F-22 und F-35 Pannenflieger des Pentagon

Die Kampfjets der nächsten Generation drohen zur Blamage für die USA zu werden. Die Kosten für die F-35 "Lightning II" sprengen inzwischen jede Vorstellungskraft, die F-22 "Raptor" hat Probleme mit der Sauerstoffversorgung der Piloten. Jetzt wurde das Ganze zur Chefsache.

AP/ US Navy

Von


Es war ein denkwürdiger Auftritt, nicht nur für Jeremy Gordon und Josh Wilson. Anfang Mai standen die beiden US-Kampfpiloten beim Nachrichtensender ABC News vor der Kamera - und berichteten von einem bizarren Phänomen, das die Air Force schon seit Monaten beschäftigt: Die F-22 "Raptor", das angeblich beste Jagdflugzeug der Welt, hat offenbar ein Problem mit der Luftversorgung seiner Piloten.

Seit 2008 haben mindestens ein Dutzend F-22-Piloten über Benommenheit und Blackouts durch Sauerstoffmangel berichtet, doch erst Gordon und Wilson gaben dem Vorgang ein Gesicht - und einen Namen. Seit ihrem Auftritt spotten Medien und Fachwelt über den "Raptor-Husten". "In einem Raum voller Raptor-Piloten", erklärte Gordon auf die erstaunte Nachfrage der Fragestellerin, "wird die Mehrheit die meiste Zeit über husten."

Wie ernst das Problem inzwischen ist, macht allein die Tatsache deutlich, dass US-Verteidigungsminister Leon Panetta höchstpersönlich in der Causa aktiv geworden ist - ein sehr ungewöhnlicher Vorgang für ein Sicherheitsproblem, das auf die Luftwaffe beschränkt ist. Panetta verfügte laut Angaben des Pentagon, die F-22 vorerst nicht mehr auf Langstreckenflügen, sondern nur noch im Umkreis von Flughäfen einzusetzen, um im Notfall jederzeit eine Landung zu ermöglichen.

Fotostrecke

7  Bilder
US-Luftwaffe: Immer Ärger mit den neuen Flugzeugen
Bereits im vergangenen Jahr mussten die F-22-Jets nach einer Reihe von Vorfällen für vier Monate am Boden bleiben, nachdem Piloten über Ohnmachtsanfälle durch Sauerstoffmangel berichtet hatten. Erst im September waren die Maschinen wieder für den Flug freigegeben worden. Einige Piloten hatten sich danach schlicht geweigert, in den Kampfjets zu fliegen - und viele andere steigen angeblich nur noch mit einem schlechten Gefühl ins Cockpit. Eine "überwältigende, stille Mehrheit" der Raptor-Piloten fürchte bei Einsätzen um ihr Leben, gaben Gordon und Wilson im ABC-Interview zu Protokoll.

Rätselhaftes Phänomen

Die genauen Gründe des Phänomens sind unklar. Das US-Militär vermutet, dass die Piloten in großen Höhen entweder zu wenig Sauerstoff bekommen, oder aber dass ihre Atemluft aus bisher unbekannter Quelle kontaminiert wird. Vergangene Woche erklärte Brigadegeneral Daniel Wyman, Chefmediziner des Air Combat Command, man habe zahlreiche Tests mit den F-22-Piloten durchgeführt. Eine Erklärung für den "Raptor-Husten", den Schwindel und die Ohnmachtsanfälle hatte aber auch er nicht parat.

Fast 20 Jahre hatte es gedauert, ehe die F-22 - das erste und bisher einzige Kampfflugzeug der fünften Generation - als voll einsatzfähig galt. Zwar wurde der Tarnkappen-Jet schon 2005 an die US-Luftwaffe übergeben, hätte damals allerdings nur gegen feindliche Flugzeuge antreten können. Erst Ende März 2012 hatten die ersten 150 F-22-Jets auch die für Angriffe auf Bodenziele notwendigen Systeme an Bord. Die Kosten allein dafür sollen rund acht Milliarden Dollar betragen haben.

Damit kann das erste "Raptor"-Geschwader nun in etwa das leisten, was beispielsweise die betagten F-15E-Kampfjets seit den neunziger Jahren können. Und das ist noch lang nicht das Ende der geplanten Verbesserungen an der F-22. In anderen Bereichen ist der neue Kampfjet noch immer nicht auf dem Niveau der älteren Modelle im Arsenal der US-Luftwaffe. Und auf ihren ersten Kampfeinsatz wartet die F-22 bis heute.

"F-22-Geschwader von Datumsgrenze abgeschossen"

Dafür aber wurden diverse peinliche Zwischenfälle bekannt. Im Februar 2010 etwa musste die komplette F-22-Flotte am Boden bleiben, weil die Hebel für die Schleudersitze Rost angesetzt hatten. Anfang 2007 hatten sechs F-22 von Hawaii aus die internationale Datumsgrenze am 180. Längengrad überquert - und prompt spielten diverse Systeme verrückt, darunter die für Kommunikation und Navigation. Nur weil sie einem Tankflugzeug folgen konnten, fanden die Raptoren überhaupt nach Hawaii zurück. "F-22-Geschwader von Datumsgrenze abgeschossen", spottete daraufhin die Branchen-Webseite "Defence Industry Daily".

Die Kosten für die F-22 steigen derweil immer weiter. Anfang Mai veröffentlichte der US-Rechnungshof GAO einen Bericht, der für Haushaltspolitiker in Washington eine wahre Horrorlektüre gewesen sein dürfte. Allein die Ausgaben für Modernisierung und Wartung der F-22 sind demnach von ursprünglich geschätzten 5,4 auf 11,7 Milliarden Dollar (9 Milliarden Euro) geklettert.

Das aber ist nur Kleingeld im Vergleich zu dem, was für den umstrittenen F-35-Kampfjet fällig werden dürfte. Der "Joint Strike Fighter" soll künftig das Rückgrat der US-Luftstreitkräfte sein, mehr als 2400 Exemplare will die US-Regierung insgesamt beschaffen. Kauf und Wartung sollte nach der ursprünglichen Planung in fünf Jahrzehnten rund eine Billion Dollar (780 Milliarden Euro) kosten. Ende März aber wurde bekannt, dass es wohl eher 1,5 Billionen Dollar sein werden - und Branchenkenner glauben kaum, dass das die letzte Korrektur nach oben sein wird.

Das ist selbst für das US-Militär ein gewaltiger Brocken. Nach Zahlen des US-Rechnungshofs kosten die 96 größten aktuellen Beschaffungsprogramme des Pentagons rund 1,58 Billionen Dollar. Die F-35 schlägt mit fast 327 Milliarden Dollar zu Buche - das ist rund ein Fünftel. "Der Joint Strike Fighter ist nicht zu groß, um zu scheitern", ätzte der Rüstungsexperte Raymond Pritchett, "sondern zu groß, um jemals erfolgreich zu sein."

Die Zweifel an den Fähigkeiten der F-35, in Zukunft sowohl den Jagdflugzeugen als auch den Jagdbombern potentieller Gegner überlegen zu sein und die Anforderungen von Luftwaffe, Marine und Marinekorps zugleich zu erfüllen, sind inzwischen Legion. Und so richtig stealthy ist die F-35 auch nicht. Schon 2006 hat das Pentagon die Fähigkeit des Jets, für gegnerisches Radar unsichtbar zu bleiben, heruntergestuft - von "sehr wenig sichtbar" auf "wenig sichtbar".

Das bedeutet mehr, als man meint. "Auf dem Radar", erklärte ein ehemaliger Luftwaffenoffizier dem "Sydney Morning Herald", "ist das der Unterschied zwischen einer Murmel und einem Strandball."

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.