AKW Krümmel Gutachterin spricht Vattenfall Kompetenz für Reaktorbetrieb ab

Neue schwere Vorwürfe gegen Vattenfall: Nach diversen Pannen im Kraftwerk Krümmel kommt ein im Auftrag der Grünen erstelltes Gutachten zum Schluss, dass dem Energiekonzern die Fachkunde zum Betreiben einer Atomanlage fehlt. Politiker der Partei fordern die sofortige Stilllegung des Reaktors.
Brand im AKW Krümmel (28. Juni 2007): "Vernachlässigt den Bereich der Schadenvorsorge"

Brand im AKW Krümmel (28. Juni 2007): "Vernachlässigt den Bereich der Schadenvorsorge"

Foto: A9999 Timo Jann/ dpa

Die Zwischenfälle im Kernkraftwerk Krümmel und ein teils ungeschicktes Krisenmanagement haben dem Energiekonzern Vattenfall in den vergangenen Monaten scharfe Kritik eingebracht. Jetzt hat die Bundestagsfraktion von Bündnis 90 und den Grünen ein neues Gutachten über die Versäumnisse im AKW Krümmel in Auftrag gegeben. Die Untersuchung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, lässt kaum ein gutes Haar an Vattenfall.

Vattenfall setze in Krümmel Wirtschaftlichkeit vor Sicherheit, lautet einer der zentralen Vorwürfe der Hannoveraner Atomexpertin und Physikerin Oda Becker, die das Gutachten angefertigt hat. Das sei schon daran erkennbar, dass es im AKW Krümmel bis zum 31. März zu 314 meldepflichtigen Ereignissen gekommen sei. Damit gehöre der Reaktor zu den störanfälligsten Deutschlands.

Zudem habe Vattenfall gegen diverse Auflagen der Atomaufsicht verstoßen, heißt es in dem Gutachten. So gebe es noch immer keine Audio-Aufzeichnung in der Leitwarte - obwohl dies nach dem Brand und der Abschaltung des AKW Krümmel im Juni 2007 vorgesehen gewesen sei. Auch die Schulung und Qualifizierung des Personals werde weiter vernachlässigt.

Bis heute habe Vattenfall aus dem Unfall von 2007 nichts gelernt, heißt es in dem Gutachten. Das zeige sich etwa daran, dass es zwischen dem Wiederanfahren des Reaktors am 19. Juni 2009 und der erneuten Schnellabschaltung am 4. Juli zu einer ganzen Serie von Pannen gekommen sei:

  • Ein Leck am Turbinenkondensator sei bereits am 20. Juni bemerkt, aber erst am 3. Juli lokalisiert worden.
  • Am 23. Juni sei ein falsch eingestelltes Turbinenventil trotz Prüfung nicht aufgefallen.
  • Am 1. Juli sei es zu einer Turbinen-Schnellabschaltung gekommen, weil eine Handarmatur fehlerhaft geschlossen gewesen sei.
  • Während der Abschaltung der Turbine fiel auch eine Speisewasserpumpe aus.
  • Am 4. Juli kam es dann zur Schnellabschaltung des Reaktors durch einen Kurzschluss am Maschinentransformator aus bisher ungeklärter Ursache. Zuvor habe Vattenfall ein vorgeschriebenes Messgerät nicht installiert - "ein profunder Beleg für die eklatanten Mängel an Zuverlässigkeit", wie die Grünen in der Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse schreiben.
  • Während der Schnellabschaltung kam es laut dem Gutachten zu Anormalitäten. So seien ein Steuerstabantrieb und die Kühlung des Reaktorreinigungssystems wegen eines fehlerhaft geschlossenen Ventils für vier Stunden ausgefallen. Der Defekt sei bei kurz vorher durchgeführten Überprüfungen nicht bemerkt worden. "Dieses weist auf geringe Qualitätssicherung bei Prüfungen hin", so Gutachterin Becker.

Zudem wurde erst vergangene Woche bekannt, dass die schleswig-holsteinische Atomaufsicht das Wiederanfahren des Reaktors am 19. Juni genehmigt hatte, obwohl ihr Sicherheitsprobleme bekannt waren.

Beckers Fazit fällt vernichtend aus: "Vattenfall vernachlässigt insgesamt den Bereich der Schadensvorsorge erheblich", so die Physikerin. Das Alterungsmanagement in Krümmel sei unzureichend, die Ursachen der "überproportional häufig auftretenden meldepflichtigen Ereignisse" blieben ungeklärt, Sicherheitsprüfungen erfolgen erst nach Aufforderung durch die Atomaufsicht. Krümmel sei insgesamt "in einem sicherheitstechnisch bedenklichen Zustand", so die Physikerin. "Vattenfall nimmt das Risiko, dass dadurch von seiner Anlage ausgeht, in Kauf."

Zweifel an Zuverlässigkeit und Fachkunde Vattenfalls

Das AKW Krümmel könne "wenn überhaupt nur mit einem extrem hohen zeitlichen und finanziellen Aufwand wieder auf ein vertretbares Sicherheitsniveau gebracht werden". Doch die entsprechende Bereitschaft sei bei Vattenfall nicht erkennbar. Das zeige sich insbesondere daran, dass der Energiekonzern die gleichen Fehler immer wieder begehe. Das ist nach Beckers Meinung der Hauptgrund für "Zweifel an der erforderlichen Zuverlässigkeit und Fachkunde" Vattenfalls für den Betrieb einer Atomanlage.

In Zukunft sei deshalb mit weiteren, möglicherweise noch schlimmeren Unfällen zu rechnen. "Es besteht in Krümmel, verursacht durch die mangelhafte Sicherheitskultur des Betreibers, die erhöhte Gefahr, dass eine Kombination aus Bedienungsfehlern und technischen Fehlern zu einem schweren Unfall führt", schreibt Becker. "Zum Schutze der Bevölkerung ist daher von einer erneuten Inbetriebnahme abzuraten."

Bei Vattenfall Europe hält man die Vorwürfe für "haltlos", die Sicherheit der Kraftwerke habe für den Konzern die "oberste Priorität". Krümmel sei nach dem rund zweijährigen Stillstand "nach sorgfältiger Prüfung, auch durch die atomrechtliche Aufsichtsbehörde und deren Gutachter und Sachverständige, wieder in Betrieb gegangen", sagte Vattenfall-Sprecher Ivo Banek auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Bei der Schnellabschaltung am 4. Juli nach dem Kurzschluss in einem Maschinentransformator hätten alle Sicherheitssystem "wie vorgesehen funktioniert". Allerdings räumte Banek ein: Dabei habe es "Fehler und Versäumnisse gegeben, aus denen bereits Konsequenzen gezogen worden sind".

Grüne fordern Entzug der Betriebserlaubnis

Die Grünen üben erneut scharfe Kritik an Vattenfall: Anstatt angesichts der bisherigen Vorfälle in Krümmel besondere Vorsicht walten zu lassen, treibe der Konzern den Reaktor bis an die Leistungsgrenze, "um den Profit zu maximieren". "Vattenfall muss die Erlaubnis für den Betrieb von AKWs entzogen werden", meint Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. "Das Unternehmen hat aus dem Trafobrand in Krümmel 2007 überhaupt nichts gelernt, die Sicherheitskultur ist immer noch katastrophal." Es sei zudem "unverantwortlich", dass CDU und FDP alte und unsichere Meiler länger laufen lassen wollten. "Schwarz-Gelb will radioaktive Gelddruckmaschinen sichern", so Künast.