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30. März 2011, 17:09 Uhr

AKW-Desaster in Fukushima

Japaner wollen Strahlen-Reaktoren verpacken

Von Cinthia Briseño

Die Reaktorblöcke 1 bis 4 in Fukushima sind weiterhin außer Kontrolle. Japans Regierung greift jetzt zu verzweifelten Mitteln, um die Strahlung einzudämmen: Kunstharz soll versprüht werden, eine Plane die Anlage abdecken. Die IAEA rät zu einer Ausweitung der Evakuierungszone.

Tokio - Die Hiobsbotschaften aus dem havarierten Katastrophen-AKW in Fukushima reißen nicht ab. Zwar erklärte der Betreiber Tepco, dessen Chef sich auf recht ungewöhnliche Weise aus dem Krisenmanagement zurückgezogen hat, am Mittwoch, die Lage in allen sechs Reaktoren habe sich verbessert.

Dann kam das kaum zu vermeidende "aber": Die Reaktorblöcke 1 bis 4 seien weiterhin noch nicht unter Kontrolle. Eine Drohne hatte doch kurz zuvor Luftaufnahmen von dem Kernkraftwerk gemacht, die das ganze Ausmaß der Zerstörung belegen.

Der Betreiber kämpft weiter gegen das atomare Desaster an. Die Techniker sind seit mehr als zwei Wochen immer wieder in der Atom-Ruine, unter extremen Arbeitsbedingungen und immer unter der lebensbedrohlichen Gefahr einer radioaktiven Kontaminierung.

Plane über die Reaktoren, Harz auf den Boden

Längst hat sich auch die Regierung eingeschaltet. Um den Austritt von radioaktiven Partikeln in die Umwelt zu stoppen, erwägt Tokio jetzt, die Reaktoren mit einer Art Schutzhülle zu versiegeln. Ein Spezialgewebe soll die Ruine abdecken. Das sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo. Auf diese Weise könnten sich Arbeiter möglicherweise jeweils für längere Zeiträume im Gefahrenbereich aufhalten.

Zudem soll der Boden rund um die schwer beschädigten Reaktoren mit Kunstharz besprüht werden. Die Methode solle am Donnerstag zunächst in einem Teilbereich getestet werden, erklärte Tepco-Sprecher Hidehiko Nishiyama. Die Idee dahinter sei, die radioaktiven Partikel am Erdboden "festzukleben". Genauere Angaben machte er allerdings nicht.

"Jede Möglichkeit", sagte Edano, würde von Regierung und Atomexperten derzeit diskutiert und geprüft. Auf der Liste hat weiterhin die Kühlung der teils freiliegenden Brennelemente in den Reaktoren höchste Priorität, um eine größere Kernschmelze zu verhindern. Experten vermuten, dass diese Prozedur noch mehrere Monate dauern könnte.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat außerhalb der evakuierten 20-Kilometer-Zone um das havarierte Kraftwerk hohe Strahlendosen gemessen. In dem 7000-Einwohner-Ort Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des AKW, hätten Teams der Atombehörde die höchsten Strahlungswerte gemessen, sagte der IAEA-Experte für nukleare Sicherheit, Denis Flory. "Eine erste Beurteilung deutet darauf hin, dass eine der IAEA-Kriterien für die Evakuierung überschritten wurde", fügte er bei einer Pressekonferenz in Wien hinzu. Einer IAEA-Vertreterin zufolge ist der gemessene Wert zweimal so hoch wie der Richtwert für eine Evakuierung.

Die japanische Regierung hat ein Gebiet von 20 Kilometern rund um die beschädigten Reaktoren von Fukushima geräumt und in einem Radius von 30 Kilometern empfohlen, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Auch die Umweltorganisation Greenpeace hatte bereits nach eigenen Messungen die Evakuierung des Ortes und eine Ausweitung der Evakuierungszone auf 40 Kilometer gefordert. Die IAEA hat im Bereich der nuklearen Sicherheit kaum Kompetenzen. Sie kann Mitgliedstaaten nur Ratschläge geben - aber nichts anordnen.

Die radioaktive Belastung des Wassers in den Gräben und Kellern des AKW Fukushima ist massiv: 1000 Millisievert pro Stunde wurden mitunter dort gemessen - Mengen, die höchste Gefahr bedeuten, wenn man mit dem Wasser in Kontakt käme. Zuvor war im Meer vor Fukushima der zulässige Wert des radioaktiven Jods 131 um das 3355fache überschritten worden.

Tepco wolle Katastrophenmeiler reaktivieren

Unter den Atomexperten, die die nächsten Maßnahmen ausarbeiten sollen, sind inzwischen auch Fachleute aus den USA: 40 Mitarbeiter hat das US-Energieministerium bereits nach Japan geschickt. Auch einige Experten der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde NRC sind darunter. Insgesamt fünf Nuklearexperten will der französische Atomkonzern Areva in das havarierte Kernkraftwerk schicken. Die Spezialisten sollen die japanischen Arbeiter dabei unterstützen, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser aus den teilweise zerstörten Reaktorblöcken herauszupumpen. Ganz uneigennützig dürfte die Unterstützung aus dem Ausland nicht sein: Der weltweiten Atomlobby käme es nur zugute, wenn die Atomkatastrophe nicht noch weitere Ausmaße annimmt.

Die Arbeiter in dem Katastrophen-Kernkraftwerk Fukushima sind zunehmend mit ihren Kräften am Ende. Bei ihnen wächst die Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden. Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung "Asahi Shinbun". Derweil geht es den drei Technikern, die im havarierten Atomkraftwerk mit radioaktivem Wasser in Kontakt kamen, offenbar gut. "Wir haben sie untersucht und keine Strahlung messen können", sagte der Sprecher der Atomsicherheitsbehörde, Yoshiyuki Tada.

Angesichts des Desasters verwunderte es, dass Tepco scheinbar allen Ernstes darüber nachgedacht hatte, die vier Reaktoren möglicherweise eines Tages wieder in Betrieb zu nehmen. Immerhin, das haben die Verantwortlichen verworfen. "Wir haben keine andere Möglichkeit, als sie auszurangieren", sagte der kommissarische Chef der Betreiberfirma, Tsunehisa Katsumata. Die Reaktorblöcke 1 bis 4 seien durch das Erdbeben vom 11. März so stark beschädigt, dass sie unbrauchbar seien für die Stromerzeugung. Warum Tepco seine Überlegungen auf einer Pressekonferenz öffentlich mitteilte, darüber kann man nur rätseln.

Für Kopfschütteln sorgte auch die Ankündigung, dass der Konzern prüfen wolle, ob die Reaktoren 5 und 6 später wieder Strom erzeugen könnten. Nach einem Bericht des TV-Senders NHK sagte Katsumata, die Entscheidung darüber hänge von Beratungen mit Experten, der Regierung und den Anwohnern ab.

Japan überprüft Atommeiler

Die japanische Regierung zieht eine Verstaatlichung der Betreiberfirma in Erwägung. Bis es möglicherweise tatsächlich dazu kommt, werden aber vermutlich weiterhin radioaktive Substanzen in die Umwelt gelangen. Hinzu kommt, dass in Bodenproben innerhalb der Anlage Fukushima I hochgiftiges Plutonium entdeckt wurde.

Mit Blick auf die Katastrophe zieht Japans Regierung jetzt Konsequenzen für die gesamte heimische Atomindustrie: Am Mittwoch hat sie die dringende Überprüfung aller Reaktoren des Landes angeordnet - um weitere Fukushima-Horrorszenarien zu vermeiden. Ein Schreiben in diesem Sinn richtete der Minister für Wirtschaft, Handel und Industrie, Banri Kaieda, an die Chefs der neun regionalen Stromversorger sowie an zwei weitere AKW-Betreiber.

Die derzeit abgeschalteten oder im Bau befindlichen Atomanlagen dürften nicht ohne vorherige Kontrolle in Betrieb gehen, sagte der Minister bei einer Pressekonferenz, die im Fernsehen übertragen wurde. Bis Ende April muss in allen bestehenden AKW auch bei einem Stromausfall weiter Energie verfügbar sein. Die neuen Vorkehrungen sehen außerdem vor, ständig Feuerwehrfahrzeuge mit Schläuchen vorzuhalten, um Reaktoren notfalls von außen kühlen zu können. Auch müssen die Kühlsysteme in den Meilern und Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe besser instand gehalten werden. Nach einer umfassenden Untersuchung der Katastrophe von Fukushima sollen weitere Schritte wie der Bau von Tsunami-Schutzmauern geprüft werden.

Insgesamt 18 Atomkraftwerke stehen im erdbebengefährdeten Japan - viele in der Nähe des Meeres.

Mit Material von dpa und AFP

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