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Archäologie-Experiment Antiker Leinenpanzer schützt so gut wie Kevlar

Ein bisschen Flachs, Leinsamen und Stoff - fertig ist der Brustpanzer. Historiker und Archäologen haben eine Leichtrüstung aus Zeiten Alexanders des Großen rekonstruiert und Erstaunliches herausgefunden: Das vollkommen metallfreie Hemd schützt so gut wie eine moderne schusssichere Weste.
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Antiker Panzer: Leinen schützt Leben

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Alexander der Große eroberte sich ein riesiges Weltreich zusammen - aber der Feldherr trug keine metallene Rüstung. Nur ein Leinenhemd schützte ihn vor feindlichen Pfeilen, Äxten und Speeren, so ist es durch zahlreiche Geschichtsschreiber überliefert.

Leinen statt Metall - das war nichts Ungewöhnliches für die damalige Zeit. Makedonen, Griechen und später auch die Römer kämpften in diesen Panzern aus speziell verstärktem Leinen, Linothorax genannt. Lange Zeit gab sie den Forschern Rätsel auf: Woraus bestand diese geheimnisvolle Rüstung?

"Um was für eine mysteriöse Rüstung es sich beim Linothorax genau gehandelt hat, wissen wir leider nicht", sagt Gregory Aldrete von der University of Wisconsin-Green Bay. "Leinen verrottet ja leicht, und so hat kein Exemplar bis in unsere Zeit überlebt." Also lautete die einzige Lösung: Aldrete musste selbst zum Leinenpanzermacher werden. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Studenten Scott Bartell rief er das "Linothorax Project" ins Leben.

Ihr Glück war, dass die alten Gelehrten ausgiebig über den Linothorax geschrieben haben. "Wir kennen aus antiken Texten derzeit 25 Beschreibungen von 17 verschiedenen Autoren", sagt Bartell SPIEGEL ONLINE. So erzählt Plutarch in seiner Alexander-Biografie, was der Makedonenherrscher am Leib trug, als er am Morgen des 1. Oktober 331 v. Chr. vor der Schlacht von Gaugamela aus seinem Zelt trat: einen sizilianischen Mantel und darüber "den Brustpanzer aus gefaltetem Leinen aus der Beute der Schlacht von Issos".

Das Ergebnis war zunächst eine Art steifer Karton

Ein Linothorax ziert den Feldherrn auch auf dem Alexandermosaik aus Pompeji. Das Stück ist sogar hübsch bunt bemalt - mit einem Medusenkopf auf der Brust. Außerdem war der Leinenpanzer glücklicherweise ein Lieblingsobjekt der griechischen Vasenmaler. Die Museen stehen voll mit Pötten, auf denen Soldaten des Landes gerade im Begriff sind, Leinenpanzer anzulegen oder sich mit ihm bekleidet mitten ins Schlachtgetümmel zu stürzen.

Für das Rekonstruktionsprojekt begann das Team ganz von vorne: mit Flachssamen. Denn Leinen besteht aus den Fasern der Flachspflanze. "Der schwerste Teil des Projektes war, authentisches Leinen zu finden. Es sollte möglichst aus Flachs gemacht sein, der per Hand gesät, geerntet, verarbeitet, gesponnen und gewebt wurde." Zum Glück war auch Heidi Sherman, Expertin für antikes Leinen, im Team. "Wir haben schließlich einen Stoff, der dem antiken Leinen sehr ähnlich ist, bei einer kleinen Manufaktur im Nordosten Wisconsins gefunden", sagt sie.

Die zweite essentielle Zutat: der Kleber. Womit leimten die Griechen ihre Panzer zusammen? Hauptsächlich experimentierte das Team mit Hasenleim. Dazu wird pulverisierte Hasenhaut in Wasser eingeweicht und so lange gekocht, bis die Flüssigkeit zäh wird. Doch am Ende war es ein ebenfalls auf Flachs basierender Kleber, der am besten funktionierte. "Alles andere hat sich zu leicht wieder aufgelöst, sobald der Linothorax feucht geworden ist", sagt Sherman.

Das Ergebnis war zunächst eine Art steifer Karton. Doch einmal angelegt, schmiegte sich das Material durch die Körperwärme bald an den Oberkörper des Trägers und passte sich ihm genau an. So maßgeschneiderte Brustpanzer hätte ein Rüstungsschmied aus Eisen niemals herstellen können.

Aldrete wollte das Material nun testen - allerdings nicht unbedingt am lebenden Objekt. Stattdessen spannte das Team die verklebten Leinenbahnen auf Rahmen. Und traktierte die Panzerstoffe mit allem, was antike Waffenkammern zu bieten hatten: Schwerter, Äxte, Morgensterne, Speere und Pfeilspitzen. Natürlich waren alles Repliken, hergestellt nach Vorbildern aus dem Nationalmuseum in Athen.

Der Linothorax schützte vor Pfeilen

Und tatsächlich, der selbstgemachte Linothorax-Stoff erwies sich als durchaus geeignet, einen Feldherrn wie Alexander zu schützen. "Die verklebten Leinenschichten funktionieren wie eine antike Version von Kevlar - dem Material, aus dem moderne schusssichere Westen gemacht sind", sagt Aldrete. "Die Flexibilität des Materials verteilt die Kraft eines aufprallenden Pfeils".

Dabei simulierte der Versuchsaufbau sogar das schlimmstmögliche Szenario. Denn alle Kräfte wirkten aus nächster Nähe und frontal auf das Gewebe ein. Im Schlachtgetümmel dagegen bewegt sich der Soldat ja und ist kein statisches Ziel.

Im Test verglichen die Wissenschaftler Stoffe aus 11, 15 und 20 Schichten. Besonders gut messbar waren die Ergebnisse der Pfeilattacken: Ein Geschoss, das mit 25 Pfund Zugkraft aus nur 7,5 Metern Entfernung abgefeuert wurde, bohrte sich in alle drei Varianten gerade mal einen Zentimeter tief - und hätte so kaum mehr als einen unangenehmen Kratzer auf der Haut verursacht. Selbst bei 45 Pfund Zugkraft kam der Pfeil lediglich zwei Zentimeter tief. Weit genug entfernt von allen lebenswichtigen Organen. Erst ein mit 60 Pfund Zugkraft abgeschossener Pfeil hätte den Träger eines Linothorax aus 11 oder 15 Schichten ernsthaft verwundet. Einen 20-schichtigen Leinenpanzer hätte er 3,5 Zentimeter tief durchschlagen.

Wenn der Schütze 15 Meter weit weg stand, kamen nur Pfeile mit einer Zugkraft von 60 Pfund tiefer als zwei Zentimeter. Und auf 30 Meter Distanz schabten die Projektile kaum mehr die Oberfläche des Linothorax an. Die Soldaten waren mit ihren Schutzpanzern offenbar gut gewappnet - auch gegen schwerere Waffen, berichtet Bartell: "Schwerter oder Messer ritzten nur die obersten Schichten an." Und auch Äxte oder Morgensterne schafften es nicht, durch den Panzer zu kommen. "Wir vermuten aber doch, dass sie heftige blaue Flecken oder gebrochene Rippen verursacht haben."

Leichter, luftiger und billiger

Der Linothorax hat einige Vorteile gegenüber herkömmlichen Metallpanzern. Er ist schlicht leichter - er wiegt nur rund ein Drittel. Außerdem ist Leinen atmungsaktiv und kühlt den Träger. "Ich habe meinen Linothorax im Sommer bis zu drei Stunden am Stück getragen und mich dabei sogar noch sportlich betätigt: rennen, klettern, Speerwurf-Simulationen", sagt Bartell. "Die Rüstung hat mich nicht behindert und war sogar ziemlich bequem. Mit einem Metallpanzer wäre das unmöglich gewesen."

Auch die Herstellung ist leichter als bei Metallrüstungen. Leinen ist leichter in großen Mengen zu beschaffen, und für die Fertigung braucht man keine speziell ausgebildeten Schmiede. Einen Linothorax kann im Prinzip jeder bauen, der Schere und Kleisterpinsel handhaben kann. 

Wenn man wie Alexander eine Armee ausstatten will, sind nicht zuletzt die Kosten entscheidend. Obwohl der Herrscher seinerzeit hauptsächlich Landstriche mit heiß-trockenem Klima eroberte, hätte er seine Soldaten auch getrost in die norddeutsche Tiefebene schicken können. Denn mit Bienenwachs, Pinienharz oder Schafsfett ließ sich so ein Linothorax bei Bedarf sogar noch wasserfest imprägnieren.

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