Airbus-Absturz Bombe oder Materialermüdung - wie stellt man das fest?

Was zum Absturz des Airbus über Ägypten führte, sollen jetzt Luftfahrtexperten klären. Grundsätzlich ist es möglich, die Ursache mithilfe von Trümmerteilen, Metallanalysen und Ascheresten auszumachen.

Sinai: Russische Experten sichern Trümmerteile (Foto vom 2. November 2015)
AP

Sinai: Russische Experten sichern Trümmerteile (Foto vom 2. November 2015)

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Es ist eine komplizierte Zusammenarbeit. Gemeinsam sollen Experten aus Ägypten, Frankreich, den USA, Irland, Russland und Deutschland den Absturz eines russischen Airbus A321 auf der Sinai-Halbinsel untersuchen. Auch Airbus-Fachleute sind beteiligt. Sie müssen klären, was den Jet mit der Registrierung EI-ETJ zerstört hat: eine Bombe oder Materialermüdung.

Allerdings haben die Herkunftsstaaten der Experten unterschiedliche Antworten parat. Deswegen knirscht es auch im Ermittlerteam.

In Großbritannien und den USA geht man davon aus, dass der Jet gesprengt wurde. Grundlage dafür sind jedoch nicht die Erkenntnisse der eigenen Flugunfall-Experten, sondern Geheimdienstinformationen.

Die wiederum basieren offenbar auf abgefangener Kommunikation islamistischer Extremisten auf dem Sinai. In Russland und - vor allem - in Ägypten will man von der Möglichkeit einer Bombe nichts wissen und verweist darauf, dass es bisher keine greifbaren Hinweise für einen Anschlag gibt.

Deutschland ist einstweilen mit zwei Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) beteiligt, weil das Flugzeug 1997 in Hamburg gebaut wurde. Geleitet werden die Untersuchungen aber von den Ägyptern, die - zum Schutz der eigenen Tourismusindustrie - wenig Interesse an der Bombenthese haben dürften. Doch nur Ägypten ist nach den Regeln der Internationalen Zivilluftfahrtbehörde ICAO für die Kommunikation zur Untersuchung zuständig. Mit schnellen Ergebnissen ist ohnehin nicht zu rechnen, das Verfassen des Abschlussberichts dürfte Monate brauchen.

Wischproben, verformte Trümmerteile, Metall-Analysen

Grundsätzlich können die Überreste des Flugzeugs Hinweise zur Absturzursache liefern. Experten nehmen dafür an den Trümmern Wischproben mit einem Tuch oder Schwamm. Der Minister für Katastrophenschutz, Wladimir Putschkow, teilte mit, dass diese Proben von allen Wrackteilen und auch von Gepäckstücken genommen wurden.

Diese Wischproben werden normalerweise mit einem Gaschromatografen analysiert. Das Verfahren kommt auch an Flughäfen zum Einsatz - bei der Sicherheitskontrolle von Fluggästen und Gepäck. Es nimmt nur wenige Sekunden in Anspruch. Bei der Analyse lassen sich charakteristische Reste von Sprengstoffen an den Wrackteilen womöglich nachweisen. Doch sicher ist das im Fall der abgestürzten Maschine nicht.

Trümmerteil des A321 (Aufnahme vom Montag): Hinweise auf die Absturzursache
AP/dpa

Trümmerteil des A321 (Aufnahme vom Montag): Hinweise auf die Absturzursache

Interessant können auch Aschereste sein, aus denen sich unter Umständen auf die Temperatur des brennenden Kerosins schließen lässt.

Verformungen der Trümmerteile ermöglichen ebenso Rückschlüsse: Nach einer Bombenexplosion müsste es zum Beispiel nach außen gebogene Trümmerstücke geben.

Eine nähere Analyse des Metalls könnte weitere Hinweise liefern. Bei Stahl geht das allerdings einfacher als bei Aluminium. So hatte die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) vor 15 Jahren im Auftrag des SPIEGEL nachweisen können, dass die 1994 gesunkene Ostseefähre "Estonia" vermutlich nicht gesprengt wurde - weil auffällige Veränderungen im Stahl des Schiffs mit einer Rostschutzbehandlung erklärt werden konnten.

Es gab schon Abstürze wegen Materialermüdung

Flugzeugcrashs wegen Materialermüdung sind selten, doch hat es sie gegeben - und auch diese Ursache müsste anhand der Trümmer erkennbar sein. Materialermüdung war etwa Schuld an den Abstürzen von Boenig-747 der Fluggesellschaften Japan Airlines (1985) und China Airlines (2002). In beiden Fällen hatten die Maschinen nach einem sogenannten Tailstrike repariert werden müssen. Das bedeutet, dass sie bei einem zu steil ausgeführten Start einen Schaden davon getragen hatten, als der hintere Flugzeugteil die Startbahn berührt hatte. Der über dem Sinai abgestürzte A321 war 2001 wegen eines solchen Problems bei Airbus in Behandlung.

Wichtige Hinweise für die Ermittler könnten womöglich auch die Flugschreiber liefern. Bei einem technischen Defekt explodiert normalerweise nicht das gesamte Flugzeug schlagartig. Hinweise des Geschehens müssten sich also in den aufgezeichneten Daten finden lassen. Bei einer Bombenexplosion wiederum würde die Stromversorgung von Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder abrupt abbrechen. Aber auch hier könnten womöglich charakteristische Hinweise auf eine Explosion in den letzten Millisekunden der Aufzeichnung verborgen sein.

Die russische Tageszeitung "Kommersant" schreibt am Freitag, die Aufzeichnungen der Flugzeugdaten des abgestürzten A321 würden abrupt abreißen - und zwar 20 Minuten nach dem Start. Der Bericht basiert auf den Aussagen einer ungenannten Quelle. Möglicherweise, so die Zeitung, sei das Heck der Maschine abrupt abgetrennt worden. Dabei könnten alle Kabel zu Sensoren abgerissen sein, heißt es in dem Bericht weiter. Die anonyme Quelle berichtet außerdem, der Stimmenrekorder sei beschädigt. Das Abhören könne daher länger dauern.

Zusammengefasst: Es gibt eine Reihe von Methoden, mit deren Hilfe sich ergründen lässt, ob der Airbus A321 infolge einer Bombenexplosion oder wegen Materialermüdung auseinandergebrochen ist. Ob man die Frage am Ende mit Sicherheit beantworten kann, ist allerdings unklar. Auf jeden Fall wird es dauern, bis die Experten ihr Ergebnis präsentieren.

Mit Material von dpa

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