Atom-Angst nach Japan Obama muss um seine Energiewende kämpfen

Schwierige Gratwanderung für den Präsidenten: Die Lage in Fukushima löst bei der US-Atombehörde tiefste Besorgnis und extrem kritische Fragen aus - zugleich erklärt sie US-Atomkraftwerke für sicher. Und Atomenergie ist zentraler Bestandteil von Obamas Plan für eine Energiewende.

REUTERS

Von , New York


Greg Jaczko ist nicht unbedingt ein Freund der Atomindustrie. Immer schon engagierte sich der 40-jährige Physiker gegen die ungebrochene Expansion der Branche. Als Berater des demokratischen US-Senators Harry Reid half er zum Beispiel, das geplante nukleare Endlager im Yucca Mountain in Reids Heimatstaat Nevada zu kippen. Im März 2009 legte die Regierung das kontroverse Projekt endgültig zu den Akten.

Eine Woche später ernannte US-Präsident Barack Obama Jaczko zum Vorsitzenden der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde NRC.

Ironie und politischer Zwiespalt dieser Besetzung haben sich selten klarer offenbart als seit der Katastrophe im japanischen Kraftwerk Fukushima. Während Japans Behörden mauern, mauscheln, abwiegeln oder sich irren, schlägt Jaczko laut Alarm. Seine NRC hat unter anderem dafür gesorgt, dass die US-Regierung eine viel weitere Evakuierungszone um Fukushima zirkelte als die japanische.

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AKW-Katastrophe in Fukushima: Kaskade der Hiobsbotschaften
Jaczkos Gespür hat sich als korrekt erwiesen: Die Lage in Fukushima eskaliert.

Und doch: Selbst Jaczko schließt einen US-Ausstieg aus der Atomkraft kategorisch aus. "Amerikas Atomanlagen sind weiter sicher", versicherte er dem Energieausschuss des Repräsentantenhauses in Washington jetzt.

Eine bezeichnende Diskrepanz. Im japanischen Atom-Drama haben sich die Amerikaner nicht nur als die profiliertesten aller internationalen Beobachter erwiesen, sondern oft auch als die kritischsten. Dahinter steckt aber vor allem auch politisches Eigeninteresse - gepaart mit, so widersprüchlich das auch klingen mag, dem festen Glauben an den Sinn der Atomenergie.

Ein Konzern, der um seinen Ruf bangt

Amerikas ausgeprägtes Interesse an Fukushima liegt zum einen daran, dass dessen Reaktoren - Siedewasserreaktoren der Marke BWR Mark 1 - vom US-Konglomerat General Electric (GE) gebaut wurden. GE bangt nun um seinen Ruf, zumal auch 23 der 104 AKW in den USA ein vergleichbares Design haben.

Zum anderen will die US-Regierung mit der Zurschaustellung betonter Umsicht die Bevölkerung beruhigen, deren Zustimmung zur Kernkraft langsam zu bröckeln beginnt. Denn die Atomkraft ist ein zentraler Kernpunkt der großen Energiewende, die Obama durchsetzen will. Dazu geht er diese Woche auf PR-Tour, beginnend mit einer Rede am Mittwoch über "Amerikas Energiesicherheit".

Trotz der aktuellen Lage in Libyen debattieren die USA auch die Situation in Japan weiter heiß. Die Atomlobby setzt alle ihre Kräfte ein, um die bisherige US-Renaissance der Kernkraft aufrechtzuerhalten. Die Ökolobby wittert Morgenluft. Das Weiße Haus versucht in typischer Obama-Manier, einen Mittelweg zwischen den beiden Polen zu finden.

"Wir bestimmen keine Gewinner oder Verlierer"

Wie verzwickt das Thema ist, zeigte sich auch am Dienstag. Da lud das Weiße Haus Reporter zu einer Telefonkonferenz, um ihnen eine Vorschau auf Obamas Energie-Rede zu geben. Das Wort "Atomkraft" nahm das Obama-Team aber nur ein einziges Mal in den Mund, und erst auf Nachfrage. "Wir bestimmen keine Gewinner oder Verlierer", druckste eine Präsidentenberaterin herum.

Stattdessen sprachen Obamas Energieexperten von explodierenden Benzinpreisen, von Biosprit, von unerschlossenen Ölfeldern vor den US-Küsten. Das Reizthema Atomkraft wurde wohlweislich ausgespart - obwohl Kernkraft mehr als 20 Prozent des US-Energiebedarfs stellt.

Doch das Weiße Haus weiß: In der Atom-Diskussion regieren Emotionen. Wie lässt sich Fukushima erklären, ohne Panik zu schüren? Wie lassen sich die Bürger beruhigen, ohne die Dinge schönzureden? Wie lässt sich ein GAU ausschließen, der nie völlig auszuschließen ist?

Schon kurz nach dem Erdbeben in Japan hatten sich die ersten US-Fachleute zu Wort gemeldet. Ken Bergeron, ein renommierter, oft atomkritischer Physiker, nannte einen Unfall von der Art wie in Fukushima "Neuland" - eine Warnung, die den anfänglichen Beschwichtigungen aus Japan damals bereits entgegenstand. Prompt schickte die US-Atomlobby ihre Leute an die TV-Front.

Dann kam der Streit um die Evakuierungszone um Fukushima. Japan bestimmte einen Radius von 19 Kilometern. Washington riet den US-Bürgern in Japan dagegen zu 80 Kilometern und begann, Amerikaner auszufliegen.

Alles in allem ist es eine schwierige Gratwanderung für die US-Regierung. Am Dienstag musste sich dabei Peter Lyons bewähren, der für Atomkraft zuständige Vizeenergieminister. Er bemühte sich, den Energieausschuss des Senats über die neuesten Berichte aus Fukushima zu briefen.

Lyons, der jahrzehntelang im US-Kernforschungszentrum Los Alamos gearbeitet hat - attestierte der havarierten Anlage "eine langsame Besserung". Assistiert von NRC-Betriebschef Bill Borchardt warnte Lyons aber vor allzu frühem Aufatmen: Eine Langzeitkühlung der betroffenen Reaktoren sei bisher "weiter nicht angemessen wiederhergestellt".

Die Ferndiagnose stützt sich auf Informationen von inzwischen 40 Mitarbeitern, die das US-Energieministerium nach Japan geschickt hat, flankiert von NRC-Experten. "Wir haben einige der erfahrensten Leute im Feld", versichert Jaczko. Auch hat die NRC sein Operations Center in Maryland aktiviert - rund um die Uhr.

Dem liegt nicht nur Hilfsbereitschaft zugrunde. Die Erkenntnisse aus Fukushima dürften auch die Zukunft der US-Energiepolitik bestimmen.

Risiko: Nur alle 17.000 Jahre droht ein Vorfall wie in Fukushima

Zwar dürfte sich ein ähnlicher Vorfall wie in Fukushima nach Angaben der NRC in den USA nur alle 17.000 Jahre ereignen - trotz der bedenklichen Lage vieler amerikanischer AKW in Erdbeben-Regionen. Dennoch hat die NRC auf Anordnung Obamas jetzt eine eingehende Überprüfung aller US-Anlagen begonnen. Eine Task Force aus Top-Managern und vormaligen NRC-Insidern soll eine kurz- und langfristige Analyse der Lehren erstellen, "die aus der Situation in Japan gezogen werden können", und im Monatsrhythmus Bericht erstatten.

Obamas Energiewende steht unter Beschuss. In seiner letzten Rede zur Lage der Nation hatte er im Januar einen "Clean Energy Standard" (CES) ausgerufen - neue Maßgaben für saubere Energiequellen, die bis 2035 rund 80 Prozent des US-Stroms produzieren sollen.

36 Milliarden Dollar für die Atomkraft

Die Atomkraft ist dabei zentral, ihr sollen im kommenden Haushaltsjahr 36 Milliarden Dollar zugeschustert werden. Der Plan stieß jedoch bei ölfreudigen Republikanern schon vor dem Fukushima-Desaster auf massiven Widerstand.

Also trommelt Obama diese Woche für seine Linie, erst bei einer Rede an der Georgetown University, dann am Freitag bei einem Besuch einer UPS-Frachtstation in Maryland, um "grüne" Fahrzeuge und Trucks zu inspizieren.

Unterdessen kämpft GE um den Ruf seiner AKW-Konstruktion, einer der ältesten, die es gibt. Trotzdem beharrt GE auf ihrer Sicherheit und hat dazu eigens eine "Info-Website" eingerichtet, unter dem Titel: "Ins rechte Licht gerückt." Dort betont der Konzern unter anderem: "Der Mark 1 erfüllt alle behördlichen Anforderungen und funktioniert seit mehr als 40 Jahren bestens."

Auf der anderen Seite steht die schwache, doch seit der Japan-Katastrophe hörbarer gewordene Öko-Bewegung in den USA. "Die Situation in Fukushima bleibt schrecklich und unsicher", erklärt die Umweltgruppe Natural Resources Defense Council (NRDC) und forderte Obama auf, ältere Atomtechnologie mit Designschwächen "abzuwickeln". Die Überprüfung durch die NRC reiche dazu nicht.

Wie brisant die Situation in Japan ist, zeigte sich jetzt auch an der jüngsten Entscheidung des US-Energieministeriums. Um seine Leute aus der Gefahrenzone zu halten, wird jetzt ein anderer Hilfstrupp hinterhergeschickt - Roboter.

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Radtourist 30.03.2011
1. Energiewende in USA?
kann ich mir nicht so vorstellen und Obama halte ich für ziemlich konzeptlos und sehr durch Großkonzerne getrieben. Er tut das, was die Konzerne ihm vorschreiben. Mussolini nannte die Verschmelzung von Regierung und Großkonzernen übrigens "facsimo". Ich halte Obama für einen deutlich schlechteren Präsidenten als Georg Dabbeljuh, letzterer hatte noch Konzepte für eine Unabhängigkeit vom Öl...
Panasonic, 30.03.2011
2. Tja
In einem Land, in dem in jedem zweiten Satz "Awsome" oder "Amazing" intoniert wird (und die restlichen Sätze mit einem hysterischen "Oh my god" anfangen) könnte selbst eine Atomkatastrophe nichts an der "Weitsicht" der - und das tut mir wirklich leid sagen zu müssen - "wenig intellektuellen" Bevölkerung ändern. Übrigens: Eine kompltte Umstellung der USA auf regenerative Energien (also wirklich komplett) würde knapp 500 Milliarden US-Dollar kosten. Also weniger als ein Viertel von dem, was man bereits im aktuellen Irakkrieg ausgegeben hat. Aber das wird ja leider nicht auf MTV mit bunten Bildern - Awsome! - erklärt.
Originalaufnahme 30.03.2011
3. ===
Zitat von sysopSchwierige Gratwanderung für den Präsidenten: Die*Lage*in Fukushima löst*bei der US-Atombehörde tiefste Besorgnis und extrem kritische Fragen aus - zugleich erklärt sie US-Atomkraftwerke für sicher. Und Atomenergie ist zentraler Bestandteil von Obamas Plan für eine Energiewende. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,753940,00.html
Wie lange werden uns die PR-Leute und Lobbyisten im globalisierten Informationszeitalter vorgaukeln koennen, man wuerde uns auslachen, weil wir so klug sind, alten Schrott abzuschalten.
birchbarkbobananda 30.03.2011
4. wenn Subventionen für Verschmutzer wegfielen.....
......dann würde der wirklich freie Markt die Kohle Öl und Radioaktivenergie innerhalb von Monaten wegfegen. übrigens lest mal bei Reporter Greg Pallast http://www.gregpalast.com/no-bs-info-on-japan-nuclearobama-invites-tokyo-electric-to-build-us-nukes-with-taxpayer-funds/ 4 milliarden Dollar vom Obama Regime (entwendet vom amerikanischen Steuerzahler) sollen neue Kernkraftwerke in Texas bauen, und wer ist Bauherr? Tokio Electric Power Company. Herzlichen Glückwunsch für die Herren Hirnwäscher und Co und die frisch Hirngewaschenen, euch! Tata! weiterhin interessant sein könnte, dass ich mich schon seit 2005 vom Netz abgekoppelt habe und meinen eigenen Solarstrom produziere und verbrauche. Komme mit einem halben KW Leistung prima zurecht. Wenn all so wenig verbrauchten, könnten wir nicht nur morgen alle AKW für immer einmotten, sondern auch die ganzen Kohle Dreckschleudern. Die Zukunft ist schon längst angekommen, aber die Schlafenden träumen noch ihre Alpträume! Wacht auf! Schaut nach vorn! Und glaubt nicht alles was im Spiegel steht. Die Gemeinde Wildpoldsried im Allgäu macht es auch vor. Produzieren locker vom Hocker dreifaches des Eigenverbrauches, und warum leist man darüber nix?
fritz_64 30.03.2011
5. wieder mal die statistik
"Zwar dürfte sich ein ähnlicher Vorfall wie in Fukushima nach Angaben der NRC in den USA nur alle 17.000 Jahre ereignen - trotz der bedenklichen Lage vieler amerikanischer AKW in Erdbeben-Regionen." Lucens (schweiz) = 1 reaktor (geschmolzen) harrisburg = 1 reaktor (geschmolzen) tschernobyl = 1 reaktor (explodiert) fukushhima = 3-? reaktoren (geschmolzen - explodiert) und das in den letzten 41 jahren. aber es wird immer wieder versichert das die technik so sicher und absolut beherrschbar sei, sicher ein kleines, vernachlässigbares restrisiko gibt es schon, aber nach menschlichem ermessen...scheint so das wir nicht lernfähig sind und die statistiken lesen sich halt so schön.
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