SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. März 2011, 07:37 Uhr

AKW-Havarie

Strahlung im Meer vor Fukushima steigt auf Rekordwert

Das radioaktive Material aus den havarierten Reaktoren in Fukushima gelangt unaufhörlich in die Umwelt. Im Ozean nahe den Meilern wurde nun eine Belastung von radioaktivem Jod gemessen, die 3355fach höher ist als erlaubt. Der Chef des AKW-Konzerns Tepco ist in eine Klinik eingeliefert worden.

Tokio - Die radioaktive Strahlung im Meer vor dem Katastrophen-AKW in Fukushima hat einen neuen Rekord erreicht: Die Messungen haben ergeben, dass die Menge an radioaktivem Jod 131 im Meerwasser nahe den Reaktoren 3355fach höher ist als erlaubt, teilte die Atomsicherheitsbehörde am Mittwoch mit.

Es ist der bisher höchste gemessene Wert im Meer vor Fukushima. Frühere Messungen hatten eine 1850fach erhöhte Belastung ergeben. Das sei ein Beleg dafür, dass weiterhin kontaminiertes Wasser aus dem zerstörten AKW in den Ozean fließt, heißt es weiter. Der hohe Jod-Wert sei "besorgniserregend", stelle jedoch keine Gefahr für die Gesundheit dar, sagte Behördensprecher Hidehiko Nishiyama. "Wir werden den Grund ermitteln und unser Möglichstes tun, um einen weiteren Anstieg zu verhindern, sagte Nishiyama.

Zuvor hatten die Techniker der Betreiberfirma Tepco entdeckt, dass sich Wasser in mehreren Kontrollschächten eines unterirdischen Kanals sammelt, der aus dem Turbinengebäude des Reaktors hinausführt. Dort wurde eine Strahlenbelastung durch das Wasser von 1000 Millisievert pro Stunde gemessen. Durch diese Kontrollschächte laufen Kabel und Abwasserleitungen, sie befinden sich nur 60 Meter vom Meer entfernt. Möglicherweise ist auf diese Weise belastetes Wasser in den Ozean gelangt.

Japans Ministerpräsident Naoto Kan bezeichnete die Entwicklung als "unvorhersehbar". Kan und der US-Präsident Barack Obama wollen bei der Bekämpfung der Krise eng zusammenarbeiten. Die Einsatzkräfte versuchen unter kaum erträglichen Bedingungen, das AKW zu kühlen. Nach Experten-Einschätzung kann es Monate dauern, bis eine Kernschmelze endgültig abgewendet ist.

Erholung in Sicht?

Die US-Regierung erwartet nur eine langsame Stabilisierung der Lage. "Derzeitige Informationen lassen vermuten, dass die Reaktoren sich langsam von dem Unfall erholen", sagte der designierte Vizeenergieminister Peter Lyons am Dienstag vor einem Ausschuss des Senats in Washington. Nach Einschätzung der internationalen Atomenergiebehörde IAEA ist die Lage in Fukushima weiter sehr ernst.

Am Montag hatte Tepco zudem bekanntgegeben, dass Spuren des radioaktiven und hochgiftigen Schwermetalls Plutonium gefunden worden seien. Der Nachweis von Plutoniumspuren in Bodenproben aus der Umgebung des Atomkraftwerks könnte darauf hindeuten, dass eine "sehr kleine Menge" des Elements aus der Atomruine freigesetzt worden sein könnte, sagte die IAEA.

Inzwischen ist der Präsident des japanischen Betreibers Tepco in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Masataka Shimizu habe zuvor über Bluthochdruck und Schwindelgefühl geklagt, sagte ein Tepco-Sprecher am Mittwoch. Bereits seit einigen Tagen war Shimizu nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen, was Tepco zusätzliche heftige Kritik am Krisenmanagement eingebracht hatte. Dieses soll nun der Vorstandsvorsitzende Tsunehisa Katsumata übernehmen.

Ministerpräsident Naoto Kan sagte, der Konzern sei auf Vorfälle wie das Megaerdbeben vom 11. März und den darauffolgenden Tsunami nur ungenügend vorbereitet gewesen.

Unterdessen hat die Umweltorganisation Greenpeace ebenfalls Messungen vor Ort durchgeführt: In dem 7000-Einwohner-Ort Iitate, 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, gab es demnach eine Strahlenbelastung von bis zu zehn Mikrosievert in der Stunde. Um Tsushima seien sogar 100 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden. Das teilte die Organisation am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Tokio mit. Zum Vergleich: 2,1 Millisievert - also 2100 Mikrosievert - im ganzen Jahr ist jeder Mensch in Deutschland durchschnittlich ausgesetzt.

Jan van de Putte, Strahlenexperte von Greenpeace: "Es ist für die Menschen eindeutig nicht sicher, in Iitate zu bleiben, vor allem für Kinder und schwangere Frauen. Sie könnten die maximal zulässige jährliche Strahlendosis in nur wenigen Tagen abbekommen." Die japanische Regierung hat bisher eine 20-Kilometer-Evakuierungszone um das Atomkraftwerk errichtet.

cib/dpa/dapd

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung