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Schwedens Atomüll: Sicherheitskonzept für kommende Jahrtausende

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Zukunfts-Archäologie Wie verstecken wir unseren Müll vor den Nachfahren?

Atommüll kann Zehntausende Jahre lang strahlen. Wie warnt man Menschen vor der Gefahr, die in ferner Zukunft weder Sprachen noch Symbole von heute verstehen? In Schweden sollen das jetzt Forscher beantworten, die sich mit altem Müll bestens auskennen: Archäologen.

Vor 100.000 Jahren machte sich Homo sapiens von Afrika aus Richtung Norden und Osten auf - und danach dauerte es volle 90.000 Jahre, bis der Mensch anfing, vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern zu werden. Vor rund 4500 Jahren bauten die Ägypter die Pyramiden. Vor tausend Jahren wagten sich die ersten Wikinger gen Westen und entdeckten dort das Vinland, das später Amerika heißen sollte.

Die technologischen Revolutionen scheinen in immer schnellerer Folge zu kommen - insbesondere in der Kommunikation. Im 15. Jahrhundert wurde der moderne Buchdruck erfunden, 1832 erstmals eine Nachricht per Telegraf übertragen. Bis zur ersten Radiosendung vergingen dann nur noch knapp 70 Jahre, der Schritt zum Fernsehen war in weiteren 30 Jahren geschafft. Das World Wide Web gibt es seit 1991 - einer Zeit, in der wir Musik noch von Kassetten hörten und auf der Informationssuche zum Brockhaus griffen. Um sich zu verabreden, drehte mancher noch die Wählscheibe am Telefon - die E-Mail war nur Nerds bekannt. Facebook ist ganze acht Jahre alt, Twitter sechs. Das erste iPhone kam vor fünf Jahren in die Läden.

Der nukleare Abfall von heute wird immer noch strahlen

Wie wird die Welt angesichts dieser Geschwindigkeit erst in 100, 1000, 10.000 oder 100.000 Jahren aussehen? Das meiste lässt sich nicht einmal erahnen. Eines aber lässt sich mit Sicherheit sagen: Der nukleare Abfall, den wir heute produzieren, wird immer noch strahlen. Sollte es dann noch Menschen geben, könnten sie von uns so verschieden sein wie wir vom Neandertaler. Werden sie eine der heutigen Sprachen verstehen? Wohl kaum. Werden sie Symbolen, wie etwa Warnsignalen, die gleiche Bedeutung zuschreiben? Unwahrscheinlich. Werden sie überhaupt in ähnlichen Strukturen denken, die Umwelt ähnlich wahrnehmen, Informationen ähnlich verarbeiten? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Wie man atomare Endlagerstätten trotzdem für eine ferne Zukunft verständlich kennzeichnen kann, versuchen Cornelius Holtorf und Anders Högberg zu ergründen. Die Archäologen von der Linné-Universität in Kalmar arbeiten im Auftrag der schwedischen Gesellschaft für Atomenergie- und Abfallverwaltung SKB. Während Techniker, Architekten oder Physiker stets im Hier und Jetzt arbeiten, kennen die Archäologen sich bestens aus mit Veränderungen über lange Zeiträume. "Als Anders und ich im Frühjahr 2011 mit der Firmenleitung in Stockholm ins Gespräch kamen, waren wir uns sehr schnell einig", sagt Holtorf. "Es schien, als hätten sie dort regelrecht auf Geisteswissenschaftler gewartet, die sich für ihre Fragen interessierten."

In den Tiefen der Zukunft lauern jede Menge Gefahren für Nuklearmüll. Wie etwa Naturgewalten: Gletscher können über ihm entstehen, Erdbeben den Boden aufreißen, gewaltige Brände die Landschaft verglühen. "Auch Terroristen der Zukunft, die vielleicht nach Kernmaterial suchen, sind ein mögliches Problem", sagt Holtorf.

Fast ebenso gefährlich wie eine versehentliche oder mutwillige Zerstörung der Lagerstätte ist das Vergessen. Zwar liegen die geplanten schwedischen Endlager 500 Meter tief in festem Granitgestein. Eine Naturkatastrophe aber könnte die Region so stark verändern, dass niemand mehr das Lager wiederfindet. Denkbar sind auch Migrationen: Menschen, die um die Endlagerstätten wissen, ziehen weg. Andere, die nichts davon wissen, besiedeln das Gebiet neu.

Selbst zwischen dem Erinnern und dem Vergessen liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr: das Halbwissen - die Ahnung. Einen Behälter zu bauen, der 100.000 Jahre lang Gletschern, Erdbeben und Feuersbrünsten widersteht, liegt durchaus noch im Bereich des Machbaren. Doch einen Behälter zu bauen, der auch der Neugierde der Nachfahren standhält, führt die Naturwissenschaftler an ihre Grenzen.

Ein Zeichen, das jeden mit Furcht erfüllt

Hier beginnt die Arbeit von Holtorf und Högberg. Es gilt, die Orte an der Erdoberfläche so zu markieren, dass die Gefahr, die von ihm ausgeht, sofort für jeden Menschen der Zukunft ersichtlich ist. Das heute übliche Piktogramm der kleinen Kugel mit den drei schwarzen Strahlenbalken nützt da wenig. Man braucht nicht einmal viel Phantasie, um es auch als leuchtende Sonne, als Windmühle oder gar als stilisiertes Männchen mit einladend winkenden Armen zu interpretieren. Wie aber könnte ein Zeichen aussehen, bei dem jeder Mensch instinktiv die Flucht ergreift?

Lange Zeit erfüllte der Totenkopf diese Bedeutung. Doch fragt man heute ein Kind, was der Totenschädel bedeutet, dürfte es mit strahlenden Augen antworten: "Piraten!" Besser als Warnsignal geeignet ist eine kollektive Erinnerung. Manchmal stößt man - gerade in ländlichen Gegenden, wo wenig Menschen neu hinzukommen oder wegziehen - auf Orte, über die finstere Legenden kursieren. Das kann ein Wald sein, den nach Einbruch der Dunkelheit niemand mehr gerne durchquert, oder ein Hügel, auf dem kein Bauer seine Saat ausstreuen würde.

Archäologen werden bei solchen Orten hellhörig. Nicht selten verbirgt sich unter den Baumwurzeln oder dem Erdhügel eine alte Richtstätte oder ein Massengrab, in dem die Toten einer Schlacht bestattet wurden. Von den oberirdischen Markierungen ist nichts geblieben - wohl aber die Erinnerung daran, dass an diesem Ort einst der Tod reiche Ernte hielt.

Strahlenkatzen und Atompriester

Die Forschungsrichtung der Atomsemiotik beschäftigt sich schon lange mit diesen Fragen. Bereits 1981 rief die US-Regierung und der Bechtel Konzern die Arbeitsgruppe "Human Interference Task Force" ins Leben, um kreative Konzepte zur Warnung vor Atommüll zu finden. An Kreativität hat es nie gemangelt. So schlugen zum Beispiel die Pariser Kommunikationsforscherin Françoise Bastide und ihr Kollege Paolo Fabbri von der Universität Palermo vor, in dem Gebiet um das Endlager genmanipulierte Strahlenkatzen anzusiedeln, deren Fellfarbe sich bei erhöhter Radioaktivität ändert. Gleichzeitig mit den Tieren sollen Mythen und Märchen verbreitet werden, damit auch künftige Generationen noch wissen: Färbt sich das Katzenfell, ergreift man besser die Flucht.

Der amerikanische Semiotiker Thomas Sebeok setzte dagegen lieber auf Menschen. Er wollte eine Atompriesterschaft gründen - eine Elitegruppe von Naturwissenschaftlern. Die Priester würden religiösen Zeremonien vorstehen und Legenden verbreiten, die sich um die Gefahr der Endlagerstätten ranken. Die Wahrheit mit allen Daten und Fakten bliebe dabei nur ihnen vorbehalten. Damit das Wissen nicht verloren geht, sollten die Priester jeweils ihre Nachfolger selber bestimmen und ausbilden.

Sogar der polnische Science-Fiction-Autor und Philosoph Stanisaw Lem beschäftigte sich mit Atomsemiotik. Er vertrat die Ansicht, dass nur ein mathematischer Code die Botschaft in die Zukunft transportieren könne. Er solle auf Edelmetallen oder in biologischem, sich selbst regenerierendem DNA-Material weitergegeben werden.

Tonscherben könnten die Botschaft tragen

In diesem Jahr erschien eine Studie des Geologen und Sozialwissenschaftlers Marcos Buser vom Institut für nachhaltige Abfallwirtschaft in Zürich, in der er die bisherigen Vorschläge bewertete. Sein Favorit: Tonscherben. Riesige Mengen von Tonscherben. "Das Material darf nicht wertvoll sein, da es sonst gestohlen wird", sagte Buser der Schweizer Nachrichtenagentur sda. Tonscherben, ist er überzeugt, wolle garantiert niemand haben. Mit ihnen könne man Warnzeichen legen, die kein Mensch abräumen würde. Allerdings: Als Symbole schlug Buser eben jene Nuklearzeichen und Totenköpfe vor, die in ferner Zukunft womöglich nicht mehr funktionieren.

Höchste Zeit also für einen archäologischen Blick auf das Problem. Wie verhalten sich Menschen über lange Zeiträume? Welche Zeichen bewähren sich besser als andere? Holtorf und Hörberg hoffen, Antworten auf diese Fragen zu finden - und sie sind mit ihren Überlegungen nicht allein. "Es gibt derzeit auch noch weitere Forschungsprojekte zu ähnlichen Themen", sagt Holtorf, "etwa bei der französischen Atommüll-Verwaltungsbehörde Andra."

Ist das, was die Archäologen da treiben, noch die Untersuchung der Vergangenheit - oder bereits Zukunftsforschung? "Ich nenne unsere Forschungsrichtung 'angewandte Archäologie'", sagt Holtorf. "Weil sie nicht nur zum Wissen über die Vergangenheit beiträgt, sondern auch auf gegenwärtige Fragen angewendet werden kann."

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