRW, der Rest wird für unter 1% Von der kfw Bank finanziert. Mehr geht doch eigentlich nicht oder?
martinmde 12.08.2019
2. Atomkraftwerke bauen
und elektrisch heizen. Dann sind erstmal nur 30% der Klimaziele geschafft.
cvdheyden 12.08.2019
3. Dann haben wir ja bald die Planwirtschaft
Warum mischt sich der Staat eigentlich in alles ein? Das ist ja schlimmer als zu DDR Zeiten. Und weniger CO2 kommt dabei auch nicht heraus. Wie wäre es denn mit 5 Jahres Plänen? AKK soll Ihren Job machen und zwar für den, für den Sie gewählt wurde. Wirtschaften konnten Politiker noch nie.
kraut&ruebe 12.08.2019
4. richtig
Der Ansatz ist grundsätzlich richtig, nur mit modernen Technologien können wir den Ausstoß von Treibhausgasen bremsen und die Folgen des Klimawandel abmindern. Und als warnendes Beispiel etwas aus Berlin zu bringen ist etwas plump, hier funktioniert schließlich fast gar nichts, wenn es vom Senat oder den Bezirken kommt.
PeterFriedrich 12.08.2019
5. Das wird wieder eine reine Wirtschaftsförderung
Leidtragende sind vor allem ältere Hausbesitzer, "Renter" genannt, die für eine Modernisierung sowieso keinen Kredit mehr von ihrer Bank bekommen.
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