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Airbus A400M Der Katastrophenflieger

Der Absturz des A400M in Spanien ist der tragische Tiefpunkt eines desaströsen Projekts. Seit Jahren macht der Militärtransporter allen Ärger, die mit ihm zu tun haben.

Sieht man das Ding auf der Landebahn stehen, muss man einfach Respekt haben. Kraftvoll wirkt das graue Flugzeug mit seinen vier scharfkantigen Rotoren. Und kraftvoll sollte der Airbus A400M auch im Einsatz sein: Eine höhere Nutzlast (bis zu 37 Tonnen) und eine größere Reichweite (selbst bei maximaler Beladung noch 3100 Kilometer) im Vergleich zu bisherigen Transportmaschinen verspricht der Hersteller. Selbst auf improvisierten Graslandebahnen von unter einem Kilometer Länge soll der Transporter operieren können. Doch schon lange vor dem verhängnisvollen Absturz des Testfluges CASA423 am Samstag hat der Airbus A400M niemandem Freude bereitet - dem Hersteller nicht und ebenso wenig den Kunden.

Ausgetragen wurde der Streit teilweise in aller Öffentlichkeit.  Airbus beklagt sich darüber, bei dem Projekt wegen unrealistischer politischer Vorgaben einen Milliardenverlust angehäuft zu haben. "So einen Vertrag wie bei dem A400M unterschreiben wir nie wieder, so viel steht fest", wetterte Konzernchef Tom Enders im vergangenen Herbst. Die Streitkräfte, die das Transportflugzeug nutzen wollen, müssen wiederum mit jahrelangen Verzögerungen und reduzierten Stückzahlen klarkommen. Nur rund ein Dutzend der 174 georderten Maschinen sind bisher ausgeliefert - unter anderem, weil Airbus bei der Entwicklung massive Stabilitätsprobleme am Rumpf des Flugzeugs in den Griff bekommen musste.

Airbus A400M bei einer Luftfahrtschau im Juli 2014 in England

Airbus A400M bei einer Luftfahrtschau im Juli 2014 in England

Foto: Andy Rain/ dpa

Die Bundeswehr hat derzeit genau einen A400M in ihrem Besitz, seit vergangenem Dezember. Und der bekam bei einer Kontrolle durch Prüfer der Wehrtechnischen Dienststelle der Truppe ein katastrophales Zeugnis. Nach SPIEGEL-Informationen listeten sie in einem Protokoll ganze 875 Mängel auf, darunter auch ausgelaufenes Hydrauliköl am Hauptfahrwerk und an den Reifen sowie fehlende Isolierungen an Elektrokabeln. "Airbus scheint ein ernstes Problem mit seinem Verständnis von Produktqualität zu haben", lautete das drastische Fazit der Sachverständigen nach einem Besuch in der Produktionshalle. Das Flugzeug hat bisher nur eine stark eingeschränkte militärische Zulassung.

Wie auch die zivilen Airbus-Maschinen werden die Teile für den A400M in mehreren Staaten gebaut. Der Chef der Militärflugzeugsparte, der Spanier Domingo Ureña-Raso, trat im Januar zurück. Aus Sicht des Herstellers waren Probleme bei den Zulieferungen Schuld an den massiven Verzögerungen bei der Auslieferung. Ein europäisches Konsortium verantwortet die Triebwerke. Die Flügel stammen aus Großbritannien, Rumpf und Laderampe aus Deutschland, Cockpit, Fahrwerk und Flügelkasten aus Frankreich. Dazu kommen weitere Komponenten aus Belgien, der Türkei und Spanien, wo im Werk San Pablo am Flughafen von Sevilla auch die Endfertigung stattfindet.

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Hier kam es am Samstag auch zum Crash, als der Flieger nach dem Start zu einer weiten Linkskurve  ansetzte, dann aber laut Transponderdaten nur etwa 500 Meter Höhe erreichte. Der Grund für das Unglück, bei dem mehrere Menschen starben, ist bisher noch nicht bekannt. Die Details werden spanische Flugunfallexperten ermitteln. Sicher scheint aber schon jetzt: Der Absturz dürfte das Vertrauen der verantwortlichen Militärs in den A400M noch weiter schwächen.

Ursprünglich sollte die deutsche Luftwaffe in diesem Jahr weitere fünf Exemplare übernehmen, doch womöglich kommt vorerst keine einzige Maschine hinzu. Die Luftwaffe hat auch sämtliche Testflüge der in Wunstorf stationierten Maschine gestoppt, bis Klarheit über die Absturzursache in Spanien besteht. Dabei hat Deutschland bei Airbus insgesamt 53 der wuchtigen Flieger bestellt. 40 will die Bundeswehr selbst nutzen - vor allem um die altersschwachen und kleineren "Transall"-Flugzeuge abzulösen. Die anderen 13 Maschinen sollen weiterverkauft werden - wenn sich ein Interessent findet.

Auch im Fall der Türkei, für die das nun verunglückte Flugzeug gedacht war, gab es Streit zwischen dem Hersteller und der Truppe. Auch hier wurden die ursprünglich geplanten Kontingente nach unten korrigiert. Nachdem der erste A400M für die türkische Luftwaffe seinen Erstflug am 9. August 2013 absolviert hatte, weigerte sich die Regierung zunächst, die Maschine endgültig abzunehmen. Erst vor einem guten Jahr traf dann die erste neue Maschine auf dem Flughafen Kayseri ein, insgesamt verfügt die Türkei derzeit über zwei Modelle. Die abgestürzte Maschine mit der Fertigungsnummer MSN 23 wäre das dritte Exemplar gewesen.

Zuletzt hatte Airbus erklärt, die Produktionskapazität bei der Endfertigung des A400M erhöhen zu können. Der Fachdienst IHS Jane's hatte berichtet, ab sofort sollten im Schnitt statt 1,25 Flugzeugen pro Monat 2,5 Maschinen die Endfertigung  in Sevilla verlassen. Auch dieser Zeitplan dürfte nun Makulatur sein.


Zusammengefasst: Der Militär-Airbus A400M ist seit Beginn ein überaus fehlerbehaftetes Großprojekt. Das von sieben Nato-Staaten beauftragte Transportflugzeug wurde erheblich teurer als ursprünglich geplant. Die Auslieferung der ersten Maschinen verzögerte sich um Jahre, die Kontrollen durch die jeweiligen Streitkräfte ergaben erhebliche Qualitätsmängel. Der Absturz bei Sevilla dürfte Verzögerungen und Kosten noch weiter in die Höhe treiben.

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