Atomausstieg Regierungsberater fordern radikale Energiewende

Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung fordert in einem Gutachten einen massiven Umbau der Energieversorgung. Die Experten halten den kompletten Verzicht auf nukleare und fossile Energieträger ab 2050 für möglich. Ökonomen warnen allerdings vor den Kosten.
Windpark Küstrow: Umbau in der Energieversorgung steht an

Windpark Küstrow: Umbau in der Energieversorgung steht an

Foto: Z1017 Bernd Wüstneck/ dpa

Das wissenschaftliche Beratergremium der Bundesregierung fordert massive Anstrengungen für einen raschen Atomausstieg: Die langfristigen Umweltschäden durch fossile Energieträger wie Öl und Kohle seien viel teurer als ein Umstieg auf Öko-Energien, erklärt der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) in einem am Donnerstag vorgestellten Bericht. Außerdem seien die Folgen eines Atomunfalls nicht zu versichern. "Wir sind der Meinung, dass es darum geht, für das 21. Jahrhundert einen neuen Gesellschaftsvertrag auszuhandeln", sagte der WBGU-Vorsitzende Hans Joachim Schellnhuber. Die Bürger müssten bei der Energiewende mitgenommen werden, nötig sei ein gemeinsamer Kraftakt.

Als Ziel bis zum Jahr 2050 fordern die Experten die weltweite Umstellung auf eine Versorgung ohne nukleare und fossile Energieträger. Das Wohlstandsniveau werde dadurch nicht gefährdet, weil den Mehrkosten auch Einsparungen gegenüberstünden. Auch der Klimaschutz sei ohne Kernenergie möglich.

Der WBGU überreichte das Gutachten "Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation"  an Umweltminister Norbert Röttgen und Forschungsministerin Annette Schavan. Die beiden CDU-Politiker werteten die Studie als hilfreich in der aktuellen Energiedebatte.

"Die Vorschläge des WBGU unterstützen uns bei den jetzt anstehenden Maßnahmen beim Ausbau der erneuerbaren Energien, bei der Energieeffizienz und beim Klimaschutz", sagte Röttgen. Auch Schavan betonte: "Gerade jetzt hilft uns das Gutachten beim anstehenden Umbau der Energieversorgung."

Energiewende bietet auch wirtschaftliche Chancen

Widerspruch kam von Ökonomen. "Man muss sich darüber im Klaren sein, dass kurzfristig damit Produktionspotential wegfällt. Das heißt, der Wohlstand, den wir haben, wird teurer", sagte Kai Carstensen vom Münchner ifo-Institut bei der Vorstellung des Gutachtens. Wenn billiger Atomstrom wegfalle, erhöhe das die Energiekosten für die Industrie. Der Preisanstieg könne durch Stromimporte oder mehr erneuerbare Energien etwas gedämpft werden. Grundsätzlich müsse man sich aber fragen, ob stromintensive Branchen künftig in Deutschland noch wettbewerbsfähig seien.

Die Umwelt-Regierungsberater betonten dagegen die ökonomischen Chancen einer ökologischen Energiewende. Schon heute arbeiten rund 370.000 Menschen in diesem Bereich. Mit Blick auf einen Atomausstieg warnte Schellnhuber vor Schwarzmalerei. Bei einem Umstieg auf erneuerbare Energien und einer effizienten Energienutzung würden "nicht alle Lichter ausgehen". Stromeinsparungen von bis zu 40 Prozent seien möglich.

Bis Mitte Juni will die Bundesregierung über die zukünftige Energieversorgung beraten. In dieser Zeit werden zugleich die deutschen Kraftwerke auf ihre Sicherheit überprüft. Die sieben ältesten Meiler wurden hierfür vorübergehend stillgelegt.

Wegen der abgeschalteten Kraftwerke wird verstärkt Atomstrom aus Frankreich importiert. Energieversorger warnen, dass dies zu einem Dauerzustand werden könnte, falls Deutschland überstürzt aus der Atomkraft aussteige. Die vermehrten Importe haben aber nichts mit Stromknappheit zu tun - sondern damit, dass der eingeführte Strom zu gewissen Tageszeiten für die Stromhändler günstiger ist.

Fast die Hälfte würde höhere Strompreise in Kauf nehmen

Rund 70 Prozent der Deutschen lehnen den raschen Ausstieg aus der Kernkraft ab, wenn dann Atomstrom importiert werden müsste. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Allerdings sind die Bürger zu Opfern bereit, wenn ein Ausstieg ohne Importe geschafft wird. Eine Mehrheit von 64 Prozent ist dafür, angesichts der Atomkatastrophe von Fukushima noch vor dem Jahr 2020 komplett aus der Atomkraft auszusteigen.

Dafür sind die Bürger bereit, Stromtrassen und höhere Preise in Kauf zu nehmen: 66 Prozent würden es akzeptieren, dass in der Nähe des eigenen Wohnorts eine Stromautobahn errichtet wird. Fast die Hälfte der Befragten bereit, bis zu 40 Euro mehr pro Jahr für Elektrizität zu bezahlen, wenn dadurch die Energiewende beschleunigt wird.

Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs plädierte in der "Leipziger Volkszeitung" dafür, die älteren AKW nach Ablauf der drei Monate wieder ans Netz zu nehmen. "Ein Moratorium ist eine Denkpause. Ich hoffe, dass wir die als sicher erkannten Meiler nach der Denkphase wieder anschalten", sagte er. Mit einem Katalog von rund 80 Fragen verlangt Fuchs von der Bundesregierung Aufklärung über den künftigen Kurs in der Energiepolitik.

Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) sagte, es habe keinen Sinn, bereits jetzt einen genauen Zeitplan für das Abschalten des letzten Kernkraftwerks in Deutschland festzulegen. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte die Regierung in der "Süddeutschen Zeitung" dazu auf, sich bis zum Ende des Moratoriums für die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken Mitte Juni auch auf ein Milliardenprogramm für Investitionen festzulegen.

Deutscher Atomausstieg bis 2020 machbar

Die Mitglieder des WBGU plädieren hingegen für den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomkraft - ohne verstärkte Nutzung von Kohle und Öl. "Das fossil-nukleare System muss durch ein effizient-erneuerbares System ersetzt werden", betonte Schellnhuber. Er fügte hinzu, dass ein Ausstieg aus der Atomkraft bis 2020 vollendet werden könne.

Auch die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (Deneff) geht davon aus, dass ein Atomausstieg bis 2020 machbar ist. Im Stromsektor könnten demnach jährlich 68,3 Milliarden Kilowattstunden eingespart werden, im Wärmebereich 155 Milliarden Kilowattstunden.

In einer ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Studie kommt die Umweltorganisation Greenpeace zu dem Schluss, dass Deutschland sogar bis 2015 aus der Atomkraft aussteigen könne, "ohne dass dadurch negative Folgen für die Sicherheit der Stromversorgung, den Klimaschutz oder die Energiekosten entstehen".

wbr/dpa/dapd/AFP