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19. April 2011, 09:34 Uhr

AKW Fukushima

Arbeiter pumpen Strahlenbrühe aus Reaktor

Mit Hochdruck gehen die Aufräumarbeiten im japanischen Unglücks-AKW Fukushima weiter. Jetzt haben Techniker begonnen, das hochradioaktive Wasser aus Reaktor 2 zu pumpen - allein diese Aufgabe könnte mehrere Wochen dauern.

Tokio - Schritt für Schritt arbeiten die Techniker an der japanischen Atomruine Fukushima I ihre Aufgaben ab. Am Montag drangen erstmals ferngesteuerte Roboter in die hochradioaktiven Kammern der Reaktorblöcke 1 bis 3 vor. Jetzt haben die Arbeiter des Betreibers Tepco mit einer anderen gefährlichen Aufgabe begonnen: An diesem Dienstag fingen sie an, das stark strahlende Wasser aus Reaktor 2 zu pumpen.

Zwar ist das Reaktorgebäude nur leicht beschädigt, weil sich dort keine Wasserstoffexplosion ereignet hatte. Dennoch muss Tepco mit Hochdruck daran arbeiten, auch Reaktor 2 wieder zu stabilisieren. Denn im Sicherheitsbehälter - jener Schutzhülle, die die Brennelemente umschließt und verhindert, dass das teils geschmolzene radioaktive Material austritt - wird ein Leck vermutet. Experten gehen von diesem Loch aus, weil das Wasser, das sich nach der Besprühung von oben in den Turbinenhallen und in Schächten gesammelt hat, teils hochradioaktiv ist.

Jetzt werde das Wasser in eine Auffanganlage gepumpt, in die rund 30.000 Tonnen Wasser passen würden, berichten japanische Medien. Die Mengen, die Tepco sammeln und entsorgen muss, sind immens: Allein im Tunnelschacht sollen sich 700 Tonnen des hochradioaktiven Wassers befinden. Dieses Wasser ist besonders gefährlich: 1000 Millisievert pro Stunde wurden etwa im Wasser in den Schächten unter Reaktor 2 gemessen. Wer sich sechs Stunden dieser Strahlung aussetzt, ist fast sicher dem Tod geweiht. Drei Techniker waren zu Beginn der Arbeiten in Reaktor 2 mit dem Wasser in Berührung gekommen - dabei hatten sie sich Verbrennungen zugezogen.

Insgesamt befinden sich aber nach Schätzungen von Tepco im gesamten Reaktor 2 rund 25.000 Tonnen radioaktiver Brühe. Die Schläuche zur Auffanganlage verlaufen an den Turbinengehäusen der Reaktoren 3 und 4 entlang. Das Problem: Pro Tag können, so Tepco, etwa 480 Tonnen abgepumpt werden. Allein das Abpumpen aus Reaktor 2 wird sich voraussichtlich Wochen, oder gar mehrere Monate hinziehen.

Auch in den Reaktoren 1 und 3 sollen sich rund 42.500 Tonnen an relativ gering belastetem Wasser befinden, hieß es in den japanischen Medien unter Berufung auf Tepco.

Die verseuchten Wassermengen sind zu groß, das Volumen der Auffangbecken zu klein. Weiterhin warten die Arbeiter auf ein riesiges Stahlfloß, das helfen soll, Wasser aufzunehmen. In den Riesentank sollen bis zu 18.000 Tonnen Wasser Platz haben. Doch noch wird das Floß für seinen Einsatz am Katastrophen-AKW Fukushima I vorbereitet.

Seit Beginn der Katastrophe haben die Einsatzkräfte Tausende von Tonnen Meer- und Süßwasser zur Kühlung der beschädigten Reaktoren eingesetzt. Tepco will innerhalb von drei Monaten durch das Schließen von Lecks das Austreten von Radioaktivität aus der Atomanlage im Nordosten des Landes verringern. Innerhalb von sechs bis neun Monaten soll die Temperatur in den Reaktoren und in den Abklingbecken für gebrauchte Brennstäbe so weit gesenkt werden, dass der Austritt auf ein "sehr geringes Maß" zurückgefahren werden kann.

Gute Nachrichten verbreitet auch die japanische Regierung: Sie hält die Gefahr einer vollständigen Kernschmelze im zerstörten Kernkraftwerk derzeit für weitgehend gebannt: "Wenn wir die Kühlung aufrechterhalten, ist so etwas unwahrscheinlich", sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Dienstag. Die andauernde Kühlung der Reaktoren mit Millionen Litern Wasser zeige zumindest eine gewisse Wirkung.

Die Atomaufsichtsbehörde hatte zuvor bestätigt, dass Brennstäbe in den Reaktoren 1, 2 und 3 teilweise geschmolzen sind. Nach Angaben des Atombetreibers Tepco besteht zudem die Möglichkeit, dass gebrauchte Brennstäbe in Reaktor 2 beschädigt sind. Wie groß die Schäden sind, sei noch nicht klar, sagte Edano. Atomexperten seien dabei, die Details zu analysieren.

cib/dpa

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