AKW Fukushima Mit Wasserbomben gegen die Kernschmelze

Es ist die zurzeit einzige Hoffnung im Kampf gegen die nukleare Katastrophe: Hubschrauber und Wasserwerfer sollen im havarierten Atomkraftwerk Fukushima notdürftig die Reaktorkerne und Abklingbecken kühlen. Experten halten den Einsatz für eine Verzweiflungstat.

AP/ The Yomiuri Shimbun

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Die Bilder wirken spektakulär - und sie spiegeln die wachsende Hilflosigkeit der japanischen Behörden wider: Helikopter haben am Donnerstag versucht, das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi aus der Luft zu kühlen. Militärhubschrauber vom Typ CH-47 Chinook warfen über Reaktorblock 3 mindestens vier Ladungen Wasser ab, sagte Kazumi Toyama, Sprecherin des Verteidigungsministeriums. Anschließend setzten die Behörden die Flüge aus, um die Wirkung des Einsatzes zu überprüfen.

Die Einsätze sollen - mit der Verstärkung durch elf Militärflugzeuge - fortgesetzt werden. Betreiber Tepco bewertete die Aktion an der Reaktor-Ruine gar als Erfolg: Es sei Dampf aufgestiegen, folglich hätten die Wasserwerfer das Becken mit den Brennstäben getroffen, zitierte die Nachrichtenagentur Kyodo einen Sprecher des Unternehmens.

Doch auf Fernsehbildern war zu sehen, dass sich ein Großteil des Wassers bereits in der Luft zerstreute. Wegen der intensiven Strahlung konnten die Hubschrauber nicht über ihren Zielen schweben, sondern mussten ihre Ladungen von jeweils 7,5 Tonnen Wasser im Vorbeiflug abwerfen. Das Kühlbecken eines Reaktors fasst 2000 Tonnen. Zwar sollen die Helikopter mit Bleiplatten ausgestattet sein, um die Besatzung vor der intensiven Strahlung abzuschirmen - doch hundertprozentigen Schutz bieten sie nach Ansicht von Fachleuten nicht.

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Atom-Notfall: Verzweiflung in Fukushima
Rund 40 Minuten könne eine Hubschrauberbesatzung arbeiten, ehe sie wegen der Strahlenbelastung abgelöst werden müsse, hieß es. Anders als noch am Mittwoch hätten die gemessenen Strahlenwerte am Donnerstag einen Lufteinsatz zugelassen, erklärte Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa nach dem Manöver. Zuletzt sei eine Strahlung von 4,13 Millisievert pro Stunde gemessen worden.

"Die Wasserwerfer zeigen nur die Verzweiflung"

Das Wasser soll den Reaktor kühlen und das Abklingbecken wieder auffüllen. Der Kraftwerksbetreiber Tepco hatte zuvor mitgeteilt, das Becken in Reaktorblock 3 sei fast leer und die Brennstäbe würden sich immer weiter erhitzen. Neben den Helikoptern sollen auch Wasserwerfer zur Bewässerung des Reaktors 3 und des entsprechenden Abklingbeckens eingesetzt werden. Die Hochdruckwasserwerfer sollen den Einsatzkräften einen größeren Abstand zu den Brennelementen ermöglichen.

Nach Meinung von Experten verdeutlichen diese Maßnahmen, wie dramatisch die Lage ist. "Die Wasserwerfer zeigen nur die Verzweiflung", sagt Wolfgang Renneberg, Ex-Chef der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. "Ich glaube nicht, dass sich die Situation in den Reaktoren stabilisiert hat." Die Japaner müssten alles probieren, um die Temperatur der teils undichten Meiler zu stabilisieren. "Die stehen mit dem Rücken an der Wand."

Die Bilder vom Helikopter-Einsatz hält Renneberg für den "Ausdruck eines gescheiterten Versuchs". Der Hubschrauber habe sich vermutlich dem Reaktor weiter nähern wollen. Wegen hoher Strahlenwerte sei das Manöver dann aber wohl abgebrochen worden, sagt Renneberg zu SPIEGEL ONLINE. Ein effektiver Kühlversuch sehe anders aus. "Ich glaube nicht, dass das so vorgesehen war."

Stromversorgung soll wiederhergestellt werden

Die japanischen Behörden teilten am Donnerstag mit, sie stünden womöglich kurz davor, die Stromversorgung im AKW und dem Kühlsystem der Reaktoren wiederherzustellen. Eine neue Stromleitung sei fast fertig und solle "so bald wie möglich" ausprobiert werden, sagte Tepco-Sprecher Naoki Tsunoda. Wann genau es so weit sein wird, sagte er nicht. Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete unter Berufung auf die nationale Atomsicherheitsbehörde, dass die Leitung bis zum Nachmittag (Vormittag MEZ) wieder funktionieren könnte.

Der Wiederaufbau der Stromleitung sei eine Selbstverständlichkeit, sagt Renneberg. "Man hat gar keine andere Chance, als das so zu machen." Je schneller die Kühlung wieder in Gang gebracht werde, desto besser seien die Chancen, ein langsames Durchschmelzen der Reaktorbehälter zu verhindern. "Möglicherweise funktioniert die eine oder andere Kühlpumpe noch", meint Renneberg.

Das aber bezweifelt der Reaktorexperte Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT): "Die gesamte frühere Kühlsystem-Infrastruktur ist stark beschädigt oder komplett zerstört. Der Tsunami hat Dieselaggregate, Pumpen und Hilfssysteme weggerissen." Wollten die Techniker die Reaktoren und die alten Brennelemente in den Abklingbecken kühlen, müssten sie deshalb auf neuem Wege Wasser heranschaffen. "Neue Leitungen oder Schläuche müssen entweder an die Reste des alten Kühlsystems angeschlossen oder direkt in die Reaktordruckbehälter und Abklingbecken geführt werden."

Allerdings sei auch das nicht ohne Risiko. Sollten etwa die Brennelemente in einem der beschädigten Reaktordruckbehälter komplett freiliegen und schmelzen, könnte die heiße Masse ins neue Wasser tropfen und im schlimmsten Fall eine Dampfexplosion auslösen. Zwar glaubt Knebel nicht, dass dies unmittelbar bevorsteht. "Wären Brennelemente völlig trocken gefallen, wären noch viel mehr Spaltprodukte in der Luft als ohnehin schon." Umso wichtiger sei es deshalb, die Anlagen weiterhin mit so viel Wasser wie möglich zu versorgen: "Die Reaktorkerne und Abklingbecken müssen langfristig gekühlt werden."

Sorge um Reaktorblöcke 5 und 6

Dass dazu jetzt Hubschrauber und Wasserwerfer eingesetzt werden, halten Fachleute allerdings für kein gutes Zeichen. "Das zeigt, dass man offenbar nicht in der Lage ist, auf anderem Wege genügend Kühlwasser heranzuschaffen", sagt Knebel. Zudem könne man die Abklingbecken mit den alten Brennelementen aus der Luft besser erreichen, da sie sich im oberen Bereich der Reaktorgebäude befinden. "An die Reaktordruckbehälter kommt man auf diesem Weg nur schwer heran", so Knebel.

Die Probleme im AKW werden indes nicht kleiner. Laut Gregory Jaczko, Chef der US-Atomsicherheitsbehörde NRC, gebe es im Abklingbecken des Reaktorblocks 4 kein Wasser mehr. Japanische Beamte äußerten ähnliche Sorgen. "Wir haben Angst, dass der Wasserstand in Reaktorblock 4 der niedrigste ist", sagte Tepco-Mitarbeiter Hikaru Kuroda. Weil sich die Arbeiter dem Reaktorblock 4 aber nicht nähern könnten, sei es nur möglich, "die Lage visuell von weiter weg" zu beobachten.

Für den Fall, dass die Kühlung der abgebrannten Brennelemente nicht gelingt, rechnet das französische Institut für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit (IRSN) mit einer nuklearen Verstrahlung größeren Ausmaßes. "In den nächsten 48 Stunden entscheidet es sich", sagte IRSN-Direktor Thierry Charles nach Angaben der Agentur AFP am Mittwoch. Andere Experten erklärten dagegen, eine zeitliche Prognose sei derzeit nicht möglich.

Inzwischen wächst auch die Sorge um die Reaktorblöcke 5 und 6. Regierungssprecher Yukio Edano sagte am Donnerstag, die Kühlversuche in den beiden Blöcken hätten noch nicht begonnen. Nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo sank der Wasserstand in Block 5, der Druck stieg.

"Das ist ein Himmelfahrtskommando"

Die Arbeit auf dem Reaktorgelände gilt als extrem gefährlich. Die Techniker sind nach Meinung von Medizinern Strahlendosen ausgesetzt, die mindestens ihr Krebsrisiko deutlich erhöhten. "Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll: Das ist wie ein Himmelfahrtskommando im Krieg", sagt Keiichi Nakagawa von der Radiologieabteilung der Tokioter Universitätsklinik.

Sebastian Pflugbeil, Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, nannte die Kraftwerksarbeiter "Todeskandidaten". Die gewaltige radioaktive Strahlung sei für sie eine "Katastrophe", die sie wohl früher sterben lasse. "Da wird keiner mehr aufs Dosimeter gucken. Die machen einfach ihre Arbeit und versuchen irgendwie noch, die Sache einzugrenzen oder zumindest zu verzögern." Pflugbeil übte zugleich Kritik an der Atomenergie insgesamt: "Wenn es nötig ist, dass Leute gezielt in den Tod gehen, um die Bevölkerung vor schlimmen Schäden zu bewahren, dann ist das eine schlechte Technologie."

Zudem wird Kritik an den bisherigen Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung laut. Bisher sind Zehntausende Menschen aus einem Umkreis von 20 Kilometern um die Atomanlage gebracht worden. Das sei angesichts der Lage in Fukushima Daiichi unzureichend, meint Yuhei Sato, Gouverneur der Präfektur Fukushima. "Die Angst und Entrüstung, die Menschen in Fukushima empfinden, haben den Siedepunkt erreicht", sagte Sato dem Fernsehsender NHK.

Auch die US-Regierung hält die Evakuierungszone für deutlich zu klein. Auf Anraten der NRC legte sie allen Amerikanern vor Ort nahe, das Gebiet im Umkreis von 80 Kilometern um Fukushima zu verlassen. Wer dies nicht könne, solle sich nicht im Freien aufhalten.

Die Situation der Flüchtlinge verschärft sich derweil. In der Präfektur Fukushima verlassen immer mehr Menschen ihre Häuser und bringen sich in Sicherheit. Wie NHK berichtete, flohen weitere 28.000 Menschen vor der Gefahr radioaktiver Verstrahlung. Weiter im Nordosten kämpfen die Menschen unterdessen gegen bittere Kälte. Benzin und Nahrungsmittel werden immer knapper.

Mitarbeit: Christoph Seidler

Mit Material von dpa und AP

insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
kenno 17.03.2011
1. gau
Zitat von sysopEs ist die zurzeit einzige Hoffnung im Kampf gegen die nukleare Katastrophe: Hubschrauber und Wasserwerfer*sollen*im havarierten Atomkraftwerk Fukushima notdürftig die Reaktorkerne und Abklingbecken*kühlen. Experten halten den Einsatz für eine Verzweiflungstat. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751457,00.html
Nun, da muss man kein Experte sein um das für komplett sinnlos zu halten. Aber macht einen guten Eindruck für's Fernsehen.
flusser, 17.03.2011
2. Wasserbomben
Mit Wasserbomben, soso! Der Spiefgel ist inzwischen zu einem Schmierenblatt verkommen, schlimmer als die Bildzeitung!
Viva24 17.03.2011
3. Jeder der Physik besucht hat
und vorallem aufgepasst hat weiß, dass was die Japaner machen ist zum Scheitern veurteilt. Oder haben Síe einen Fluß oder auch Bach mit Holzschalenbretter aufhalten können?. Die tun was, um etwas zu tun. Die müssten sich auf die kommenden Monate vorbereiten. Weitgehenede Evakuierung von Tokyo. Die Planung zum Bau von vielen Betonwände zur Verschließung der praktisch 10 Rekatorbaustellen. EIne Mamutaufgabe. Sie müssten nur noch Hilfe in die Welt schreien. Und was machen die Japaner! Das Falsche, Hauptsache Gesicht nicht verloren...
idealist100 17.03.2011
4. Witzig
Zitat von sysopEs ist die zurzeit einzige Hoffnung im Kampf gegen die nukleare Katastrophe: Hubschrauber und Wasserwerfer*sollen*im havarierten Atomkraftwerk Fukushima notdürftig die Reaktorkerne und Abklingbecken*kühlen. Experten halten den Einsatz für eine Verzweiflungstat. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751457,00.html
Mit dem Wasser sollen einzig und allein der Fallout minimiert werden. So zu sagen Regen um die Luft auszuwaschen.
Badibu 17.03.2011
5. reis reis reisserisch
Wasser(stoff)bomben gegen Kernschmelze. Bin ich der einzige, der diesen Pun unangebracht findet?
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