Abrüstung Mit Drohnen nehmen Forscher den Kampf gegen Landminen auf

In Afghanistan liegen noch Millionen von Landminen aus Plastik, die vor allem für Kinder gefährlich sind. Mit klassischen Verfahren sind sie kaum aufzuspüren, doch US-Forscher haben jetzt eine Idee.

Eine Drohne mit Kamera (Symbolbild)
imago/ ZUMA Press

Eine Drohne mit Kamera (Symbolbild)

Aus Washington berichtet


Komisch sieht es aus, dieses sandfarbene Ding. Aber interessant. Und irgendwie passt es gar nicht hierher. So könnte eine weitere tragische Geschichte hoch in den Bergen Afghanistans beginnen. Eine Geschichte, an deren Ende ein schwer verletztes, fürs Leben gezeichnetes Kind steht. Ein Kind, das eine sowjetische Landmine vom Typ PFM-1 für ein Spielzeug gehalten hat. Bis sie explodierte - ausgelöst von einem Zünder, der nicht nur auf das Gewicht von ein paar Kilogramm reagiert, sondern zum Beispiel auch darauf, dass die Mine geschüttelt wird.

So ist es immer wieder passiert. Und so wird es weiter passieren. Nach Angaben der internationalen Kampagne gegen Landminen, sind allein im vergangenen Jahr weltweit 2793 Menschen durch Minen getötet worden, mehr als 4431 weitere wurden verletzt. Bei knapp der Hälfte der Opfer, bei denen das Alter bekannt war, handelte es sich um Kinder.

Die PFM-1 wurde einst nicht zum Töten entwickelt, sondern zum Verstümmeln. Auch in Armenien, Aserbaidschan, Irak, Somalia und Tschetschenien sind die nur 75 Gramm schweren Schmetterlingsminen zum Einsatz gekommen. Und nicht nur die Sowjets beziehungsweise Russen haben solche teuflischen Waffen verwendet, sondern unter anderem auch die Amerikaner ("BLU 43") in Vietnam.

Besonders tückisch an diesem Minentyp, der nicht verbuddelt, sondern aus der Luft abgeworfen oder mit Raketen und Granaten verteilt wurde: Niemand weiß genau, wo die kleinen Sprengsätze liegen. Mit dem klassischen Verfahren der Minensuche - einem Metalldetektor - lassen sie sich nicht finden. Weil sie eben so gut wie kein magnetisierbares Metall enthalten.

Landminen des Typs PFM-1 (Übungsmunition)
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Landminen des Typs PFM-1 (Übungsmunition)

"Sie sind so designt, dass sie nicht gefunden werden können", sagt Alex Nikulin von der Binghamton University (US-Bundesstaat New York). Doch zusammen mit Kollegen hat er nun einen radikalen Ansatz entwickelt und auf dem Jahrestreffen der American Geophysical Society (AGU) in Washington vorgestellt: Die Forscher spüren die Minen aus der Luft auf, mithilfe einer handelsüblichen Drohne. Die trägt an ihrer Unterseite eine hochsensible Infrarotkamera.

Und so soll sie sich aufspüren lassen: Die PFM-1 liegt auf dem sandigen und steinigen Boden, man kann sich das ungefähr vorstellen wie Cornflakes oben in einer Tüte mit Müsli. Im Idealfall ist die Mine nicht verdeckt und ist im Wärmebild zu sehen: Wenn morgens die Sonne aufgeht, heizt sich nämlich der Flüssigsprengstoff deutlich schneller auf als das Gestein in der Umgebung. Eine "thermale Anomalie", wie Nikulin es nennt. Beim Sonnenuntergang ist es umgekehrt: Die Landminen kühlen sich langsamer ab als der Rest der Landschaft.

Prinzip funktioniert nicht in allen Weltgegenden

Zusammen mit seinem Kollegen Timothy de Smet hat er das Prinzip in Feldversuchen in einem State Park bei Binghamton getestet. Zum Einsatz kamen Übungsminen, wie Nikulin sie auch bei seiner Präsentation in Washington dabei hat: Ungefähr so groß wie ein Smartphone und überzogen mit weichem Polyethylen enthalten sie - zum Glück - keine Explosivladung. Bei den Versuchen sei es wichtig gewesen, sich bei den chemischen Eigenschaften der Füllung so nah wie möglich am sowjetischen Flüssigsprengstoff zu orientieren. Er glaube, dass das gut gelungen sei, sagt Nikulin.

Bei jedem Test haben die Forscher 18 Minen zufällig in einer rund 10 mal 20 Meter großen Ellipse verteilt. Die habe man anschließend mit der Drohne in etwa zehn Metern Höhe überflogen. Auf den Wärmebildern seien die Minen unabhängig von ihrer Lage gut zu erkennen, so der Forscher. Minenräumer könnten auf diese Weise verdächtige Flächen schnell untersuchen. "Wir können dramatisch den Bereich eingrenzen, wo die Minen liegen." Im Moment werte man die Bilder noch von Hand aus, man arbeite aber an einem Algorithmus für diese Aufgabe.

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In einer Reihe von Fachveröffentlichungen, zuletzt im "Journal of Conventional Weapons Destruction" haben die Wissenschaftler ihren Ansatz vorgestellt. Klar ist bereits jetzt: Die Minensuche per Drohne funktioniert nicht in allen Weltgegenden gleich gut. Schwierig wird es zum Beispiel, wenn die Sprengfallen von Pflanzen überwuchert sind. Das wäre zum Beispiel in Vietnam der Fall.

Die Minenräum-Community gilt bei vermeintlich neuen technologischen Ansätzen als eher konservativ. Die Forscher werden also viele Gespräche führen müssen. Gleichzeitig planen sie weitere Versuche, diesmal in der kalifornischen Mojave-Wüste. Damit komme man den Bedingungen in Afghanistan schon sehr nahe, sagt Nikulin.

Selbst wenn nur ein geringer Teil der Schmetterlingsminen mithilfe von Drohnen identifiziert und - in einem zweiten Schritt etwa mit einer kontrollierten Sprengung - unschädlich gemacht werden könnten, wäre schon viel gewonnen. Weltweit, so die Forscher, seien noch um die 100 Millionen Landminen verteilt. Mehrere Millionen davon sollen Schmetterlingsminen in Afghanistan sein. Gleichzeitig wurden vergangenes Jahr im gesamten Land genau 14.629 Minen entschärft.



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